Arbeitsmarkt : Mühe mit dem Lohn

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland von Niedriglöhnen leben müssen, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

Cordula Eubel
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In Deutschland arbeiten immer mehr Menschen im Niedriglohnbereich: Gut jeder fünfte Beschäftigte erhält weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns, ergibt eine aktuelle Untersuchung des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg. Damit liegt Deutschland nur noch knapp unter dem Niveau der USA (25 Prozent). Im Vergleich der kontinental-europäischen Länder liegt Deutschland inzwischen an erster Stelle. Der Anteil der Geringverdiener ist im letzten Jahrzehnt rasant gestiegen – von 15 Prozent im Jahr 1995 auf 22,2 Prozent im Jahr 2006.

In Ostdeutschland verdient gut eine Million Beschäftigte weniger als 6,81 Euro pro Stunde, im Westen erhalten etwa 5,4 Millionen Menschen einen Stundenlohn von weniger als 9,61 Euro. Das Lohnniveau ist nach Angaben der Forscher in den vergangenen Jahren deutlich unter Druck geraten – durch die Ausweitung billiger Minijobs, die Deregulierung der Zeitarbeit und die Ausgliederung von Tätigkeiten in Branchen ohne Tarifbindung. Zwischen 2004 und 2006 sind die durchschnittlichen Niedriglöhne jedes Jahr gesunken, die Zahl der Beschäftigten mit einem Bruttostundenlohn von bis zu fünf Euro stieg in dem Zeitraum von 1,5 auf 1,9 Millionen. „Offenbar wächst nicht nur der Umfang des Niedriglohnsektors, es gibt auch deutliche Anzeichen dafür, dass sich das Lohnspektrum nach unten weiter ausdehnt“, heißt es in der Untersuchung. Eine solche Ausdifferenzierung der Löhne ist in den europäischen Nachbarländern nicht festzustellen. Dort verhindern Mindestlöhne von acht bis neun Euro und tarifliche Standards (zum Beispiel in Dänemark) den freien Fall nach unten.

Gering bezahlte Jobs finden sich in erster Linie im Dienstleistungsbereich: im Einzelhandel, im Hotel- und Gaststättengewerbe oder in der Altenpflege. Besonders hoch ist das Niedriglohnrisiko mit 90 Prozent in der Berufsgruppe der Friseure, die in den neuen Ländern zum Teil Tariflöhne von weniger als vier Euro pro Stunde erhalten. Unter allen gering bezahlten Arbeitsplätzen machen Minijobs einen Anteil von fast 30 Prozent aus. Knapp ein Viertel sind Beschäftigte, die eine Teilzeitstelle haben.

Auffällig ist nach Ansicht der Wissenschaftler, dass ein hoher Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor keine Geringqualifizierten sind. Gut drei Viertel haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss. Dies sei „umso gravierender“, als in Deutschland die Chancen, aus einem Niedriglohnjob in eine besser bezahlte Beschäftigung zu kommen, im internationalen Vergleich besonders gering seien, beklagen die Arbeitsmarktforscher. So zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass in Deutschland nur gut jeder Achte den Aufstieg schafft.

Dass ein Großteil der Betroffenen dauerhaft im Niedriglohnsektor verbleibt, ist auch deswegen problematisch, weil das Armutsrisiko in dieser Personengruppe höher ist. Ein niedriger Lohn bedeutet zwar nicht zwangsläufig Armut. Als armutsgefährdet gilt eine Person, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen muss. Doch in einer „Bestandsaufnahme“ zum Niedriglohnsektor kommen die IAB-Forscher Carola Grün und Thomas Rhein zum Ergebnis, dass ein steigender Anteil der Geringverdiener in Deutschland zugleich arm ist. Waren im Jahr 1993 noch 13 Prozent aller Niedriglöhner auch arm, so stieg dieser Anteil 2003 bereits auf 20 Prozent.

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