Zeitung Heute : ARD lehnt SFB-Dokumentation ab

Tilmann Warnecke

"Mehr Lebenslust als jeder Zwanzigjährige" verspürte Victor Klemperer, als er im Juni 1945 zusammen mit seiner Frau Eva in sein Haus im ansonsten völlig zerstörten Dresden zurückkehrt. Da war er 64, und nach dem Terror der Nazi-Zeit - die Klemperers hatten die Judenverfolgung und das Dresdener Bombeninferno vom Februar 1945 überlebt - erhoffte sich der Romanist einen Neubeginn, politisch und persönlich.

Als Professor in Greifswald, Halle und Berlin, KPD-Mitglied und Abgeordneter der Volkskammer wird Klemperer in der DDR schnell berühmt und mit Preisen überschüttet. Trotzdem schlägt seine Lebenslust bald um in tiefe Zweifel an der politischen Entwicklung und dem Sinn seines Engagement für den sozialistischen Staat. Ein Wechselbad der Gefühle, das auch für seine Freunde nicht immer duchschaubar war.

Nur wenige Monate nach der zwölfteiligen ARD-Serie über Klemperers Leben vor 1945 bringen Ulrich Kasten und Klaus Wischnewski mit ihrer Dokumentation "Und so ist alles schwankend" (B1, 22 Uhr 45) jetzt die DDR-Zeit des berühmten Romanisten ins Fernsehen. Im Gegensatz zur Serie, die mehrere Episoden zu Klemperers Leben dazuerfand, versprechen die Autoren für ihren Film "99 Prozent Klemperer-O-Töne". Das erklärt, warum aus dem Film eine bebilderte Hörspielfassung von Klemperers Tagebüchern nach 1945 geworden ist, die Klemperers Schwanken zwischen Lebenslust und Selbstzweifel keine neue Facetten abgewinnt. Alte Wochenschaubilder und Privatfotos illustrieren den Lesefluss aus den Tagebüchern, tragen zur Erkenntnissteigerung aber nicht bei. Zeitgenossen kommen kaum zu Wort. Und von Klemperers zweiter Frau Hadwig, die er nach dem Tod Evas heiratete, erfährt der Zuschauer nur, dass ihr Ehemann ein "hinreißenden Liebhaber" war.

In der ARD wird die Ko-Koproduktion von SFB, ORB und SWR übrigens nicht laufen. Nach dem mäßigen Zuschauerszuspruch für die aufwendige Serie im Herbst vergangenen Jahres, so heisst es hinter vorgehaltener Hand, habe man dort von Klemperer erstmal genug.

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