Zeitung Heute : Arbeit macht immer mehr Menschen krank

Studie: Viele Leiden sind psychisch bedingt Angst vor Arbeitslosigkeit ist die häufigste Ursache

Verena Friederike Hasel

Berlin - Fast jede zehnte Krankmeldung in Deutschland geht auf psychische Beschwerden zurück. Das geht aus dem Bericht „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in Deutschland“ hervor, den der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) am Dienstag in Berlin vorstellte. Die Tendenz sei steigend, hieß es weiter. Im Jahr 2001 seien es 6,6 Prozent gewesen. Dabei handele es sich vor allem um depressive Verstimmungen. Ihre Ursache verortet die BDP-Vizepräsidentin Thordis Bethlehem am Arbeitsplatz selbst: „Schlechte Lebensqualität ist ein Resultat von schlechten Arbeitsbedingungen.“ Häufige Jobwechsel und prekäre Arbeitsverhältnisse seien psychische Belastungen, sagte die Psychologin. „Unsicherheit ist inzwischen ein ständiger Begleiter.“ Besonders negativ wirke sich die Angst vor Arbeitslosigkeit aus.

In der bundesweiten Studie, die der BDP vorlegte, berichteten Menschen, die fürchteten, ihre Stelle zu verlieren, vermehrt über die anhaltende Besorgnis, soziale Spannungen und Gefühle von Isolation. Damit nahmen sie nach Ansicht des BDP die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit gleichsam vorweg. „Menschen, die fortwährend um ihre Arbeit bangen müssen, geht es nicht viel besser als Arbeitslosen selbst“, sagte Bethlehem.

Der Arbeitspsychologe Eberhard Ulich von der Universität Zürich wies ferner darauf hin, dass sich Phasen, in denen Menschen keiner geregelten Arbeit nachgehen, derzeit zu einem Bestandteil fast jeder Biografie entwickeln: „Arbeitslosigkeit wird schon bald eine Allgemeinerfahrung von jungen Menschen sein.“ Dabei verwies Ulich auf die Sächsische Längsschnittstudie, die seit 1987 eine Gruppe junger Menschen aus den neuen Bundesländern begleitet. 2007 waren die Teilnehmer im Schnitt 34 Jahre alt. Bis dahin waren über 70 Prozent von ihnen bereits ein- oder mehrmals arbeitslos gewesen.

Gesondert verwies der BDP auf die schwierige Arbeitssituation der Lehrer: 52 Prozent der Frühpensionierungen in diesem Bereich erfolgen aufgrund eines psychischen Befunds, heißt es in dem Bericht. Viele Lehrer seien chronisch überfordert. Einerseits verlange man von ihnen, in ihrer Arbeit mit Schülern gesellschaftliche Defizite auszugleichen. Andererseits seien sie in der Gesellschaft mit einer allgemeinen Geringschätzung ihres Berufs konfrontiert.

Insgesamt sprach Bethlehem von einem „Vertrauensverlust“ in der Bevölkerung. Das schade auch den Unternehmen selbst. „Vertrauen ist der Schmierstoff im Getriebe jeder Firma.“ Bethlehem forderte eine stärkere betriebliche Gesundheitsförderung und Sensibilität für die psychischen Belastungen von Mitarbeitern. Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, nähmen viele Umstände in Kauf, die ihr Privatleben erschwerten: „Jeder Umzug, jede Wochenendbeziehung kann eine kleine Lebenskrise bedeuten.“

Der Leiter des Arbeitskreises „Psychische Belastungen“ der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Norbert Breutmann, sagte, die Unternehmen seien sich der psychischen Belastungen durch die Arbeit wohl bewusst. „Wir verhalten uns offensiv dazu.“ Allerdings sieht er die Unternehmen nicht in der Lage, die Angst vor Arbeitslosigkeit abzufangen. „Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Martin Kordt von der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) warnte im Gespräch mit dem Tagesspiegel davor, die Gründe für die Zunahme an psychischen Erkrankungen allein in den Arbeitsbedingungen zu suchen. „Das ist ein zu einfacher Ursachenzusammenhang.“ Private Umstände seien oft ausschlaggebend. Auch die Bereitschaft, psychische Probleme zuzugeben, sei allgemein gestiegen.

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