Zeitung Heute : Arbeit an der Silhouette

Auf den Schauen in Paris wurde die Zeit der großen Couturiers beschworen

Katrin Kruse

Es ist unübersehbar: Die Form kommt in Mode. Gerade gingen die Pariser Prêt-à-Porter-Schauen zu Ende, jetzt kann man feststellen: Die Silhouette kommt zurück – und Paris wird wieder wichtig. Das eine hängt mit dem anderen eng zusammen. Die Schauen für den nächsten Winter nämlich brachten mit all den kurzen Kastenjacken mit ihren voluminösen Rücken, den eher schmalen Röcken und kokonartigen Mänteln vor allem eines in Erinnerung: die Zeit der großen Couturiers. Modemachen war Arbeit an der Silhouette, und Paris hat sie diktiert – gut möglich, dass ein wenig davon jetzt wiederkommt.

Sehr deutlich wird es am Beispiel Balenciaga. Ohnehin steht Paris mit gleich zwei Balenciaga-Ausstellungen im Zeichen des großen spanischen Couturiers der sechziger Jahre, der als „Architekt in der Mode“ gilt. Eine der beiden wird im Juli im Musée de la Mode eröffnen, mitkuratiert vom Balenciaga-Designer Nicolas Ghesquière. Seine Kollektion für den nächsten Winter hat er, zweifellos durch die Originale inspiriert, dem Gründer des Hauses gewidmet. Ghesquière zeigte vom Körper entfernte Kurzmäntel mit leichtem U-Boot-Ausschnitt und 3/4-Arm; doppelreihig geknöpfte, kastige Jacken mit Raglanärmeln und einem Minirock, der in breiten Kellerfalten vom Körper abstand. Er war farbenfroher als die anderen Kollektionen, aber in der Konzentration auf die Silhouette folgten ihm andere Designer nach.

Bei Yves Saint Laurent waren hellgraue, gewickelte Tulpenröcke aus fester Wolle zu sehen und Blousonjacketts in Salz-und-Pfeffer-Tweed. Salz-und-Pfeffer auch bei Chloé, man zeigte Mäntel, deren Volumen durch eine Raffung kurz unter der Schulter entsteht. Bei Givenchy zog sich das Volumen bis in die knotigen Strickoberteile. Und selbst Dries van Noten brachte das Schneiderkostüm zurück, mit einer fabelhaft maskulinen Note: Brauner Kreidestreifen, das doppelreihige Jackett nach Blusenart in den Rock gesteckt, dessen hohe Taille von einem schmalen Gürtel akzentuiert war. Zugleich verstand sich der belgische Designer am besten auf den Einsatz von Gold, das – neben Silber – die einzige erlaubte Form des Dekorativen im nächsten Winter ist. Sonst heißt es: Zurücknahme.

Es ist ja nicht so, dass die eine Form zurückkommt. Doch man nimmt die Farben ebenso zurück wie Applikation oder Rüsche – Schwarz, Schwarz, Schwarz wird die Farbe des nächsten Winters, neben Weiß und Erdtönen und einem überraschend leuchtenden Rot. Man besinnt sich darauf, dass man ein Kleidungsstück quasi architektonisch konstruieren kann. Hier gibt nicht der Körper die Form vor, hier entsteht Volumen nicht nur durch Stoffschichten, die herabfallen, sondern durch festen, in eine eigene Form gebrachten Stoff, der eine neue Silhouette schafft. Und der Gürtel bekommt die Funktion, das Volumen zu reduzieren und den Stoff in der Taille zusammenzuhalten.

Was wäre aber eine Tendenz ohne ihr Gegenstück? Auf diesen Schauen heißt das Gegenstück zur Form: Gothic. Gothic kommt in einer romantischen und einer rockigen Variante – doch man muss sagen, dass es gegen die konturierte Silhouette, gegen das reduzierte neue Erscheinungsbild etwas sehr Altmodisches hat. John Galliano zeigte für Dior ein Defilee des eher rockigen Gothic. Es begann mit schwarzen Kostümen und ging von weiß schließlich zu roten, hochgeschlitzt wehenden Chiffonroben über. Die Kollektion einten die mittelgescheitelten Langhaarperücken, Haarbänder und dunklen Sonnenbrillen der Models, die allerdings dazu führten, dass es manch einem Model nicht gelang, die Plexiglaswände zu umrunden, die den Laufsteganfang markierten. Ein mühsames Vorwärts. Ebenso wenig selbstverständlich war die überkomplexe Stoffmelange der Outfits: latexisiertes Leinen, lurexisierte Organza, Schlangenleder und in Streifen gearbeitetes Fell.

Fell in Streifen war auch bei Jean-Paul Gaultier zu sehen, der eine düster-romantische Kollektion zeigte, die viele fließende, mehrlagige Chiffonkleider umfasste. Karl Lagerfeld für Chanel schließlich zeigte schwarz-weiße Chanel-Kostüme, für den nächsten Winter mit längeren Jacken und Minirock. Im letzten Defileedrittel waren weite Chiffonhosen mit wehenden weiten Umhängen zu sehen, komplett in Schwarz.

Alles was weht, alles was als unruhige, überdekorierte Oberfläche daherkommt und eng am Körper anliegt, erscheint neben der neuen Silhouette seltsam aus der Mode: Und das ist wirklich neu. Die letzten Jahre nämlich hatte der so genannte Look die Mode bestimmt, in dem schließlich die Tasche, das Accessoire, zentral wurde. Bei H&M trifft längst nicht mehr saisonal, sondern wöchentlich neue Ware ein. Man mischt, man stellt zusammen, so sah die Mode aus.

Der Kreislauf dieser Mode ging so: Die großen Designer zeigen die neuen Tendenzen auf den Schauen, die sogleich von Ketten wie H&M oder Zara kopiert werden und dort in den Filialen hängen, noch bevor die ersten Designerstücke überhaupt in Produktion gegangen sind. Als die englische High-Street-Kette Top-Shop in der letzten Saison erstmals eine eigene Kollektion auf der Londoner Modewoche präsentierte, dachten manche, es sei mit der Trendhoheit der Designer vorbei. Man könne doch, hieß es mitunter, mit den Prêt-à-Porter Schauen nun ganz aufhören: ein Anachronismus! Im Pariser Modekaufhaus Colette hängt nun zwischen den großen Designerlabels auch die Top-Shop-Kollektion „unique“. Doch gegen genau diese Entwicklung, gegen das „Ineinssetzen“ von Modehäusern und Massenmode geht die Rückkehr der Pariser Designer zur Form. Die Silhouette bedeutet Beschränkung und hohe Schneiderkunst, das Funktionsprinzip der Modeketten hingegen ist Vielfalt, rascher Wechsel und simplere Konstruktion. Die Form also kommt in Mode – ein wenig wie damals zu Zeiten der großen Coutriers wie Christan Dior und Cristóbal Balenciaga. Und das ist wirklich neu.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben