Architektur : Gegen jede Vernunft

Oscar Niemeyer, Kommunist und Architekt, feiert 100. Geburtstag. Mit Brasilia baute er die Vision eines modernen Landes. Die Stadt machte ihn weltberühmt und schmerzt ihn doch am meisten.

Frauke Niemeyer
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Überdimensionale Statuen vor der 1958 von Niemeyer entworfenen Catedral Metropolitana. -Foto: dpa

Das Architekturbüro Oscar Niemeyer schickt nicht oft Rundmails über den Verteiler. Neulich kam eine. Zu Niemeyers 100. Geburtstag? Keineswegs: Man wolle öffentliche Bibliotheken in ärmeren Regionen unterstützen, und jeder, der Bücher abgeben wolle, solle die doch im Büro in Rio vorbeibringen, danke und liebe Grüße.

In Niemeyers Büro Bücher vorbeibringen lohnt sich schon deswegen, weil man runterschauen kann: vom neunten Stock des Art-Déco-Hauses in der Avenida Atlantica über die Copacabana, links zum Zuckerhut, geradeaus aufs Meer – das ist der atemberaubende Ausblick der Lobby. Und das Arbeitszimmer des einzigen lebenden Architekten, dessen Werk zum Weltkulturerbe erklärt wurde? Liegt nach hinten raus. Hat ein halb zugemauertes Fenster und die Maße einer komfortablen Besenkammer.

„Warum sollte dieses Büro zu klein sein? Meine Architektur habe ich im Kopf“, sagt Niemeyer. Sein Gesichtsausdruck ergänzt: „Noch zwei so dämliche Fragen, und ich geh’ zeichnen.“

Jeden Morgen kommt er in sein Büro, früher um neun, neuerdings um zehn Uhr, sie lassen ihn nicht los, diese Visionen von Wölbungen und was man damit alles machen kann: Ein Kuppeldach? Ein Theater? Oder gleich eine ganze Stadt, wie Brasilia, die Hauptstadt vom Reißbrett, die genau vor 20 Jahren Weltkulturerbe wurde?

Lieber als über Architektur redet Niemeyer über Philosophie. „Welches Thema behandeln Sie gerade in Ihrem philosophischen Gesprächskreis?“ „Wir treffen uns morgen hier im Büro, es geht um einen deutschen Philosophen, dessen Name mir entfallen ist.“ „Kant?“ „Hatten wir schon. Eigentlich hatten wir alles schon, wir haben dann wieder von vorne angefangen.“ „Schopenhauer?“, fragt Niemeyers Neffe João. „Heidegger?“, fragt der Fotograf. „Genau, Heidegger“, freut sich Niemeyer, „er hat mal gesagt, und das hat mir sehr gefallen: Der Verstand ist der Gegner der Vorstellungskraft.“

Und da ist er doch wieder bei der Architektur. Wie gut der Satz zu Oscar Niemeyer passt: Wenn „der Verstand“ die Bauhausmoderne war, mit ihrem Bestreben, Systeme zu schaffen, Prototypen zu entwickeln, den Schwung des einzelnen Stücks in die Serie zu überführen, dann ist Niemeyer „die Vorstellungskraft“, das intuitive Bauen, nur für den Augenblick, nur aus Verliebtheit in die Form.

„Meine Gebäude“ sagt Niemeyer, „ sollen wirken wie losgelöst.“ Er redet leise, ein bisschen zusammengesunken sitzt er auf einem Holzstuhl, neben sich den Schreibtisch voller Papiere und ein Modell der „Praça do Povo“ (Platz des Volkes), ein neues Projekt für Brasilia. Sein berühmtestes Werk feiert bald 50-jähriges Bestehen. Doch Brasilia, diese erste Metropole aus der Retorte, die Niemeyer den Weltruhm brachte, hat ihn zugleich am tiefsten enttäuscht.

Mitte der 50er Jahre sah es so aus, als habe Brasilien den Aufschwung geschafft. Der neue Präsident Kubitschek hatte zwei Botschaften: an die Welt, dass mit Brasilien künftig zu rechnen sei, und an die Bewohner im Hinterland, dass der Wohlstand auch zu ihnen kommen werde. Und er hatte eine Idee, wie er beide Botschaften transportieren wollte.

„Kubitschek kam zu mir und sagte: Oscar, ich werde für dieses Land eine neue Hauptstadt bauen, und du hilfst mir dabei. Es soll die schönste Hauptstadt der Welt werden, und weißt du, was sie noch werden soll? Modern!“ Zu dem Flecken Land mitten in der Unendlichkeit der brasilianischen Hochebene, den Kubitschek und Niemeyer ein paar Tage später überflogen, führte nicht einmal eine Straße. Wohin auch? Es gab ja nichts. Dieses Stück Land war nur die Stelle auf der Landkarte, wo Kubitschek sein Kreuz gemacht hatte, wie ein Feldherr. Die beiden Achsen dieses Kreuzes machte Niemeyers ehemaliger Chef und Weggefährte, der Stadtplaner Lucio Costa, zu den beiden zentralen Avenidas der zukünftigen Stadt. Die Bauwerke ordnete er so daran an, dass der Stadtplan schließlich aussah wie der Grundriss eines Flugzeugs.

Nichts an dieser neuen Stadt sollte an Brasiliens koloniale Vergangenheit erinnern, etwas gemeinsam haben mit den Küstenstädten, ihren engen Straßen und den alten Häusern der Portugiesen. In Brasilia würden die Menschen ein modernes Leben führen, so planten es Costa und Kubitschek. Sie würden in einem Wohnsektor leben: die Verwaltungsangestellten genauso wie die Straßenkehrer, der Staatssekretär als Nachbar seines Chauffeurs. Sie würden im Freizeitsektor Sport treiben, im Bürosektor arbeiten und im Geschäftssektor einkaufen. Und zu all diesen Sektoren, durch riesige Grünflächen voneinander getrennt, würden sie über breite Straßen mit dem Auto fahren, dem Symbol des mobilen Lebens.

„Kubitscheks Vision und seine Entschlossenheit waren so ansteckend, dass ich bald überzeugt war“, schreibt Niemeyer in seinen Memoiren. „Meine Zweifel verschwanden im Angesicht seiner Begeisterung.“ Das erste Gebäude war nach zehn Tagen fertig: ein Holzhaus für Kubitschek, damit der auf seinen Besuchen nicht im Zelt übernachten musste. Bald danach führte auch eine Straße zur Baustelle. „Als wir mit dem Auto die endlosen Kilometer durch die Steppe fuhren“, erzählt Niemeyer, „begegneten uns Laster voller Bauarbeiter aus dem ganzen Land. Sie dachten, dass sie in Brasilia Arbeit und ein besseres Leben finden würden. Brasilia erschien damals wie ein Versprechen.“

40 000 Männer bauten an der neuen Stadt vier Jahre lang, Tag und Nacht unter harten Bedingungen, die einige bei Unfällen ihr Leben kosteten. Niemeyer erinnert sich am liebsten an den Enthusiasmus auf der Baustelle. „Eine Hauptstadt in vier Jahren erbaut – das ist eigentlich unmöglich. Es gelang uns nur, weil es genau der richtige Zeitpunkt war: Das ganze Volk hat an die blühende Zukunft seines Landes geglaubt, diesen Optimismus brauchten wir.“

Um der Langeweile des Baustellenalltags in der Steppe zu entgehen, traf man sich abends zu spontanen Partys: Niemeyer an der Mandoline, zwei Freunde spielten Gitarre und Tamburin, der Rest tanzte und sang. Es gab ein paar Musikclubs, aus Brettern zusammengezimmert. Und Niemeyer heuerte ein paar Leute an, die noch nie etwas mit Architektur zu tun gehabt hatten, „einfach weil sie klug waren und weil ich Leute zum Reden brauchte. Es kann sich nicht vier Jahre lang nur um Architektur drehen.“ Und war der Torwart von Rios legendärem Fußballclub Flamengo wirklich auch in seinem Bauteam? „Ein Freund von mir, er brauchte Geld.“

Unter enormem Zeitdruck entstanden die Wohnblocks, die Straßen, die Regierungsbauten. Die geschwungenen Säulen des Alvorada-Palasts, Sitz des heutigen Präsidenten Lula da Silva, die Kathedrale, die sich einer Krone gleich in den Himmel streckt, das Senatsgebäude, das bis heute den Spitznamen „Salatschüssel“ trägt. „Niemeyers Bauten zeigen, dass es möglich ist, Staatsarchitektur mit der Leichtigkeit einer Pirouette, einer tänzerischen Geste zu formulieren“, sagt der Architekturkritiker Wolfgang Kil. „Er hat sich seinen Staat leichtgedacht.“

Vielleicht fällt es deshalb so schwer sich vorzustellen, dass Oscar Niemeyers Bauten irgendwann während ihrer Entstehungszeit auch mal halb fertig waren, und wie sie da wohl aussahen. So natürlich geschwungen wirken die Rundungen, so aus einem Guss, dass man eher geneigt ist zu glauben, sie seien jedes für sich in einem einzigen Moment entstanden. Als habe es einmal „fffusch“ gemacht, und als die Dampfwolke sich auflöste, war das Senatsgebäude gelandet.

Darüber, was mit Brasilia passierte, als es fertig war, spricht Niemeyer nicht gern. Wie muss es einen schmerzen, der sich seinen Staat leichtgedacht hat, wenn schließlich Generäle in die Paläste einziehen? 1964, nur vier Jahre nach der Einweihung der Hauptstadt, übernahm das Militär die Macht. Als überzeugter Kommunist wurde Niemeyer verhört, verwarnt, mehr als einmal wurde sein Büro durchsucht, auf der Suche nach belastenden Unterlagen. Von einer Reise nach Paris kehrte der Architekt aus Vorsicht nicht nach Rio zurück. Es wurden viele Jahre, die Niemeyer im europäischen Exil abwartete, während das Militär in Brasilien immer mehr Grundrechte abschaffte, Autoren zensierte, Versammlungen verbot, ebenso wie linke Studentenverbände. In den Gefängnissen wurden Niemeyers Mitstreiter gefoltert. „Ich habe ständig an meine Freunde in Brasilien gedacht. Ich traf mich in Paris oft mit anderen Exilbrasilianern, um zu verfolgen, was zu Hause passierte.“ 1979 ermöglichte eine Generalamnestie vielen Exilanten die Rückkehr, drei Jahre später baute Niemeyer in Rio. Seine Exiljahre hatten der europäischen Architektur einige geschwungene Bauten beschert, wie den Sitz der Kommunistischen Partei in Paris und das Mailänder Verlagshaus Mondadori. Für Brasilia hingegen musste sich Oscar Niemeyer lange verteidigen: Die Stadt sei seelenlos, autolastig, viel zu weitflächig und mithin eigentlich unbewohnbar.

Brasilia ist ein eigenartiges Gebilde. Vom Fernsehturm am einen Ende schaut man auf das Regierungsviertel am anderen, dazwischen rollen die Autos auf der zwölfspurigen Avenida Monumental, der Längsachse der Stadt. Dort, wo sie die Querachse kreuzt, liegt das Zentrum, mit unzähligen Auf- und Abfahrten und einem gigantischen Einkaufszentrum. Und selbst hier, an einem der wohl ungemütlichsten Plätze der Welt, stehen Straßenverkäufer, bieten Getränkedosen, Sonnenmilch und Erdnusstütchen feil.

Von oben ist sichtbar, dass sich die Bewohner Brasilias auf all den riesigen Grünflächen – als Blickachsen für die Monumente gedacht – wilde Trampelpfade getreten haben. Auf den Straßen sind kaum Fußgänger zu sehen, aber die, die man sieht, plaudern miteinander. Die Bewohner Brasilias haben ihre künstliche Stadt so gut es geht in Besitz genommen.

Ihre Eigenart zieht Mystiker an, die glauben, Brasilia sei auf einem heiligen Ort erbaut worden. Und auch bodenständige Bewohner finden, dass der Himmel nirgendwo so riesig wirkt wie über ihrer Stadt. Doch von der alten Vision der Nachbarschaft zwischen denen, die Gesetze machen, und denen, die sie befolgen sollen, ist nichts übrig geblieben. Kein Arbeiter könnte sich eines der schicken Apartments im Wohnsektor leisten, hier ist die Mittelklasse unter sich. „Die Stadt ist zu schnell gewachsen“, erklärt Niemeyer. Geplant für 600 000, leben dort heute über zwei Millionen Menschen, die Armen in den Favelas vor der Stadt.

Architektur, resümiert Niemeyer, verändert nichts. „Sie sucht immer nach neuen Lösungen, aber wichtig ist es, menschlich zu sein. Letztlich macht das Leben nur Sinn, wenn wir dafür kämpfen, dass die Welt besser wird.“ Darum würde es Niemeyers Anspruch an sich selbst nicht genügen, selbst mit 100 Jahren nur atemberaubende Architektur zu machen. Er muss auch noch Bücher für öffentliche Bibliotheken sammeln.

Die Autorin ist mit Oscar Niemeyer nicht verwandt.

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