Zeitung Heute : Arbeiten und Wohnen: Wenn die Liege die Wand hoch kriecht

Rolf Brockschmidt

Ist das nun ein Möbel, ein Raum, eine Wohnlandschaft oder was? Natürlich erkennt der Besucher eine frei schwebende, breite gepolsterte Liege, auf der es sich angenehm lümmeln lässt. Natürlich hat diese Liege auch ein Kopfende, damit man auch sitzen kann. Aber dann? Die Lehne kriecht an der Wand hoch, geht nahtlos über in die Deckenverkleidung, um schließlich an der gegenüberliegenden Wand wieder herabzusteigen. Aber nicht nur das. Gegenüber geht die Wandverkleidung in die Breite, raumhoch und hat zudem noch einen schräg herausragenden Keil, in dem sich ein Monitor verbirgt.

Auf den ersten Blick hat dieser Raum mit den Polstermodulen etwas von Wohnlandschaft à la Verner Panton oder Gummizelle. Es ist kein Wohnzimmer, aber auch kein reines Arbeitszimmer, sondern ein sowohl-als-auch. Die beiden jungen Designerinnen und Innenarchitektinnen Alexandra Martini und Henrike Meyer haben diesen und andere Räume für die Firma "das werk" gestaltet.

Fließende Grenzen

Die Bedürfnisse der Firma verlangen ein ungewöhnliches Konzept. Postproduktion ist ihr Metier, das heißt, im Idealfall kommt ein Regisseur morgens mit einer Filmrolle unter dem Arm und geht abends mit einer digital bearbeiteten, sendefertigen Kassette für seinen Werbespot vom Hof. Zeit ist Geld in diesem Job. Und diese Leute sind oft schon unzählige Stunden unterwegs, bevor sie dann mit ihrem Material erscheinen. "Postproduktion ist Lebensraum", sagt ein Farbgestalter. Die Grenzen zwischen Arbeiten und Abschalten sind fließend, theoretisch können die Räume 24 Stunden am Stück genutzt werden. Da muss auch für den Kunden die halbe Stunde "powernapping" drin sein. Daher die Liegen.

Während also Regisseur und Kameramann die Bearbeitung ihres Filmmaterials direkt am Produktionstisch vor den Monitoren überwachen, kann der Kunde entspannt auf der Liege Platz nehmen und blendfrei die Filmbearbeitung im Monitor, der schräg aus der Wand herauslugt, beobachten. Eine Leselampe sowie ein Internetanschluss gehören zu der Liege, er kann sein Laptop auspacken und mit der Welt kommunizieren. Ein raumhohes Polsterpaneel läuft in Schienen und lässt sich hin- und herschieben, so dass man auch aufrecht sitzen kann. Es wird keine Sitzhaltung vorgeschrieben.

Wenn noch mehr Leute im Raum sind, können sie sich ganz entspannt gegen die Wand legen. Die Microfaser, die aussieht wie Nappaleder, ist absolut pflegeleicht. Ein Wisch, und alle Spuren sind beseitigt. Man darf sich also auch mit den Füßen an der Wand abstützen.

"Long medium short endless" ist das Gestaltungsmotto der beiden Designerinnen für diese Räume. Das bezieht sich sowohl auf die Verweildauer von einer halben Stunde bis zu mehreren Tagen, aber auch auf die Lage der Elemente im Raum.

Frei schwebend am Fenster

Was tun die Kreativen, wenn es keine Sitzplätze mehr gibt? Richtig, sie setzen sich auf die Heizung. Auch hierfür haben die beiden Designerinnen sich etwas einfallen lassen. Eine schmale Liege mit sehr hohem Kopfende, gepolstert und frei schwebend in Fensterbankhöhe, erlaubt einerseits ein bequemes Sitzen am Fenster, bietet andererseits einen guten Überblick im Raum. Zwar ist dies alles für "das werk" maßgeschneidert entworfen, aber solch ein Liegeruhemöbel am Fenster lässt sich für eine stabile Wand, die die Stahlkonstruktion halten muss, auch individuell besorgen, versichert Alexandra Martini. Das Büro Martini Meyer existiert seit Anfang des vergangenen Jahres. Beide haben an der Hochschule der Künste Berlin bei Achim Heine Produktdesign studiert. Alexandra Martini setzte ihre Ausbildung bei Ron Arad in London am Royal College of Art fort, während Henrike Meyer frei arbeitete. Zu ihren Kunden gehören unter anderem DaimlerChrysler und das Goethe-Institut.

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