Arbeitszeit : Aus, aus, aus

Das Dumme am Handy oder am Internet ist, dass beide aus sind, wenn man sie ausstellt. Das Handy kann man auf stumm stellen, dann ist es nur halb aus. Im Netz ist man, oder man ist es nicht. Wenn der Mann, der Mittfünfziger, selbst Internet-User und sogar Handybesitzer, das Handy ausschaltet und den Laptop geschlossen hält, ist er nicht mehr erreichbar, nicht für die Chefs, nicht mal im Urlaub, und auch nicht für Seite-1-Redakteure, die den Kolumnenplatz füllen wollen. Der Mann ist aber auch nicht für Familie und Freunde erreichbar, das eben ist das Dumme. Also bleibt das Handy an, und, schwupp, ruft der Seite-1-Redakteur an. So viel aus dem Maschinenraum eines Kolumnisten.

Nun hat sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen eingemischt – nicht in die Arbeit des Mittfünfzigers, so weit kommt’s noch – und hat die ständige Erreichbarkeit von Arbeitnehmern beklagt, und den Anspruch mancher Unternehmen, über ihre Arbeitnehmer auch in deren Freizeit zu verfügen. Wenn der Mann dem Bundesverband der Krankenkassen glaubt, und warum sollte er nicht, er kennt das ja, schwupp, wenn er also dem Verband glaubt, bearbeitet jeder fünfte Beschäftigte in der letzten halben Stunde vor dem Schlafengehen noch berufliche E-Mails. Leyen will das nicht, Leyen will Regeln gegen die Ausbeutung der Freizeit.

Eigentlich ist das selbstverständlich, denkt der Mann, Freizeit ist Freizeit. Und nur weil nicht nur jeder fünfte Beschäftigte freiwillig und vergnügt stundenlang am Handy lauscht und vor dem Computer hockt, heißt das nicht, dass nebenbei noch mal die Kalkulation durchgegangen werden kann. Muss auch nicht, sagt nun die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, kein Arbeitnehmer sei verpflichtet, mehr zu leisten, als er vertraglich schuldet. Die Vereinigung lässt aber noch ausrichten, dass umgekehrt Leistungsbereitschaft nicht zwangsweise eingeschränkt werden soll. Man kann das liberal sehen, denkt der Mittfünfziger, aber die Sache verhält sich wahrscheinlich wie die Frauen-Quote: Sollte eigentlich überflüssig sein, ist sie aber nicht. Ist nämlich sehr verräterisch der Satz mit der Einschränkung der Leistungsbereitschaft. Weil dann die, die das Handy abschalten, die weniger Leistungsbereiten sind, die, die nur Dienst nach Vorschrift verrichten. Ziemlich perfide diese Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, denkt der Mann, der Internet-User und Handybesitzer und schaltet beides für heute aus. Helmut Schümann

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