ARCHITEKTURFOTOGRAFIE„Baumeister der Revolution“ : Brutal, genial, gescheitert

Das berühmteste Bauwerk der russischen Avantgarde wurde nie gebaut. Es ist Wladimir Tatlins Monument für die Dritte Internationale. Der Turm sollte mit 400 Metern höher werden als der Eiffelturm, die Komintern beherbergen und vom Sieg der Weltrevolution künden. Es blieb beim Modell, das allerdings wurde zur Ikone.

In den Jahren nach der Oktoberrevolution und bevor Stalin 1932 die totale Kontrolle übernahm, zielte die ganze schöpferische Kraft der russischen Avantgarde auf Erneuerung. Junge Architekten wie Konstantin Melnikow, Moisej Ginsburg oder die Gebrüder Wesnin bauten Gemeinschaftshäuser, Arbeiterklubs, Sanatorien, Kraftwerke und Fabriken für eine neue Gesellschaft, und sie gingen dabei so kühn und experimentell ans Werk, wie es seither nie wieder gewagt wurde. Die meisten dieser Gebäude sind heute dem Verfall nahe. Der britische Fotograf Richard Pare reiste 1993 zum ersten Mal nach Moskau, in den folgenden Jahre fotografierte er im ganzen Sowjetreich das verfallene und aber immer noch beeindruckende Erbe der Avantgarde. Oft schlich er sich heimlich in die Gebäude , später half ihm das Kulturministerium, etwa im berühmten Funkturm von Wladimir Schuchow oder im Lenin-Mausoleum fotografieren zu dürfen. Teils musste er die Bauten aber auch tagelang suchen, wie die Textilfabrik „Rotes Banner“ (Foto) in Sankt Petersburg, die von Erich Mendelsohn geplant wurde. Die Ausstellung zeigt neben Pares Aufnahmen auch Originalfotografien aus dem Moskauer Schtschussew-Museum. Konstruktivistische Zeichnungen von El Lissitzky, Rodtschenko oder Malewitsch zeigen die Verschmelzung von Kunst und Architektur. Birgit Rieger

Martin-Gropius-Bau, Do 5.4. bis Mo 9.7., Mi-Mo 10-19 Uhr, 10 €, erm. 7 €

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