Zeitung Heute : Arbeitsamt zieht mit Erwerbslosen an die Ostseeküste

Der Tagesspiegel

Steglitz. Der Flur im Arbeitsamt Berlin Südwest am Händelplatz 1 in Steglitz quillt über. Mehr als 100 Arbeitslose sitzen auf gepackten Taschen und Koffern, draußen warten zwei Reisebusse: „Erst mal ein paar Tage Urlaub mit dem Arbeitsamt machen“, flachst ein Mittvierziger, der seit dem Winter ohne Job ist. Trotz solcher Witzeleien will keine rechte Klassenfahrt-Stimmung aufkommen. Die Kaffeefahrt mit dem Arbeitsamt ist eine harte Job-Tour entlang der Ostseeküste. In den Seebädern von Malente über Timmendorf bis Burg auf Fehmarn haben die Vermittler Job-Börsen vorbereitet. Hier warten Hoteliers und Wirte, um sich mit Personal für die Badesaison einzudecken.

Für einen Sommer servieren dann Berliner Kellner und Buffetiers an den Ostseestränden Speis und Trank. Der Job-Treck an die Küste lohnt sich auch fürs Arbeitsamt. Mitte letzter Woche fuhr die „Fachvermittlung für Hotel- und Gaststättenpersonal“ 109 mit Arbeitslosen zu den Job-Börsen; als der Bus am Sonnabend wieder in Berlin ankam, hatten gut 70 Mitgereiste eine neue Stelle in der Fremde gefunden.: „Manche Küchenchefs haben drei, vier Köche eingestellt“, freut sich Arbeitsberaterin Karin Viehöfer. Viele gehen schweren Herzens. Junge Paare halten vor der Trennung Händchen. „Aber man muss ja mal rauskommen“, sagte Regina A. Rund ein Jahr war sie in Berlin arbeitslos und sah „da oben bessere Chancen“. Jetzt arbeitet sie als Zimmermädchen mit Meeresblick.

Andere zieht der höhere Lohn an die Küste. Thomas Otto und Mirko Radetzki, beide 19 Jahre alt, beide ungelernt, versuchen ihr Glück gemeinsam als Küchenhilfen. „Wir gehen, um Geld zu verdienen. Da oben bekommt man mehr.“ Die Aussagen decken auf, woran der Berliner Arbeitsmarkt in der Gastronomie seit Jahren krankt. Anneliese Rohwerder, Teamleiterin für die Hotel- und Gaststättenberufe, kennt die Probleme: „In Berlin sind derzeit rund 16 000 Service- und Küchenkräfte arbeitslos gemeldet und die Gastro-Branche meldet nur 400 offene Stellen.“ Das Ungleichgewicht drücke auf die Löhne.

In der schwierigen Situation der arbeitslosen Kellner und Köche sollen Job-Reisen und „Mobilitätsprämien“ in Höhe von 500 Euro jedem wanderwilligen Arbeitslosen neue Chancen eröffnen. Viele sind es nicht, die die Gelegenheit beim Schopfe packen: 2700 Arbeitslosen-Profile haben Karin Viehöfer und ihre Kolleginnen gesichtet, 800 passende Bewerber von der Küchenhilfe bis zum Decksteward zu Info-Tagen eingeladen. 350 sind gekommen, 130 sagten für die Job-Tour zu. Acht Wochen dauerten die Vorbereitungen, runde 24 380 Euro kostet die Aktion. Anneliese Rohwerder spricht dennoch von einem Erfolg, denn an Transfer-Leistungen spare das Arbeitsamt bei 70 Vermittlungen gut 336 000 Euro. Und so startet am 15. April ein zweiter Job-Express Richtung Berchtesgaden. Noch ist Platz im Bus. Interessenten wenden sich an Karin Viehöfer, Tel. 5555-814250 beim Arbeitsamt Berlin Südwest, Händelplatz 1, 12203 Berlin.Thomas Neubacher-Riens

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