Zeitung Heute : Architekten, Designer und Immobilienexperten entwickeln das "nonterritoriale Büro"

Thomas Askan Vierich

Wir leben überwiegend in Schlafzimmern und Büros. Trotzdem denken wir eher über die Einrichtung von Küchen oder Wohnzimmern nach. Verständlich, haben wir im Schlafzimmer doch die meiste Zeit die Augen geschlossen. Und im Büro?

Früher setzte man sich an irgendeinen hässlichen Schreibtisch, ärgerte sich über den unbequemen Stuhl und die eingeschränkte Beinfreiheit - und ließ es dabei bewenden. Heute forschen Arbeitswissenschaftler, Designer, Immobilienspezialisten und Büromöbelhersteller in Projektgemeinschaften über die Büroarbeit der Zukunft: In welchen Räumen, an welchen Tischen, auf welchen Stühlen und an welchen Geräten wir in Zukunft arbeiten werden. Denn die fortschreitende Digitalisierung der Büroarbeit lässt nichts mehr so, wie es war.

"Future Office Dynamics" (FOD) nennt sich ein interdisziplinäres Netzwerk, in dem ein führender Software-Entwickler (Nemetschek AG), ein renommierter Planungs- und Organisationsberater (Quickborner Team), das Institut für integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) des GMD-Forschungszentrums Informationstechnik und der Büromöbelhersteller Wilkhahn zusammenarbeiten. Sie wollen anpassungsfähige, integrierte Gesamtkonzepte für Architektur, Einrichtung, Software und Hardware im Bereich Büro entwickeln. Ende Oktober 1999 präsentierten sie auf einem Kongress in Berlin die ersten Ergebnisse. Einzelne Projekte und Denkansätze stellen sie im Buch "Arbeitswelten im Wandel - fit für die Zukunft" vor (erschienen in der Deutschen VerlagsAnstalt). Und zur EXPO werden die Beteiligten FOD einer weltweiten Öffentlichkeit präsentieren.

Die Zusammenarbeit im Netzwerk FOD demonstriert, wie "New Work" aussieht: So fiel die heiße Phase der Buchzusammenstellung mitten in die Urlaubszeit der Herausgeber. Und deshalb redigierten sie zeitgleich an ganz unterschiedlichen Orten: Im Urlaub auf Usedom, im Zug nach Paris, im HomeOffice in Hannover und im Büro in Bad Münder. Die Arbeitsplattform, auf der die Änderungen eingearbeitet und abgeglichen wurden, war virtuell: ein Server im Internet.

Auch wenn der reale Ort der Arbeit an Bedeutung verliert, heißt das nicht, dass es keine Büros mehr geben wird. Aber sie verändern sich. Bürogebäude sollen in naher Zukunft vor allem als Orte der Kommunikation dienen, in denen Teams auf Zeit zusammenarbeiten. Hier werden nicht nur Schreibtische in Einzel- oder Großraumbüros zur Verfügung stehen, sondern auch Räume und technische Ausstattung für zwanglose Gespräche und konzentrierte Teamarbeit.

Deshalb entwickelt FOD neue Raumlösungen mit flexiblen und mit digitaler Technik bestückten Möbeln. Im GMP-Institut in Darmstadt existiert bereits die interaktive Büro-Landschaft "i-LAND".

Im "i-LAND" dominieren Wände und Möbel mit integrierter Informations- und Kommunikationstechnik. Da gibt es zum Beispiel einen Stuhl mit Laptop-Anschluss (im FODJargon: "CommChair") oder eingebautem "stiftbasiertem" Computer ("D-Board"). Die CommChairs können überall im Bürohaus stehen, weil sie über einen Sender drahtlos an digitale Netze anzuschließen sind und über eine eigene Stromversorgung verfügen. Sie kommunizieren untereinander und mit einer interaktiven elektronischen Datenwand, der "DynaWall", auf der die in den CommChairs sitzenden Teilnehmer eines Meetings ihre Daten für alle sichtbar machen. Oder sie schreiben und zeichnen direkt auf der DynaWall und verschieben dort mit den Fingern Zeichnungen und Tabellen.

Architekten oder Ingenieure können so unkompliziert gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Gerade Architekten haben immer darüber geklagt, dass man mit der Maus in der Hand kein Haus entwerfen könne. Deshalb hat Nemetschek einen "stiftbasierten" Computer ohne Tastatur ("D-Board") entwickelt, mit dem man wie auf Papier mit dem Stift zeichnen oder mit der Hand Objekte verschieben und drehen kann. Auch Tische mit interaktiver Oberfläche ("InteracTable") stehen im "i-LAND". Die drucksensitiven Bildschirme werden bereits seit einigen Jahren in Palmtops eingesetzt - allerdings mit geringerer Auflösung und reduzierter Farbwiedergabe.

Kombiniert man diese digitale Kommunikationstechnik mit verschiebbaren, multifunktionalen Möbeln und Trennwänden, kann man einen Konferenzraum für 50 oder mehr Teilnehmer blitzschnell für die Arbeit in verschiedenen Kleingruppen umbauen. Das dürfte die Effektivität von Konferenzen deutlich steigern.

Auch die Konzeption von Büroimmobilien orientiert sich an diesen Ideen. Für die Organisationsberater vom Quickborner Team vereinen Bürogebäude künftig prinzipiell drei Komponenten: Räume für die individuelle Arbeit und für Teamwork; offene Räume; gemeinsam genutzte Kommunikationszonen und Serviceflächen.

Nur wenn alle drei Raumstrukturen optimal zusammenspielten, sei ein Gebäude und die Arbeit in ihm wirklich kommunikativ und kooperativ. Und nur diese Art von Arbeit hat Zukunft, darin sind sich alle Theoretiker von "New Work" einig.

Je flexibler ein Bürogebäude angelegt ist, desto geringer sind auch seine Betriebskosten: Jede Firma organisiert ihre Räume statistisch 2,2 Mal in drei Jahren um. Die Kosten kann man sich sparen, wenn ein Gebäude flexible Raumstrukturen aufweist. Wenn also wechselnde Mitarbeiter bestimmte Büroflächen auf vielfältige Weise nutzen können - als so genannte "nonterritoriale Büros". Trotzdem: Nicht alle sind begeistert von der Aussicht, digital vernetzt in einem CommChair ihr Arbeitsleben zu verbringen.

"Intelligentes Design" und "selbsterklärender Gebrauch" sollen verhindern, dass der Büroarbeiter der Zukunft zu einem CommChair-Zombie wird. Norbert Bolz, Professor für Industrie-Design an der Universität-GH Essen, sagte in seinem Vortrag auf dem FOD-Kongress, dass all die prognostizierten Entwicklungen auf dem technischen Gebiet auch eine Zumutung an den Menschen darstellten. Dafür erwarteten sie einen Ausgleich. Auch deshalb werde sich das Büro nicht im Cyberspace auflösen, sondern im Gegenteil "als Schauplatz menschlicher Kommunikation" an Bedeutung gewinnen. Der Faktor "Mensch" mit seiner Kreativität und Spontanität wird in der Informationsgesellschaft mehr denn je gebraucht.

Und die Architektur soll den Menschen in seiner Kommunikation unterstützen - was man von älteren Bürogebäuden nicht immer sagen kann. "Die Architektur wird zur Schnittstelle für Information", erklärte der Architekt Christoph Ingenhoven auf dem Kongress. Gebäude sollten dazu beitragen, die Lebensverhältnisse zu entspannen und das Leben zu erleichtern.

Oft sind es Kleinigkeiten, die die kommunikative Atmosphäre eines Hauses steigern: verglaste Flurwände oder Fenster, die man tatsächlich öffnen kann - statt der teuren und gesundheitsschädlichen Klimaanlage.

Zu vielen Aspekten haben sich Spezialisten innerhalb des Projekts "Future Office Dynamics" Gedanken gemacht und erste Lösungsansätze entwickelt. Man darf gespannt sein, wie viel davon tatsächlich in den praktischen Berufsalltag Einzug hält. Nicht alle Unternehmen erweisen sich in der Ausstattung ihrer Büros als Technikfreaks. Zum Beispiel sitzen die Mitarbeiter der jungen Berliner PR-Agentur Totem auf "klassischen" Büromöbeln: "Wir lieben Stücke mit Patina, wir wollen nicht clean sein und auch nicht cool", sagt etwa Totem-Chef Götz Offergeld. Doch bis ein CommChair von Wilkhahn Patina ansetzt, braucht es ein paar Jahrzehnte.

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