Zeitung Heute : Arbeit verlängert das Leben

Der Tagesspiegel

Arbeitslosigkeit macht arm, krank und einsam. So lautet das Resümee einer Arbeitsgruppe um Gerhard Meinlschmidt, die in der Sozialverwaltung von Senatorin Heidi Knake-Werner laufend die Sozialdaten Berlins auswertet. Überraschend ist die Schlussfolgerung, dass die soziale Lage im ehemaligen Ost-Berlin günstiger ist als die im Westen. Trotzdem gebe es in der Stadt im sozialen Bereich keine Entspannung, sagt Meinlschmidt. Im Gegenteil: Verglichen mit anderen deutschen Großstädten zeige sich in Berlin durch Arbeitslosigkeit, Armut und Spardruck ein Trend nach unten. Gerade die Arbeitslosigkeit treibt die Sozialhilfe in die Höhe, verteuert das Gesundheitswesen und sammelt sozialen Sprengstoff an.

Arbeitslose müssen den Gürtel finanziell enger schnallen – eine Binsenweisheit. Doch dass dieser Weg mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Armut führt, ist weniger bekannt. Da wo Arbeitslosigkeit am größten ist, da herrscht auch finanzielle Ebbe. „Jeder vierte Kreuzberger lebt in Armut“, sagt Meinlschmidt. Das heißt, er lebt in einem Haushalt mit einem Einkommen unter 545 Euro im Monat – die Statistiker ziehen hier die Armutsgrenze. Die Armutsquote ist mit 14,2 Prozent im Westteil der Stadt wesentlich höher, als im Osten mit 10,6 Prozent – der Bundesdurchschnitt liegt bei 8,9 Prozent.

Ähnlich überraschend ist die Arbeitslosenquote: Gerade in den verpönten Plattenbezirken Marzahn und Hellersdorf ist die Quote mit rund 16 Prozent (Januar 2002) wesentlich geringer als in Neukölln (22 Prozent) oder Spandau (19 Prozent). Von Verslummung in den DDR-Mietskasernen also keine Spur, im Gegenteil: Die Ost-Berliner Bezirke verharren seit Jahren auf einem günstigen Niveau. Das gilt auch für die Einkommen. Ursache: „Dort findet man meist stabile Familien mit zwei Verdienern“, sagt Meinlschmidt.

Von der Arbeitslosigkeit hängen auch die Gesundheit und sogar die Lebenserwartung ab. In den Brennpunkten der Stadt, wo eine hohe Arbeitslosigkeit vorhanden ist, vernachlässigen die Menschen ihre Gesundheit und sterben eher an vermeidbaren Krankheiten. „Rauchen, Alkoholmissbrauch und ungesunde Ernährung sind hier weit verbreitet“, sagt Meinlschmidt. Und kann dies auch mit Zahlen belegen: in Kreuzberg – zum Zeitpunkt von Meinlschmidts Erhebung im Januar 2001 ein Gebiet mit sehr hoher Arbeitslosigkeit (rund 31 Prozent) – sterben Männer im Schnitt fünf Jahre früher als in Zehlendorf mit der geringsten Arbeitslosenquote von 11 Prozent, wo sie auf eine Lebenserwartung von 76 Jahren hoffen können. In Lichtenberg und Hellersdorf liegt sie bei 74,5 Jahren.

Überhaupt haben Arbeitslose – statistisch betrachtet – ein hohes Risiko, schwer zu erkranken. Finden sie lange keinen neuen Job, landen sie oft im Krankenhaus und kommen so schnell auch nicht wieder raus. „Die Verweildauer im Krankenhaus ist überdurchschnittlich hoch“, sagen die Statistiker. Häufig sind es psychische Probleme, die dazu zwingen, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Viele verkraften die zunehmende Verelendung und die Einsamkeit nicht. Denn auch das ist ein gravierendes Schicksal, das Arbeitslose treffen kann. Die Familien kommen mit den Belastungen der Arbeitslosigkeit nicht klar, Ehen scheitern nicht selten daran. „Je länger man keinen Job findet, desto größer ist die Gefahr, dass die Familie zerbricht“, sagt Meinlschmidt.

Das heißt, wer die Arbeitslosigkeit in den Griff bekommt, wer für stabile Beschäftigungsverhältnisse sorgt, kann auch die negativen sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit erheblich mindern. „Ja, es muss eine Umverteilung der Geldströme stattfinden“, sagt Meinlschmidt. Aber das Geld, das für Gesundheitsvorsorge, Sozialhilfe oder Bildungsprogramme ausgegeben wird, in die Beschäftigungspolitik zu stecken, sei keine Lösung, so der Wissenschaftler. „Selbst wenn die Arbeitslosigkeit auf null Prozent sänke, gäbe es zwar weniger, aber weiterhin Probleme mit der Gesundheitsfürsorge, hoher Armut oder mangelnder Bildung.“

Ingo Bach

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