Architektur : Der Kurvenstar

Jürgen Mayer H. ist Architekt und hat sein Büro in Charlottenburg. Seine spektakulären Bauten werden international gefeiert - nur in Berlin stehen sie nicht. ein Porträt.

Deike Diening

Es gibt konservative Architekturkritiker, die stoßen sich an seinen Bauten, obwohl die viel weniger Kanten haben als andere Häuser. Sie sind irritiert, dass man bei Jürgen Mayer H. gar nicht mehr sieht, wie die Materialien miteinander verbunden sind, wie also die heikelsten statischen, wärme- und wasserrelevanten Aufgaben gelöst wurden. Sie stört, dass die Funktion der Bauteile nun nicht mehr Teil der Ästhetik ist, denn hatte man sich nicht darauf geeinigt, dass es schön ist, bei einer Eisenbahnbrücke an den riesigen Nietenköpfen die Konstruktion zu erkennen? Und an den sich nach oben verjüngenden Wänden alter Häuser die abnehmende Traglast für die Stockwerke abzulesen?

Diese Leute wollen von außen sehen können, wie innen die Lasten verteilt sind, sie nennen das Tektonik, so etwas versetzt sie in Schwingung. Jürgen Mayer H. gehört nicht dazu. "Wer sagt denn, dass man sehen muss, wie es gemacht ist?" Weltweit, findet er, diskutiert kein Mensch mehr die Frage nach der Ehrlichkeit der Konstruktion und ob ein Bau seine Herstellung ästhetisch offenlegen muss. Auch das war ein Grund, weshalb er sich in den letzten Jahren lieber international orientiert hat, als sich in Berlin in eine Städtebaudebatte einzuschalten, die sich an der Traufkante festgebissen hatte.

Inzwischen hat man ihn mit vielen Preisen bedacht, als "Deutschlands größte Architekturhoffnung seit dem Bauhaus" wurde er bezeichnet, zurzeit stellt das MoMA in San Francisco seine Arbeiten aus und Szenemagazine fotografieren ihn im Designer-Sakko. Und ausgerechnet dort, wo Charlottenburg noch Kopfsteinpflaster hat und in den Wohnungen die alten Kachelöfen prunken, hat Jürgen Mayer H. seit Jahren sein Büro.

Er sitzt in seinem Drahtstuhl mit der Sicherheit eines Mannes, der auf dem richtigen Weg ist. Sein aktueller Auftrag ist es, Sevilla eine Platzgestaltung zu bauen, die sich spektakulär in den Himmel recken wird, die Stadt will von ihm nichts Geringeres als ein Wahrzeichen. Aber kann eine Stadt das, was im Auge der Welt irgendwann einmal als ihr Wahrzeichen angesehen wird, von vornherein planen und bauen?

Im Nachhinein haben sich die Entwürfe von Jürgen Mayer H. oft als charakterstiftende Solitäre erwiesen. Eine Mensa in Karlsruhe, eine Villa bei Ludwigsburg, ein Stadthaus in Ostfildern. Er baut eigentlich nur Solitäre, niemals sind sie ein Echo der benachbarten Bauten. Auch diese Freiheit der Form ist ihm schon vorgeworfen worden. Denn es ist ja so: Wenn plötzlich alles möglich ist, was ist dann noch nötig? Warum schwingen seine Gebäude in eine Richtung und nicht in die andere?

Jürgen Mayer H., der irgendwann beschloß, sein Mittelinitial nach hinten zu stellen, kann alles erklären. Lange war er für die Kritiker schwer einzuordnen. Die Architekten haben gesagt, der ist doch in der Kunstszene zu Hause, und die Künstler sagten, der macht doch kommerzielle Architektur. Er hatte mit Stoffen experimentiert, die auf Körperwärme reagieren, er hatte sich in die Muster verguckt, die datengeschützte Briefumschläge von innen auskleiden.

Jürgen Mayer H. hat gar nichts dagegen, die Form eines Gebäudes aus seiner Funktion und Umgebung abzuleiten, er will ja kein Ufo bauen, nur tut er das nicht so offensichtlich wie viele andere.

Ein Platz ist ein Platz? Falsch. In Sevilla zum Beispiel sind die Plätze viel sonnenbeschienener als in Ostfildern. Schatten, dachte er, Schatten ist hier an der Plaza de la Encarnación das dringendste Bedürfnis. Außerdem gibt es archäologische Funde, die auch ausgestellt werden sollen, deren unverrückbare Lage aber dazu führt, dass man die Lasten des Gebäudes auf dem Platz nur an einigen wenigen Punkten abführen kann. Daraus ergab sich logisch eine Säulenstruktur.

Es ist ja nicht so, dass die großzügige Schirmgestalt, die ihm dazu eingefallen ist, keine Bezüge zu ihrer Umwelt herstellt, nur nicht im klassischen Sinne. Seine Gebäude gliedern sich nicht über das Verhältnis von Fensteröffnung und Wand, auch nicht über die geteilte Traufhöhe in ihre Umgebung ein. Es wäre zu einfach, einen Sandstein aufzunehmen, der in der Gegend üblich ist.

Stattdessen sind seine Büromitarbeiter ausgeschwärmt, sie haben sich die Umgebung angesehen, um ästhetisch anzudocken. In der Nähe haben sie einen Platz gefunden, der mit immensen Ficus-Bäumen bepflanzt ist, und sein Gebilde, das jetzt gebaut wird, macht nun eine ganz ähnliche aufstrebende Geste. Sie fanden auf den Dächern der umliegenden Kirchen Schindeln, die eine ähnliche Teilung zeigten, wie nun die Waben ihres Entwurfs. Sie antworten auf Gesten in der Umgebung ästhetisch und auf die Charaktereigenschaften und Wünsche der Bewohner funktional.

Zum Beispiel gab es zunächst nur eine Aussichtsplattform hoch über dem Platz. Aber warum, fragten die Stadtoberen, sollte man nicht, schon einmal oben, dort auch herumwandern dürfen, wie auf einem Höhenweg über der Stadt? Und warum sollt man dort oben nicht auch eine Bar oder ein Restaurant platzieren, schon wegen der Aussicht? Schließlich erwirtschaftet sogar die Kathedrale mit ihren zwei Euro Eintritt für den Turm und zwei Millionen Besuchern vier Millionen Euro pro Jahr "allein durch Hoch- und Runterlaufen".

Die Spanier selbst sind unkompliziert, sie verlangen keine große städtische Animation, sie beleben ihre Plätze, wenn sie nur eine schöne Umgebung liefern, rund um die Uhr selbst. - Ganz anders als vor dem Stadthaus in Ostfildern, seinem noch kantigen Erstlingswerk, davor lag eine Leere, die sich, das wusste er, in Ostfildern nicht von selbst beleben würde. Schon gar nicht nachts. Also inszenierte er eine Belebung, die ihrerseits wieder Menschen anzieht, einen digitalen Regenvorhang vor dem Haus und Lichtmasten mit hängenden Glasfaserkabeln. In Deutschland, sagt Mayer H., muss man sich Gedanken machen, "wie man die Leute auf die Plätze kriegt".

Und von diesen Fragen kommen sie im Büro auf viel grundsätzlichere Gedanken. Sie diskutieren über die Funktion von Städten und städtischen Gebäuden, wenn ihre Benutzung sich ändert. Sie müssten in diesem Fall logischerweise auch anders aussehen. Und was ist die Stadt im 21. Jahrhundert? Passiert überhaupt noch Nennenswertes auf dem Forum, das sich längst vom Marktplatz, wo sich nach dem Platzideal des antiken Rom die politische Meinung bildete, ins Internet verlagert hat? Was heißt es, wenn immer weniger Leute im öffentlichen Raum demonstrieren gehen, aber immer mehr sich dort per SMS zu Flash- Mobs verabreden?

Während der Planungsphasen, erzählt Mayer H., wenn er seine Entwürfe mit den Bauherren abstimmt, stoßen sie immer wieder auf das Ideal der Städte, das ja eigentlich auch ein Ideal der Gesellschaft ist, die diese Städte bewohnen soll. Darin kommen keine Obdachlosen vor, keine düsteren Pissecken, darin spiegelt sich die Transparenz der städtischen Funktionen in ihren Gebäuden, da sind die städtischen Bauten durchlässig wie die Demokratie. Sie verhandeln das Ideal, sie wünschen sich das Ideal, aber im Laufe der Planung drückt sich oft noch die Realität in den Entwurf. Das Stadthaus in Ostfildern hat deshalb jetzt doch nur einen Eingang, und der ist mit einer Videokamera überwacht.

Bleibt noch die Freiheit der Form. Die Häuser seines Büros täuschen eine geradezu freche, konstruktive Mühelosigkeit vor. Das stört Kritiker, die auf dem rechten Winkel beharren. Als würde nicht auch eine Eiskunstläuferin eine Fiktion erfinden, die von allem Möglichen erzählt - nur nicht von ihrem Kampf mit der Schwerkraft. Und genau das ist der Reiz: Seine Häuser sind Tänzer, denen man die Anstrengung nicht anmerkt. Sie wirken leichtfüßig, sie recken sich, sie balancieren, sie wagen große Gesten. Sie stehen da wie aus einer Bewegung heraus: die Villa, die neugierig ihre Fenster nach außen vorschiebt, die Türme in Sevilla, die bald in den spanischen Himmel wachsen werden, die Mensa, deren Ober- und Unterseite sich zäh voneinander lösen, als wenn man zwei Hälften eines Nutellabrotes auseinanderzieht. Der inszenierende, erzählerische, fiktive Charakter der Städte nimmt zu. Und Mayer H. baut darin erzählerische Gebäude.

"Kurven", stöhnen Kritiker über seine runden Ecken. Und: "Retro!" Für die Mensa in Karlsruhe hat er gerade einen Preis bekommen. Und Retro sind diese Bauten schon alleine deshalb nicht, weil sie mit viel höher entwickelten Techniken realisiert wurden. Sind nicht die Visionen, der Optimismus der 70er auch an den Grenzen der Bautechnik gescheitert? Und die Mensa, die für 1800 Essen täglich geplant war, serviert inzwischen 2700 Mahlzeiten am Tag. Das Gebäude fungiert vormittags als Cafeteria, Treffpunkt und Arbeitsraum, W-Lan umsonst.

Für den spektakulären, kompletten Überzug des Gebäudes haben sie ein quasi unverwundbares Material gefunden, einen gelben Kunststoff, "wenn man reinschneidet, schließt sich das Material von selbst wieder". Es war eine Lösung, die erst aus Geldmangel geboren wurde, die aber so gut zu des Architekten Arbeitsweise passt, dass sie in Sevilla gleich wieder angewendet wird: eine Holzunterkonstruktion, beschichtet. Das kostet nur ein Drittel der Variante in Stahl und Beton.

Aber wenn alle Häuser aussähen wie aus einem Guss, wie seine Familienvilla in Ludwigsburg, wäre das nicht der Tod des architektonischen Details? Nein, sagt Mayer H., im Gegenteil, in einem unsichtbaren Detail steckt der Teufel noch viel mehr. So ein Gebäude muss viel extremer und genauer detailliert sein, damit all das, was gleich aussieht, am Ende unterschiedlichen Anforderungen standhält: Bei einem Haus ohne angesteckte Regenrinnen muss das Haus selber diese Funktion integrieren. Die Dächer in Ludwigsburg mussten absolut wasserundurchlässig sein, die Wände verputzt, und die weißen Flächen, die das Haus wie auf breiten Entenfüßen stehen lassen, sind Tartan. "Es braucht dafür die Komplizenschaft des Bauherren", sagt er. "Mindestens zwei Leute müssen an etwas glauben."

Und diese große Abstraktion, diese Geste, die ganze Gebäude zu einer Einheit verschmilzt, die komme, so seine Theorie, vielleicht sogar aus der Ästhetik der frühen, vergröberten Renderings: Als es am Computer noch schwer möglich war, Details wie eine Verblendung am Dach, eine Dehnungsfuge darzustellen, da haben die Architekten sie in ihren Zeichnungen erst mal weggelassen - und festgestellt, dass das ganz schnittig aussah.

Und das wäre, sagt er, die Frage an seine eigene Architektengeneration: "Kommt die Abstraktion ihrer Entwürfe aus ihren Programmen? Aus ihrem Arbeitsmittel?" So wie die Stützen eines Eiffelturms mit dem neuen Eisenmaterial zur Weltausstellung 1889 plötzlich filigran wirken konnten gegen die übliche Massivität von Stein und Holz? Spiegeln damit nicht eigentlich diese scheinbar beziehungslosen Entwürfe genauso ihre Entstehungsweise wider wie die Eisenbahnbrücken des 19. Jahrhunderts? Und der Bau, als könnte er nicht anders, offenbart schon wieder seine Herstellung.

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