Architekt Francis Kéré : Das Schneckenhaus

Man nimmt seine Heimat überall mit hin. Auch dem Sohn eines Königs in Afrika erging es so, der sein Dorf verließ und in Berlin ein weltberühmter Architekt wurde. Bei seiner Rückkehr brachte er mehr als Geschenke mit.

Eine Frage des Fundaments. Diébédo Francis Kéré hat in Berlin Architektur studiert und unterhält hier sein Büro. Foto: Paul Zinken
Eine Frage des Fundaments. Diébédo Francis Kéré hat in Berlin Architektur studiert und unterhält hier sein Büro. Foto: Paul Zinken

Dies ist die Geschichte eines Sohnes, der auszog, die Post seines Vaters lesen zu lernen.

Diébédo Francis Kéré nickt. Ja, so war es.

Sein Heimatland ist Burkina Faso, eines der ärmsten Länder der Welt. Er ist der Erste aus seinem Dorf, der eine Schule besuchte. Er ist der Erste, der Afrika verlassen hat. Manchmal versteht er selbst nicht, was ihm geschehen ist.

Sein Vater war der erste Mann im Dorf, halb Gemeindevorsteher, halb König. Manche würden ihn vielleicht einen „bildungsfernen König“ nennen, denn er konnte weder lesen noch schreiben. Das brauchte er auch nicht, denn das ganze Weltwissen – das Wissen von seiner Welt – hatte Platz in seinem Kopf, und was dort keinen Platz hatte, das brauchte er auch nicht zu wissen. Und sein Volk ebenso wenig, denn er war der König.

Es störte ihn auch nicht, dass er die Post nicht lesen konnte, die ihm die Regierung schickte. Wenn es wichtig wäre, würde sie gewiss selbst kommen und ihm sagen, was drinsteht. Diébédo Francis Kérés Vater war ein weiser König.

Bis zu dem Tag, als er es sich anders überlegte.

Der Sohn schaut sich um: Dies hier ist sein Architekturbüro, eine schöne, freie Loftetage in der Neuköllner Arndtstraße. Und draußen vor der Glastür, das sind seine Mitarbeiter. Und hinter ihm an der Wand hängt der höchstdotierte Architekturpreis der Welt, der Aga-Khan-Award.

„Ich hätte ihn im Schreibtisch lassen sollen“, sagt Kéré. Aber die anderen beschlossen: Der muss an die Wand! Unangenehm ist es ihm trotzdem. Und jetzt ist ihm auch noch seine Bescheidenheit unangenehm. Er weiß, sie ist keine Tugend, die in die moderne Welt passt. Und eine Tugend von Königssöhnen ist sie auch nicht. Im Gegenteil. Selbstdarstellung ist die eigentliche Berufstätigkeit der Monarchen, demnach auch die ihrer Kinder. „Aber ich kann doch nicht plötzlich ein anderer sein“, sagt Kéré. Und da ist sie wieder, diese merkwürdige Anmutung des 47-Jährigen, als umgebe ihn etwas, das die meisten nicht haben. Man könnte dem viele Namen geben, zuletzt ist es doch immer wieder einer: Würde. Eine beinahe naturhafte Würde, die keinerlei äußere Beglaubigung nötig hat. In Kérés Gegenwart wirken andere Menschen wie Kinder, seltsam unerwachsen. Als sei man bei ihm in Sicherheit. Christoph Schlingensief wird das auch gespürt haben.

Kéré und Schlingensief. Der Afrikaner in diesem Zweierbund war zweifellos der große Junge aus Oberhausen. Spontan. Chaotisch. Und wenn er etwas hasste, waren das Pläne. Kein Architekt kann sich das leisten. In Sibylle Dahrendorfs „Knistern der Zeit“, dem Film über die Entstehung des Operndorfs Remdoogo, der seit voriger Woche im Kino läuft, sind beide noch einmal gemeinsam zu sehen. Kéré spricht ein sehr schönes, sehr reiches Deutsch.

Noch immer reden alle von Christoph Schlingensiefs Operndorf, aber ist es nicht fast noch mehr Kérés Operndorf? Es sind seine Pläne, er baut es.

Im Sommer 2008 hatte er als einziger schwarzer Architekt unter weißen Kollegen auf einem Architektur-Workshop in Südafrika Kurse gegeben, als ihm der Leiter des Goethe-Instituts eine Telefonnummer gab. Da sei einer, der wolle in Afrika ein Operndorf bauen, er könne sich vorstellen, dass sie sehr gut zueinanderpassen würden. Gut, sagte Kéré und nahm die Nummer. Ein dummer Witz mehr auf der Welt. Auf die Idee anzurufen, kam er gar nicht erst. Bis sich der Gemiedene fast ein halbes Jahr später selbst meldete.

Er hätte keine Zeit, sein halbes Leben zu verwarten. Sinngemäß. Christoph Schlingensief muss es wohl etwas anders formuliert haben, denn gerade die unschuldigsten, alltäglichsten Wendungen konnten einen Krebskranken wie ihn von einem Augenblick auf den nächsten vor einen Abgrund stellen. In diesen Abgrund konnte Schlingensief nicht schauen. In diesen Abgrund musste er schauen. Und nun brauchte Kéré nur noch Minuten, um zu begreifen, wie ernst, wie todernst es dem anderen war.

Todernst sind wohl Dinge, die man selbst im Angesicht des Todes noch will. Kéré wäre ein schlechter Afrikaner, fehlte ihm davor der Respekt. Nur bei uns werden die Toten ausgelagert und etwas abseits begraben. In seinem Heimatdorf liegt der Friedhof in der Mitte. Er ist das Zentrum des Lebens. Die Toten waren die ersten Könige, und die ersten Gottheiten der Menschen waren sie auch. Und vielleicht hätten die Schwarzen die ersten Europäer gar nicht erst ins Land gelassen, wären sie ihnen ihrer ungesunden Hautfarbe wegen nicht wie Wiedergänger aus dem Totenreich, wie tendenzielle Gottheiten also erschienen.

Diébédo Francis Kérés Vater wusste längst, was von den Weißen zu halten war. Er wusste zum Beispiel, dass die Schulen der Franzosen ihnen die Kinder wegnahmen. Sie lernten Lesen und Schreiben, aber nur, um als Soldaten in die Kriege der Weißen zu ziehen und nie wiederzukommen.

Die Welt ist rund um das runde Dasein, hat ein Nicht-Afrikaner gesagt und damit das relative Glück der Beschränktheit formuliert. Vollkommenheiten sind Beschränktheiten, und was fehlt einem denn, wenn man seine Post nicht lesen kann? Eigentlich nichts. Zumindest nichts, wovon man wüsste.

Aber dann, sagt Diébédo Francis Kéré, hatte mein Vater von Söhnen gehört, die waren in den Schulen der Weißen gewesen und sind lebend wiedergekommen. Der Vater staunte. Und nun dachte er, dass ein König, der seine Post lesen kann, bestimmt kein geringerer König ist.

Vielleicht konnte dem todkranken Christoph Schlingensief nichts Besseres geschehen als die Begegnung mit Diébédo Francis Kéré. Da ist einer, der ruht ganz in sich selbst. Aber wo genau ruht man, wenn man in sich selbst ruht? Und wie kam er dorthin?

Wir waren schon schwächer als unsere Eltern, sagt der Architekt, wir konnten nicht mehr so weit laufen. 35 Kilomerter zur Schule in der Provinzhauptstadt Tenkodogo und 35 Kilometer wieder zurück, jeden Tag? Ausgeschlossen. Eine Familie nahm den Jungen auf, und plötzlich wurde Diébédos runde Welt eckig. Bis eben war er der Sohn des Königs, jetzt war er nur noch der Wasserholer, eine billige Arbeitskraft. Morgens um drei Uhr stand er auf und lief mit seinem Eselskarren zur sieben Kilometer entfernten Wasserstelle. Dann musste er das Vieh versorgen. „Eigentlich war ich schon viel zu müde für die Schule, als sie begann“, sagt er.

„Burkina“ ist ein Wort aus Kérés Muttersprache Mòoré und bedeutet „ehrenwerte Person“, das Wort „faso“ entstammt der Sprache Dioula und heißt Vaterland, Kéré kommt also aus dem „Land der ehrenwerten Leute“. Aber Französisch, die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, ist die einzige Amtssprache von Burkina Faso. Er lernte Französisch. Noch immer lag ein sehr militärischer Geist auf diesem Unterricht, aber ihm öffnete sich die Welt. Sie weitet sich mit der Sprache, die mehr Menschen sprechen und den Orten, an denen mehr Menschen leben. Er wollte weiter. Tischler werden in Fada’n Gourma! Er würde immer noch rechtzeitig zurückkehren, damit der Vater mit seinen Augen lesen und mit seinen Händen würde schreiben können. Aber seine Hände würden noch viel nützlicher sein.

Damals trat er zum Christentum über, bekam einen „christlichen“ Namen. „Ich wollte Henri heißen, aber sie nannten mich Francis“, sagt Kéré und die Enttäuschung von damals steht in seinen Augen. Und dann las er diesen Aushang für eine Fortbildung in Deutschland. Der Tischler würde ein noch besserer Tischler werden, um als Entwicklungshelfer in seine Heimat zurückzukehren. 18 Monate. Kéré wurde genommen. Mit 19 Jahren war er in Berlin.

Sie kamen aus allen Erdteilen und machten sich nach eineinhalb Jahren wieder auf den Rückweg. „Ich sehe noch, wie sie einpackten“, sagt der Mann aus dem Land der ehrenwerten Leute, „Fernseher, Videorekorder, Radios“. Wer in Europa gewesen war, musste Geschenke mitbringen. Kéré besah die Verpackungskünste der Anderen mit einem großen, immer schwerer werdenden Schweigen. Er zählte seine Tanten und Onkel. Was sollte er ihnen mitbringen? Fernseher fielen aus, denn es gibt keinen Strom in Gando, seinem Heimatdorf. Und wahrscheinlich auch keinen Empfang.

Er zählte noch einmal alle Tanten und Onkel. Es waren zu viele. Diébédo Francis Kéré kapitulierte vor der Geschenkefrage. Er musste etwas ganz anderes mitbringen als seine Freunde, etwas, das viel nützlicher war als Hightech in einer Savanne. Ein Geschenk, das immer weiter wachsen würde. Er war es sich und dem Vater schuldig.

An Kérés linker Gesichtshälfte verläuft von der Stirn über die Schläfen bis zum Kinn ein Halbkreis kleiner Narben. Er kennt die Frage nach ihrer Bedeutung längst. Sieben Jahre war er alt, als die Messer in seine Haut drangen. Er kann sich noch genau erinnern an diesen Tag des Schmerzes und der Ehre, die Aussage der Narben lautet: Du wirst ein großer Mann, ein sehr großer Mann!

Kéré hat es nie vergessen. Er blieb in Berlin, arbeitete tagsüber und machte das Abitur auf der Abendschule. Er hatte sehr gute Voraussetzungen. Jeden Morgen um drei Uhr, noch in den kältesten Berliner Winternächten schreckte er hoch: Aufstehen! Wasser holen! Seine Freundin drückte ihn ins Bett zurück: Heute nicht! Weiterschlafen! Aber er war wach. Morgens um drei ist der Mensch ungestört. Es war eine gute Zeit, um zu lernen.

Und dann studierte er an der Technischen Universität Architektur. Denn irgendwann wusste er, was er seinem Vater und seinem Dorf und allen Onkeln und Tanten mitbringen würde: eine Schule. Gebaut aus Lehm wie die runden Strohdachhütten seiner Kindheit und doch ganz anders. Vor allem haltbarer.

Eine Mitarbeiterin kommt herein und legt mit einer kleinen großen Geste ein Hochglanzjournal auf Kérés Arbeitstisch. „Pin Up“, ein amerikanisches Magazin für Luxusarchitektur, genauer „die Kirsche auf der Torte der amerikanischen Architekturzeitschriften“. Da soll was über mich drinstehen?, fragt Kéré und beginnt zu blättern. Und tatsächlich, da sind sie, Seite um Seite: seine Projekte, von der Schule seines Heimatdorfes, für die er den Aga-Khan-Preis bekam, bis zum Genfer Museum des Roten Kreuzes, das er noch bauen muss.

Schon die kleine Schule mit drei Klassenräumen besaß jene Eleganz, die im Grunde nur die Lösung einer Not ist, aber das ganze Gegenteil einer Notlösung: Bei über 50 Grad im Schatten bekommen selbst afrikanische Schüler Konzentrationsschwierigkeiten. Keine Frage, er brauchte eine Klimaanlage, aber eine, die ohne Steckdose auskommt. Kéré zeichnet jetzt Luftströme auf ein Blatt Papier. Seine Dächer kleben nicht auf den Häusern, sie schweben über ihnen, gebogen in einem ganz bestimmten Winkel, auf unzählig vielen dünnen Stangen gelagert, deren Anordnung schon ein Kunstwerk für sich ist.

Die Grundlage seines Bauens ist: Fast alle Materialien müssen vor Ort vorhanden sein. So wie der Lehm, aus dem der Boden seiner Heimat besteht, so wie die Eukalyptusbäume, die während der Regenzeit in jeder Senke wachsen. Im Regal hinter dem Kirsche-auf-der-Torte-Architekten liegen Lehmziegel von einer wunderbar rötlichen Farbe. Mit zehn Prozent Zement versetzt werden sie noch haltbarer.

Neben den Ziegeln stehen auch Kérés Operndorfmodelle, immer in Schneckenform, das war Schlingensiefs Idee. Wieder das Runde, das Vollkommene also, aber offen, unendlich erweiterbar. „Ich sehe mich noch Opernhäuser entwerfen, eins nach dem anderen“, sagt Kéré. Dabei hatte er so viel anderes zu tun. Mali hatte bei ihm gewissermaßen das Zentrum seiner Hauptstadt in Auftrag gegeben: einen ganzen Komplex, bestehend aus Sporthalle, Festhalle, Pavillon und Restaurant, in einem Park gelegen.

In Sibylle Dahrendorfs Film ist sehen, wie ein Kéré-Haus entsteht. Lange Zeit ist da gar nichts, denn Fundamente sind architektonisch nicht wirklich beeindruckend. Aber für ihn sind sie fast das Wichtigste. Im August 2009 hatte eine große Flut ganze Stadtteile der Hauptstadt Ouagadougou einfach weggeschwemmt, auch den Ort, an dem das Operndorf errichtet werden sollte. Damals beschlossen sie, einen Hausprototyp zu entwickeln, der den Flutopfern helfen konnte und der sich zugleich in das Operndorf integrieren ließ. Zugleich war damit klar: Es würde wie ein traditionelles afrikanisches Dorf werden, kleine Häuser um einen zentralen Platz herum. Dieser Platz ist noch leer, auf ihm wird das Festspielhaus stehen, aber die heimliche Mitte von Remdoogo ist er schon jetzt, der Ort, an dem man sich trifft.

Seit Oktober des letzten Jahres geht die erste Klasse im Operndorf zur Schule. Kurz darauf ist Kérés Vater gestorben. Und dann bekam er einen Anruf, er solle nach Marrakesch kommen zur Preisverleihung der Holcim-Foundation.

Holcim ist der weltgrößte Betonhersteller. Auch in Burkina Faso sind die Träume vom Forschritt aus Beton. Wer es sich leisten kann, nimmt Zement statt Lehm. Fortschritt macht hässlich, der halbe ohnehin. Kéré war vorwitzig genug gewesen, sich am Architekturwettbewerb des Betonimperiums mit einem Lehmentwurf zu beteiligen, Zementanteil: 10 Prozent, die Kéré’sche Wundermischung. Aber wenn er jetzt irgendwo nicht sein wollte, dann auf einer Preisverleihung. Aber dann ließ er sich doch überreden, saß auf der Gala wie im falschen Film, vor allem traurig. Die Namen der Preisträger waren schon aufgerufen, seiner war nicht dabei gewesen, natürlich nicht, was hatte er auch mit der Zementierung der Welt zu schaffen? Und dann hörte er ihn doch. Diébédo Francis Kéré. Es war der Letzte. Er hatte Gold gewonnen. „Meine kleinen Lehmhütten haben gewonnen“, sagt Kéré und fügt schnell an: „Ich habe das nicht gesucht, es ist mir passiert.“

Schlingensief hat gern an den Lehmwänden der Häuser von Gando gelehnt, abends, wenn in ihnen noch die Hitze des Tages war. Vielleicht konnte auch Diébédo Francis Kéré nichts Besseres geschehen, als Christoph Schlingensief begegnet zu sein. Zwar musste der ständig aus sich heraus, schon weil ihm jede Ruhe verdächtig war, vor allem die in sich selber. Aber: Ein richtiger Afrikaner, wenn auch aus Oberhausen! Kérés Vater hat um ihn geweint.

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