Zeitung Heute : Arbeitslos in Seattle

Der Tagesspiegel

Millionär sein und nie mehr arbeiten müssen, das wäre doch was. Walt Moore, Pionier bei Microsoft, hat die Programmiersprache Basic entwickelt und war noch bei Windows NT dabei. Ein bärtiger Mann mit Brille, die Aktienoptionen haben ihm Millionen beschert. Jetzt ist er Mitte 40, Ruheständler – und ein unglücklicher Mensch.

Gegenüber dem Microsoft-Campus in Redmond bei Seattle hat er sich eine Villa gekauft und zeigt dem Filmteam die vielen Schlafzimmer, die perfekt ausgestattete Küche. Seit eineinhalb Jahren renoviert er seinen Palast. Die Langsamkeit, mit der er den Baudreck zusammenkehrt, verrät, dass er es mit dem Einziehen nicht eilig hat. Was soll er hier: ein Mann, alleine in einer Villa mit 20 Zimmern? Walt leidet unter der Waltheimerschen Krankheit. Als er noch für Bill Gates schuftete, haben sie sein Problem Burn- out-Syndrom genannt, eine Berufskrankheit eines Spitzenprogrammierers.

Irgendwann bist du langsamer als die 20-Jährigen, irgendwann hast du eine Blockade. Er sei ein vegetable geworden, sagt Walt. Jetzt sitzt er im gigantischen Family Room der Villa, auf einem Campingstuhl, und hat nur noch sich. Er hat keine Übung darin, den lieben langen Tag nur mit diesem Ich zu tun haben, das er nicht kennt.

Reich und im Ruhestand, das verursacht Schuldgefühle. Seattle ist eine Stadt voller arbeitsloser Millionäre, voller Opfer der New Economy und des aggressiven Erfolgsdrucks. Die Filmemacherinnen Corinna Belz und Regina Schilling haben einige von ihnen besucht („Leben nach Microsoft“, Arte, 20 Uhr 42). Marlin, der nach der Kündigung 25 von 27 Millionen Dollar mit einer eigenen Firma in den Sand gesetzt hat. Dave und Penny, die ihren ganzen Ehrgeiz in die Ausbildung der kleinen Tochter stecken. Früher haben sie Computer programmiert, jetzt programmieren sie ihr Kind. Nur Trish, eine der wenigen schwarzen Frauen bei Microsoft, weiß mit ihrem übrig gebliebenen Ich etwas anzufangen. Sie organisiert Fortbildungsprogramme für sozial schwache Kids.

„Leben nach Microsoft“ erzählt – still, präzise, ohne didaktische Ausrufezeichen – lauter stille Tragödien. Tragödien aus der Welt jenes amerikanischen Kapitalismus, in dem die Identität eines Menschen ausschließlich aus seiner Arbeitsleistung besteht. Mark und seine Kollegen sind lebendige Tote. Und die Gedenkplaketten auf dem Campus zu Ehren der Windows-Produkte nehmen sich aus wie Grabplatten in Erinnerung an verlustreiche Kriege. Christiane Peitz

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