ARBEITEN AUF DEM CAMPUS Wie Studierende den richtigen Nebenjob finden : Verdienen und studieren

Job und Studium unter einem Dach, erste Erfahrungen in der Lehre: Warum „Hiwi-Stellen“ ideal sind

Hannes Heine

Die Dame ist beeindruckt. Seit ihrer Kindheit kennt sie die Humboldt-Universität, doch an diesem Spätsommertag wird ihr etwas Neues erzählt: Die namensgebenden Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt riefen beim Volk nicht nur gegenteilige Reaktionen hervor. Naturwissenschaftler Alexander war beliebt, Politiker Wilhelm wurde angefeindet. Auch heute schauen die Denkmäler der beiden vor dem Hauptgebäude der Uni in entgegengesetzte Richtung: Alexander zum Alexanderplatz, Wilhelm in Richtung Wilhelmstraße. Die Dame ist entzückt.

Erklärt hat ihr das Philipp Öhlmann, 24 Jahre, Geschichtsstudent und Campusführer. Er ist einer von sechs studentischen Mitarbeitern der Humboldt-Universität (HU), die kleine Gruppen interessierter Besucher über das Hochschulgelände führen. „Ein angenehmer Job“, sagt er. Relativ angenehm dürfte auch der Lohn sein. Öhlmann bekommt einen Basisbetrag und pro Teilnehmer eine Pauschale – bis zu 14 Euro erhält der angehende Historiker so in der Stunde.

Soviel Geld würden andere gern verdienen. In den Kneipen Berlins, in denen Tausende Studenten kellnern, gibt es auch mit Trinkgeld häufig weniger als zehn Euro die Stunde. Dabei brauchen viele dringend Geld. Rund 70 Prozent der Berliner Studierenden leben nicht mehr bei ihren Eltern, die deshalb Unterhalt zahlen müssten. Doch oft reicht das Familieneinkommen nicht. Bafög bekommt auch nicht jeder – und außerdem muss das Geld nach dem Studium zur Hälfte zurückgezahlt werden.

Dabei macht der volle Stundenplan der Bachelor- und Masterprogramme den arbeitenden Studenten das Leben schwer: Kaum noch Zeit habe man, klagen viele, schon gar nicht für einen Job irgendwo in der Stadt. Fast zwei Drittel aller Studierenden gehen arbeiten. Philipp Öhlmanns Job gilt für viele Studierende als ideal: Lernen und Geldverdienen im selben Gebäude. Knapp 1600 der rund 35000 HU-Studenten arbeiten auf den Campi in Mitte und Adlershof.

Die Arbeit als studentische Hilfskraft – Hochschuljargon „Hiwi-Stelle“ – hat auch andere Vorteile: Anders als in den meisten Kneipen gibt es einen regulären Arbeitsvertrag und einen festen Lohn. Und der Hiwi schnuppert schon mal ins akademische Berufsleben. Das kann zwar auch bedeuten, für die Kollegen Kaffee zu kochen, am Kopierer zu stehen oder in der Bibliothek wochenlang nach Aufsätzen zu suchen. Doch wer nach dem Abschluss in der Wissenschaft arbeiten will, knüpft so erste Kontakte.

Am häufigsten werden Studenten von Professoren ihres Studienfaches angestellt. Wer in der Vorlesung positiv auffällt, gute Noten hat und nicht auf den Mund gefallen ist, kann seinen Dozenten nach einer Stelle fragen. Häufig bitten Professoren ihre aktuellen Mitarbeiter, sich nach geeigneten Kandidaten umzuschauen. Denn spätestens nach dem Studienabschluss ihrer Hiwis müssen die Stellen neu besetzt werden. Wer von einem Alt-Hiwi empfohlen wird, hat gute Chancen auf die Stelle, heißt es unter den studentischen Hilfskräften. Am besten bewerbe man sich dort, wo einen der Professor und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter schon kennen. Bekannte in den höheren Semestern helfen weiter. Oder der Personalrat.

Ralf Miltenberger, 25 Jahre alt und angehender Archäologe, ist einer von 13 gewählten Mitgliedern des Personalrats für die studentischen Beschäftigten, der sich um die Rechte der Hiwis kümmert. Miltenberger rät Neulingen, einfach mit offenen Augen durch die HU zu gehen. Stellenangebote müssten schon laut Gesetz „in der Uni für jedermann sichtbar ausgehangen werden“. Wer über den Campus laufe, finde an den Schwarzen Brettern der Institute zahlreiche Angebote: Auch Philipp Öhlmann fand seine Stelle als Touristenführer am Schwarzen Brett.

Doch Hiwis werden überall gebraucht: Das Rechenzentrum sucht Studierende, die die Computer betreuen, in den Verwaltungen der Fachbereichsbibliotheken helfen Hiwis, bei der Prüfungsberatung geben sie Neulingen Tipps. Auch der Humboldt-Store im Hauptgebäude braucht Mitarbeiter, vor allem solche, denen lockere Gespräche mit Touristen leicht fallen. Für alle Jobs gilt meistens: Mindestens drei Semester eines Studiums sollten Bewerber absolviert haben.

Oft können Hiwis jüngeren Kommilitonen helfen – vor allem in Tutorien, den Übungsveranstaltungen, die ergänzend zu den Vorlesungen stattfinden. Gerade für Erstsemester sind die Teilzeit-Dozenten die wertvollsten Betreuer: Sie können sich mitunter nicht nur mehr Zeit nehmen als der Professor, sondern kennen auch die Probleme der jüngeren Kommilitonen. Der HU-Vizepräsident für Studium und Lehre, Uwe Jens Nagel, hat vor kurzem angekündigt, dass die Universität für Erstsemester-Kurse noch mehr Tutorinnen und Tutoren einstellen will. Sie sollen den Anfängern den Einstieg in das Studium weiter erleichtern.

Für die begehrten Jobs auf dem Campus gibt es klare Regeln: Die Stellen als studentischer Mitarbeiter umfassen meist 40 Stunden im Monat, also zehn Stunden in der Woche. Die Verträge laufen in der Regel für zwei Jahre und werden über eine Lohnsteuerkarte abgerechnet. Wer an der Humboldt-Universität arbeitet, bekommt einen von den Gewerkschaften ausgehandelten Tariflohn: 10,98 Euro brutto in der Stunde. Im Rest der Republik bekommen studentische Mitarbeiter oft weniger: manchmal nur sechs Euro. Hochschuljobs sind sozialversicherungspflichtig: Knapp zehn Prozent Rentenbeitrag werden abgezogen, 423 Euro netto bleiben im Monat übrig. Erst bei mehr als 20 Stunden in der Woche Arbeit müssen Steuern gezahlt werden.

Noch ein Vorteil für Hilfskräfte: Stehen Prüfungen an, haben sie es oft leichter als ihre Kommilitonen, die ihre Abende kellnernd in lärmenden Kneipen verbringen. Denn Professoren geben ihren studentischen Mitarbeitern vor Klausuren und Examen auch manchmal einfach frei.

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