Zeitung Heute : "Arch": Adel verpflichtet

Günter Ermlich

Auftritt - Francesca von Habsburg: Bodenlanger weißer Umhang, hellbrauner Strohhut, rotblonde schulterlange Haare, weiße Designer-Handtasche. Sie fällt auf in der Medina von Marrakesch. Nicht als Touristin ist die Erzherzogin aus Salzburg angereist. Vielmehr will sie mit ihrer Stiftung Arch helfen, das kulturelle Erbe Marrakeschs zu bewahren.

Schon 1988 hatte die Unesco das historische Zentrum der alten Königsstadt zum Weltkulturerbe erklärt. Doch seitdem ist nichts zu seinem Schutz geschehen. Der Verfall der Altstadt schreitet unerbittlich voran. Schnell kauft die dynamische Erzherzogin noch eine Tüte Bonbons "für die Kinder". Dann eilt die Blaublütige mit ihrer Entourage und polizeilichem Begleitschutz durch die Altstadtgassen und das Dickicht der Menschen, Lastesel, Pferdekarren, knatternden Mofas in die Rue Assouel.

Die Straße stammt aus der Zeit, als Marrakesch von der Almoraviden-Dynastie 1062 gegründet wurde. Vor dem mit Planen verhüllten Wandbrunnen "Cherb-ou-chouf" (trinke und schaue) wartet schon ein Festkomittee aus Honoratioren und Schaulustigen. Behende klettert die Erzherzogin auf das Baugerüst und erklärt die Restaurierungsarbeiten für eröffnet.

Der "Cherb-ou-chouf"-Brunnen, von Fahrradwerkstatt und Spielhalle umgeben, bietet ein trauriges Bild: Eingefallen, grafittiverschmiert, als Pissoir zweckentfremdet. Unter dem wachen Auge der kanadischen Architektin Laurie Anglin, Spezialistin für die Restaurierung historischer Bauwerke, sollen Steinmetze das Mauerwerk ausbessern und Holzrestauratoren das filigrane Zedernholzdach aus dem 16. Jahrhundert rekonstruieren. Bald wird der Brunnen wieder als öffentlicher Wasserspender dienen, der die Medina-Bewohner jahrhundertelang mit sauberem Nass aus dem Atlas-Gebirge versorgt hat.

Die Restaurierung des Brunnens, unter dem Patronat des marokkanischen Königs Mohammed VI., ist das Pilot- und Vorzeigeprojekt der Arch-Foundation in der Medina von Marrakesch. Arch steht für "Art Restoration for Cultural Heritage" und ist eine internationale Non-Profit-Organisation, die sich für den Erhalt des Weltkulturerbes einsetzt. Ihr Ansatz: Nicht nur mit dem großen Geldsack winken, sondern die lokale Bevölkerung für die Erhaltung ihres Kulturerbes zu gewinnen und möglichst aktiv einzubinden. Daher begleiten Bildungs- und Erziehungsprogramme, besonders für Kinder, immer die Restaurierungsprojekte.

Erzherzogin Francesca von Habsburg, geborene Thyssen-Bornemisza und verheiratet mit Karl von Habsburg (Enkel des letzten österreichischen Kaisers), ist Gründerin und Vorsitzende der Stiftung. Vermögende Frauen von Adel kümmern sich in der Regel nicht nur um den eigenen Nachwuchs - die Erzherzogin hat drei Kinder -, sondern oft eben auch um ein Wohltätigkeits-"Baby". Arch wurde 1991 geboren.

Marrakesch. Perle des Südens. Märchenhafte Königsstadt. La ville rouge. Palmen und Schneeberge des Hohen Atlas. Für Theodore Roosevelt (und andere) der schönste Ort auf der ganzen Welt. Und in der Medina schlägt ihr Herz. Oder muss man sagen: Hat geschlagen? Denn die Altstadt, von einer neun Kilometer langen Stadtmauer umgeben, bewegt sich auf den Infarkt zu: Kleine, luftverpestende Industriebetriebe verdrängen die traditionellen Handwerkerstätten. Immer mehr mittellose Landflüchtige siedeln sich auf der Suche nach urbanem Überleben innerhalb der Stadtgrenzen an. 200 000 Menschen wohnen und arbeiten schon hier, 60 Prozent sind jünger als 20 Jahre. Ein Drittel der Händler in den Souks und auf den Märkten, heißt es, verdienen gerade mal 300 Dirham (umgerechnet 60 Mark). Wo früher in einem Riad, einem herrschaftlichen Haus mit Garten im Innenhof, eine reiche Familie mit Personal bequem wohnte, leben heute sieben, acht Familien eng zusammen gepfercht.

Die Häuser verfallen, das antiquierte Wasser- und Abwassersystem ist völlig desolat, durch schmale Straßen knattern Mopeds, die Luftverschmutzung stinkt zum Himmel, Müllberge türmen sich. Die Medina verslumt. Wohlhabende Familien sind längst in moderne Stadtquartiere außerhalb der Stadtmauer gezogen. "Der Schlüssel zur Erhaltung historischer Städte liegt in der richtigen Verwaltung, im professionellen Handwerk und im Stolz der Bevölkerung auf ihre Kultur", sagt die Erzherzogin.

Im Fall der Medina von Marrakesch will Arch neben der Brunnen-Restaurierung mit acht weiteren "Mikro-Projekten" kleine Zeichen der Umkehr setzen: "Unsere Medina soll schöner werden." So soll die beinahe unbegrünte Altstadt mit Bäumen wieder bestückt und der Wollmarkt, der frühere Sklavenmarkt, auf dem heute noch direkter Tauschhandel stattfindet, gepflastert werden. Die Holzumhüllungen, die zum Schutz der anfälligen Ziegelsteinstruktur an Bogendurchgängen dienen, werden ebenso restauriert wie die geschnitzten Verzierungen des Eingangs zum Hammam, dem öffentlichen Badehaus. Das einsturzgefährdete Dach des Souks Smata soll durch eine neue Holzkonstruktion ersetzt, die stark beschädigte Fassade der ehemaligen Salz-Karawanserei Melhah rekonstruiert werden. Die kulturellen Wahrzeichen der Medina könnten später einmal Stationen auf einem beschilderten touristischen Rundgang werden.

Die mit 300 000 US-Dollar veranschlagten Mikroprojekte, darauf legt die Erzherzogin Wert, seien aber in erster Linie für die Bewohner der Medina gedacht und nicht für die Touristen. Rund um die Ben Youssef Moschee entstehen seit einigen Jahren Kulturinseln: Galerien, Ateliers, Bibliotheken und Kulturzentren wie das Dar Bellarj. Wo früher in einem Hospital Vögel kuriert wurden, fördert jetzt die Schweizer Galeristin Suzanne Biedermann mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen die marokkanische Gegenwartskultur.

Eine andere nouvelle vague, um die gefährdete Medina aufzumöbeln: Betuchte Ausländer kaufen heruntergekommene Riads, restaurieren sie von Grund auf und machen aus ihnen komfortable bis luxuriöse Gästehäuser. Hinter unscheinbaren Mauern versteckte Oasen in der Lehmwüste, dem Lärm und Trubel der Medina entrückt. Inzwischen sind 60 bis 70 Riads in privat geführte Gästehäuser mit ein paar Zimmern umgewandelt worden.

Auch Herwig Bartels, bis Mitte vergangenen Jahres deutscher Botschafter in Marokko, betreibt jetzt im Ruhestand ein bezauberndes Gästehaus in der Medina. Wie wird die Zukunft der Medina aussehen? Der quicklebendige Pensionär Bartels beklagt die "konzeptionelle Leere" in Politik und Verwaltung, das Fehlen jeglicher Planung in puncto Verkehr, in puncto Tourismus, in puncto Altstadtsanierung: Der Bebauungsplan sei bereits 20 Jahre alt, ein neuer mehr als überfällig.

Das größte Problem aber sei "die florierende Korruption", betont ein anderer ausländischer Riad-Besitzer. "Fast alle sind hier korrupt." Vorbildlich vorgelebt vom inzwischen verstorbenen König Hassan II. So wurde in einer Nacht- und Nebelaktion der Riad El Quarzazi, ein imposanter historischer Stadtpalast mit großem Garten aus dem 18./19. Jahrhundert abgerissen, um an seiner Stelle ein Luxushotel zu errichten - trotz der ausdrücklichen Ordre des marokkanischen Bauministeriums, das Haus für öffentliche Zwecke zu erhalten. Die Abrissgenehmigung trug die Unterschriften des Gouverneurs der Medina, des Bürgermeisters und seines Stellvertreters.

Ein ernster Eingriff droht auch dem weltberühmten Platz Djemaa el Fna, dem "Versammlungsplatz der Geköpften" (früher wurden hier die Köpfe der Hingerichteten zur Schau gestellt). Auf zwei angrenzenden Grundstücken will die Stadtverwaltung einen modernen Markthallenkomplex und ein Geschäftszentrum mit Glasfassade und Tiefparkgaragen bauen lassen. Einfach so, ohne jede öffentliche Aussprache. In einem Brief an den Sprecher des jungen Königs Mohammed VI. artikulierten fünf ortskundige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, stellvertretend für die Bevölkerung, ihren Unmut über die weitere Zerstörung und Entstellung des Platzes. Obendrein schade sie nachhaltig dem Tourismus, der wichtigsten Quelle für die Stadtentwicklung.

Denn obwohl enttäuschte Liebhaber den ausufernden Platz schon heute für zu verwestlicht und kommerzialisiert halten - Busbahnhof und Flohmarkt verschwanden, Asphalt ersetzte den Lehmboden, traditionelle Kaffeehäuser machten dicht - bewahrt der Djemaa el Fna immer noch seine Authentizität als brodelnde Seele von Marrakesch und Theaterbühne des Maghreb. Feuerschlucker und Schlangenbeschwörer, Wahrsager und Märchenerzähler, Taschendiebe und Touristen. Der Platz zieht wie eh und je alle magisch an. "Ohne den Platz Djemaa El Fna", urteilte der amerikanische Literat Paul Bowles, "wäre Marrakesch nur eine Stadt wie jede andere."

Und Arch? Was die kleine Eingreiftruppe der Francesca von Habsburg zum kulturellen Erhalt der Medina im Kleinen beisteuert, das wird, wenn es so weiter geht, durch Abrissbirne und Dampfwalze der lokalen Großkopfeten konterkariert. Ist Arch hier überhaupt willkommen? Zweifel sind angebracht. Die Stadt hat der Stiftung nicht einmal die Baugerüste zur Restaurierung des "Cherb-ou-chouf"-Brunnens ausgeliehen.

Auskunft: Arch, Hellbrunn 17, A-5020 Salzburg, Telefon: 00 43 / 662 / 83 33 40, E-Mail: arch@arch.co.at ; Internet: www.arch.at

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben