Zeitung Heute : Arbeitsamt: Vom Apparat zum Dienstleister

Thomas Gesterkamp

Endloses Schlangestehen und stundenlanges Warten, Streit mit entnervten Sachbearbeitern, zeitraubendes Gerenne von Abteilung zu Abteilung: Auf den Fluren der Arbeitsämter kann es deprimierend und bisweilen sogar richtig aggressiv zugehen. Kein Wunder: Die Mitarbeiter fühlen sich den Problemen der Antragsteller nicht gewachsen - die Jobsuchenden fühlen sich oft weniger beraten als vielmehr bevormundet. Bis Ende 2002 soll allerdings das Geschichte sein.

Alle 181 Arbeitsämter inklusive der 651 Nebenstellen sollen bis dahin umstrukturiert werden. "Das größte Organisationsprojekt in der Geschichte der Bundesanstalt" nennt das Wilhelm Adamy, der für den Deutschen Gewerkschafts Bund im Verwaltungsvorstand der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg sitzt. Mit gut 86 000 Beschäftigten sind die Arbeitsämter der größte öffentlicher Verwaltungsbetrieb in Deutschland.

Arbeitssuchende müssen sich nach dem neuen Konzept nicht mehr auf dunklen Gängen und vor verschlossenen Türen die Zeit vertreiben. Schon im Eingangsbereich begrüßt sie statt der obligatorischen Wartemarke der "Kundenservice", eine Art offene Theke, wo sie im persönlichen Gespräch ihr Anliegen vortragen können. Einfache Probleme, etwa die Änderung einer Kontonummer, werden sofort erledigt.

"Früher konnte es einem Betroffenen passieren, dass er für eine solche Bagatelle zwei Stunden im Amt herumsitzen musste", weiß Eberhard Einsiedler, Vorsitzender des Hauptpersonalrates in der Nürnberger Zentrale. Auch bei komplizierteren Wünschen wird der "Kunde" nicht mehr von einem Sachbearbeiter zum nächsten geschickt. Stattdessen kümmert sich um ihn eine fachübergreifende Gruppe von im Schnitt 19 Angestellten, die das gesamte Aufgabenspektrum "selbststeuernd" bearbeiten: Sie machen Berufsberatung, vermitteln Stellenangebote, veranlassen aber auch die Auszahlung der gesetzlichen Leistungen wie etwa des Arbeitslosengeldes. Alle Fragen und Problemlösungen sollen möglichst von einem Mitarbeiter auf den Weg gebracht werden.

Eine Besucherbefragung der Stiftung Warentest bewertete den Versuch schon im August 1998 als Erfolg. Drei der vier Arbeitsämter Saarbrücken, Dortmund, Halberstadt und Heilbronn, die sich seit 1993 beziehungsweise 1997 an einem Modellversuch "ganzheitliche Bearbeitung und Beratung aus einer Hand" beteiligt hatten, belegten die vorderen Plätze. Eine im Sommer vorgelegte "Kundenbefragung" der Mannheimer Fachhochschule des Bundes (Bereich Arbeitsverwaltung) kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Für die jetzt 23 Modellämter stellt sie fest, dass sich die Wartezeiten der Kunden "deutlich reduziert" haben. Zudem - sagt die jüngste Expertise - zeichne sich ein positiver Trend bei der Zahl der Arbeitsvermittlungen pro Mitarbeiter ab.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Organisationsreform macht vor allem das mittlere Management, das eine Degradierung - oder zumindest einen Abbau ihrer alten Pfründe - fürchtet. Aber auch unter anderen Mitarbeitern "hält sich die Begeisterung in Grenzen", hat Johannes Jakob vom DGB-Bundesvorstand beobachtet. Der Arbeitsmarktexperte schätzt, dass ein Drittel der Belegschaft der Reform skeptisch gegenübersteht. Manche hätten bisher "im stillen Kämmerlein" Leistungsanträge bearbeitet und wenig Kontakt nach außen gehabt: "Die Anforderungen an den einzelnen werden durch die Teams größer." Um die Qualifizierung der eigenen Leute für die erweiterten Aufgaben habe sich die Bundesanstalt aber vorbildlich gekümmert, heißt es.

"Per Erlass von oben wird sich die Reform nicht bewältigen lassen", glaubt in jedem Fall Peter Ochs vom Saarbrücker iso-Institut. Der Soziologe und Unternehmensberater hat das örtliche Modellprojekt wissenschaftlich begleitet: "Im Kopf des einzelnen Mitarbeiters, vom Angestellten bis hinauf zum Direktor, muss das Entscheidende geschehen." Eine "noch unzureichende Beteiligung der Beschäftigten am Prozess" moniert Hauptpersonalrat Eberhard Einsiedler. Wurden Entscheidungen früher auf den oberen Führungsebenen gefällt und dann weisungsgebunden von den Untergebenen umgesetzt, so sollen sich heute alle Team-Mitglieder gemeinsam über ihre Ziele beraten.

Der Umbau der Großbehörde Arbeitsamt hat freilich erst begonnen. Selbst in den Modellämtern klagen Mitarbeiter über die weiterhin umständlichen Verwaltungsabläufe; echte Teamarbeit ist keineswegs überall selbstverständlich. Personalrat Eberhard Einsiedler rät zu Geduld. Eine solche Mammutreform, räumt der Verwaltungsprofi ein, "kann nicht von heute auf morgen realisiert werden".

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