Architektur : Unser Dach soll grüner werden

Der deutsche Weg in eine klimafreundliche Zukunft führt über einen intelligenten Umbau der urbanen Räume. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat jetzt die Sieger seines Wettbewerbs „Energieeffiziente Stadt“ ausgezeichnet.

Jan Oliver Löfken

Deutschland ist ein Land der Städte. Knapp 90 Prozent der Bundesbürger leben und arbeiten in urbanen Räumen von Aachen bis Görlitz, von Flensburg bis Friedrichshafen. In den Städten konzentriert sich mit den Menschen der Bedarf an Energie. Hier liegt der Schlüssel, um die Klimaziele des Landes mit einer Verringerung des CO2-Ausstoßes von 40 Prozent bis zum Jahr 2020 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 zu erreichen. Gefordert ist ein intelligenter Stadtumbau, der vom Verkehr über das Wohnen bis zum Arbeitsplatz das städtische Leben in all seinen Facetten verändern wird.

„Alle deutschen Städte verfügen über ein großes Energiesparpotenzial“, sagt Hermann-Josef Wagner vom Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Das Spektrum reicht von effizienter Wärmedämmung für Altbauten über eine ausgeklügelte Verkehrsführung bis hin zu einer stromsparenden Beleuchtung der öffentlichen Räume. Zahlreiche Technologien stehen bereits zur Verfügung, doch scheitert deren Einsatz nicht selten an hohen Kosten, einer Vielzahl teils entgegengesetzter Interessen oder zähen Entscheidungsprozessen in der kommunalen Bürokratie.

Der Wettbewerb „Energieeffiziente Stadt“, initiiert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, brachte nun Bewegung in diese stockende Entwicklung und könnte finanzierbare Umbaukonzepte für das ganze Land liefern. 72 Kommunen von der Millionen-Metropole bis zur Kleinstadt auf dem Lande folgten dem Aufruf zur Entwicklung eines intelligenten und umsetzbaren Energiekonzepts. Davon qualifizierten sich 15 Städte für eine mit 200 000 Euro geförderte Ausarbeitung ihrer Umbaustrategien. Vergangene Woche wurden nun die fünf Siegerstädte gekürt: Es sind das sächsische Delitzsch, Essen, Magdeburg, Stuttgart und Wolfhagen in Nordhessen – jeweils zusammen mit Partnern von Hochschulen und Forschungsinstituten.

Wissenschaftler, Stadtplaner und Kommunalpolitiker entwickelten zahlreiche Ideen gemeinsam, um unnötige Reibungsverluste bei einer möglichen Umsetzung zu vermeiden. „Die Kommunen müssen ihre Städte als komplexe Systeme begreifen“, sagt Michael Knoll vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin. Zudem soll durch Transparenz und öffentliche Diskussion eine breite Akzeptanz erreicht werden, um nicht an den Bürgern vorbei zu planen.

Vor einem Umbau steht immer die Bestandsaufnahme des Energiebedarfs. „Die ,Energiewahrheit‘ ist ein zentraler Begriff in unserem Projekt“, sagt Christian Strauß vom Fraunhofer-Zentrum für Mittel- und Osteuropa und Koordinator des Wettbewerbsbeitrags der Stadt Leipzig. Mit dem Fokus auf den Wohngebieten im Leipziger Osten soll die tatsächliche Energiebilanz der Viertel Neuschönefeld, Anger-Crottendorf und Volkmarsdorf ermittelt werden. Diese Daten werden in ein computergestütztes Modell einfließen, mit dem Bürger und Eigentümer erkennen können, wie groß ihr Energieverbrauch im Vergleich zu dem der Nachbarn ist.

Besonders für eine effiziente Wärmeisolierung der zumeist gründerzeitlichen Bauten könnte diese Dienstleistung eine wichtige Datengrundlage liefern. Eine Analyse-Software zur Energie- und Emissionsbilanz ist ebenfalls das Ziel von Oldenburg. Die niedersächsische Stadt will neben Wärme- und Strombedarf auch den Verkehr und die Dienstleistungen in ihr Energiemodell aufnehmen.

Als Vorbild für viele historische Städte will sich Aachen in dem Wettbewerb profilieren. Die gemeinsam von der Stadtverwaltung und Forschern aus Industrie und Technischer Hochschule entwickelte Strategie stellt die energetische Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden in den Mittelpunkt. Mit erschwinglichen Methoden sollen historische Bauten eine effizientere Wärmedämmung erhalten, die das äußere Erscheinungsbild nicht beeinflusst. Neben dem Ausbau von Fernwärme-Systemen ist für Wohnquartiere zum Beispiel auch die Rückgewinnung von Wärme aus dem Abwasser geplant. Für die kurzen Entfernungen im innerstädtischen Verkehr sehen Aachens Planer außerdem Chancen für eine Elektromobilität auf zwei Rädern: Mit Elektromotoren ausgestattete Fahrräder könnten ihre Akkus an Stromtankstellen an Gebäuden der Wohnungsbaugesellschaft Aachen einfach aufladen.

In der Stärkung des Fahrradverkehrs sieht München die Zukunft für eine energieeffiziente Mobilität. Ein dichtes Radwegenetz soll durch sichere Abstellanlagen ergänzt werden. Leihräder für Touristen und Gelegenheitsfahrer sind in dem Konzept genauso vorgesehen wie zahlreiche Ladestationen für Elektroräder, auch E-Bikes oder Pedelecs genannt. Die chronisch angespannte Parkplatzsituation in der bayerischen Hauptstadt könnte mit der Einbindung von Carsharing-Systemen in Mietshäusern entschärft werden. Die Beteiligung der Bürger ist dabei fester Bestandteil in der Münchener Energiestrategie. „Da die Ideen gemeinsam mit den Münchner Bürgern und Bürgerinnen entworfen und entwickelt wurden und werden, ist eine hohe Resonanz vorhanden“, sagt Marlen Arnold von der Technischen Universität München.

Der Bürger steht auch bei der Klima- Initiative der Gewinner-Stadt Essen im Mittelpunkt. Ein Ziel des prämierten Konzepts ist es, ein klimabewussteres Verhalten der Verbraucher zu erreichen. Ein Dienstleistungspaket soll sie bei der Analyse und Umsetzung einer energetischen Gebäudesanierung unterstützen. Regenerative Energien und der öffentliche Nahverkehr sollen so propagiert werden, dass sich jeder Bürger selbst als „Klimaheld“ fühlen und somit einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur energieeffizienten Stadt der Zukunft liefern kann.

Setzen sich größere Städte wie Magdeburg oder Düsseldorf, Hamburg oder Stuttgart eine Minderung der CO2-Emissionen um mindestens 40 Prozent bis 2020 zum Ziel, stellt sich Wolfhagen mit seinen knapp 14 000 Einwohnern einer noch größeren Herausforderung. Die Kleinstadt bei Kassel will ihren Energiebedarf in Zukunft komplett aus regenerativen Quellen decken. Neben der Gebäudesanierung soll dieses Ziel mit Solaranlagen, einem Bürgerwindpark und Biomasse-Kraftwerken erreichbar werden. Ein intelligentes Stromnetz würde Angebot und Nachfrage ausgleichen und die Grundlage für eine größere Elektromobilflotte legen. „Von den Lösungen wie auch den Schwierigkeiten kann eine Vielzahl von Kommunen profitieren“, sagt die Koordinatorin des Wolfhagener Konzepts, Christina Sager vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik.

Das sah die Wettbewerbs-Jury offenbar ähnlich: Ebenso wie die anderen vier Gewinner können die Wolfhagener ihr Konzept nun in den kommenden drei bis fünf Jahren umsetzen – mit einer Unterstützung von bis zu einer Million Euro pro Jahr. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hofft aber, dass auch alle anderen Teilnehmer von dem Wettbewerb profitieren und dass „neue Konzepte und Forschungsergebnisse Eingang in die Planungen ihrer Stadt finden“.

Mehr im Internet:

www.wettbewerb-energieeffiziente-stadt.de

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