Zeitung Heute : Arena der schrecklichen Erinnerungen

„Ich werde versuchen, tapfer zu sein“, sagt Lilia Silva und geht zurück an den Ort, wo sie gefangen war und gefoltert wurde: ins Stadion von Santiago. Im Jahr 1973 putschte General Pinochet gegen die Regierung Allende. Auch 30 Jahre danach sind die Wunden der Gewaltherrschaft noch offen.

Ulrich Pontes[Santiago]

Von Ulrich Pontes, Santiago

Plötzlich stockt die angeregte Plauderei im Taxi. Die alte Dame – weinroter Hosenanzug, makelloses Make-up, resolutes Auftreten, die 72 Jahre sieht man ihr nicht an – wird zittrig, ihr Blick flackert, und über ihre Lippen schiebt sich zaghaft: „ Es ist schrecklich für mich.“ Draußen ziehen graue Gebäude vorüber. Und Autos, Busse, Menschen. Sehr viele Autos, Busse, Menschen. Normalität in der chilenischen Fünf-Millionen-Stadt Santiago.

Dann wird die Stimme von Lilia Silva wieder kräftig. Sie erzählt, wie engagiert sie war, damals, vor über 30 Jahren, in der Sozialistischen Partei, wie sie Lebensmittel unter den Armen verteilte. Auch der Taxifahrer wird einbezogen: „Hören Sie gut zu! Vielleicht sind Sie von der anderen Seite und können noch was lernen.“ Erst als die Flutlichtpfeiler in der Ferne auftauchen, erschaudert die Frau wieder. „Zwei Mal war ich noch hier. Beim ersten Mal, vor zwei Jahren, musste ich mich schon im Bus hierher übergeben.“

Die Taxifahrt zum chilenischen Nationalstadion führt für Lilia Silva nicht einfach in einen Außenbezirk Santiagos. Sie führt in das Reich schrecklicher Erinnerungen. Ins Jahr 1973, als am 11.September die Militärs gegen die drei Jahre zuvor an die Macht gewählte Unidad Popular und den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende putschten. Als ein neuer starker Mann ins politische Rampenlicht trat, General Augusto Pinochet Ugarte, während eine finstere, lange Nacht für die Unterstützer der vorherigen Regierung hereinbrach. Zigtausende wurden innerhalb kurzer Zeit verhaftet und in oft improvisierte Gefangenenlager verfrachtet. Zum größten und bekanntesten dieser Gefangenenlager wurde das chilenische Nationalstadion, ein großer Betonklotz für rund 70000 Zuschauer, umgeben von einem 60-Hektar-Areal mit Schwimmbad, Radrennbahn, Tennisplätzen. Gelegen in einem Wohnbezirk für die Mittelschicht, eingeweiht 1938, zweckentfremdet ab dem 11.September 1973.

Heute liegt das Stadiongelände als grüne Oase zwischen Hauptverkehrsstraßen. Jogger, die sich von der schlechten Luft nicht schrecken lassen, traben über Kieswege. Eine Tai-Chi-Gruppe übt ihre meditativ-kämpferische Choreografie. Zwischen den Bäumen leuchten Häuser in warmem Ockergelb; und in der Fußballarena päppeln die Arbeiter den Rasen für das nächste große Sportereignis.

Das letzte Einschussloch

Lilia Silva führt den Reporter in Richtung Schwimmbad. „Im Fußballstadion waren nur die Männer untergebracht“, erklärt sie und erzählt, dass sie am 23. September hierher gebracht wurde. Vorher hatte man sie anderswo festgehalten und gezwungen, ein Papier zu unterschreiben – das Geständnis, Waffen an linke Rebellen verteilt zu haben, wie sie später erfuhr. Sie haben ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet, sagte man ihr. „Aber ich konnte doch nicht einmal sehen, was auf dem Papier stand“, entrüstet sich Lilia Silva, „von allen Seiten zielten Maschinengewehre auf mich.“ Sie unterbricht ihre Erzählung. Die Umkleidekabinen des Schwimmbads sind in Sichtweite gekommen, das leere Becken, die Tribünenstufen, von denen die türkisblaue Farbe großflächig abplatzt. Alle Kraft scheint jetzt aus der Stimme der alten Frau gewichen zu sein, als sie endlich hervorbringt: „Das ist schrecklich. Ganz furchtbar schrecklich.“

Als sie damals ankam, berichtet Lilia Silva, sei frisches Blut an der Außenwand der Umkleiden herabgelaufen. Ihr Blick sucht die Wand ab: Ein Einschussloch gebe es noch heute, das habe sie vor ein paar Monaten entdeckt, als sie für eine Filmdokumentation hierher zurückkehrte. „Warum sie alle außer diesem zugespachtelt haben, weiß ich nicht… Hier, sehen Sie!“ Sie legt den Finger in das wiederentdeckte Loch, stellt sich dann davor und signalisiert mit den Händen: genau auf Brusthöhe.

Dann geht Lilia Silva auf den Eingang des Flachbaus zu. „Ich werde versuchen, tapfer zu sein“, sagt sie. Sie bleibt stehen, ihre Hand sucht Halt am Arm des Begleiters. Eine kleine Ewigkeit steht sie so, atmet tief. Schließlich öffnet sie das Gitter zum Vorraum der Umkleidekabinen und Toiletten, stapft über Gerätschaften und Baumaterial hinweg, steuert wie mechanisch zur linken Wand in der großen Sammelumkleide. „Genau hier habe ich geschlafen. Wie die Sardinen lagen wir, über 200 hier drin, und wenn eine sich bewegte, bewegten sich alle.“

Unterbrochen von Schluchzen sprudeln die Erinnerungen, während die Wimperntusche nach und nach schwarze Linien auf die Wangen malt. Lilia Silva erzählt von einem Spießrutenlauf, zu dem die Frauen antreten mussten; von den erbärmlichen hygienischen Bedingungen; von den Verhören, den Stromschlägen und der Nachricht von der Hinrichtung ihres Bruders; von den beiden Malen, als sie selbst erschossen wurde. „Die Kugeln trafen mich – und ich dachte, ich träume nur, dass ich noch lebe. Aber die Erschießung war simuliert, es waren nur Gummigeschosse.“

Unbedarfte Besucher weist eine kleine Metalltafel auf die Geschichte des Stadions hin. „Zwischen dem 11.September und 7.November 1973 diente das chilenische Nationalstadion als Konzentrations-, Folter- und Todeslager. Mehr als 12000 politische Gefangene wurden hier ohne Anklage oder Prozess festgehalten“, ist dort zu lesen, nahe beim Haupteingang. Anbringungsdatum: Oktober 2001.

Genau untersucht, wer hier festgehalten, gefoltert, getötet wurde, hat noch niemand. Selbst die Zahlen sind nur grobe Schätzungen: 12000 Insassen, das wollen Journalisten herausgefunden haben, doch Wally Kunstmann, Präsidentin der Vereinigung ehemaliger politischer Gefangener in Santiago, widerspricht. Nach ihren Berechnungen sind es 25000. Misshandelt? Fast alle. „Zu unserer Vereinigung gehören über 1000 ehemalige Insassen des Nationalstadions, und von ihnen wurde jeder Einzelne gefoltert“, sagt Kunstmann. Gestorben? Niemand weiß, wie viele. Ein ehemaliger Luftwaffenoffizier erklärte neulich in einer Fernsehdokumentation, er allein habe einen Haufen von zehn bis 15 nie identifizierter Leichen aus dem Stadion schaffen müssen.

Das Nationalstadion ist ein symbolischer Ort für die dunkle Stelle in Chiles Geschichte – und symptomatisch für die Aufarbeitung in den 14 Jahren seit Ende der Militärdiktatur: Zwar sind die Fakten der Unterdrückung in groben Zügen bekannt. Konsequenzen daraus ergeben sich aber nur zögerlich. Und die Einzelheiten liegen oft weiter im Dunkeln.

Erstarrtes Land

Der liberale Politikwissenschaftler Oscar Godoy, der in Santiago und Paris lehrt, findet das wenig verwunderlich. Die Wahrheit sickere eben nur langsam ins Bewusstsein der Gesellschaft, sagt er. In den Medien überhaupt erst ab 1989 thematisiert, als ein Referendum das Ende der Militärregierung einleitete, seien die Menschenrechtsverletzungen von rechten Kreisen noch lange Jahre nicht anerkannt worden. Das habe sich nun immerhin geändert. Ein wichtiger Einschnitt war die Inhaftierung Pinochets in London 1998. Godoy ist überzeugt: Erst dadurch habe der Ex-Diktator seinen Nimbus und seine verbliebenen Ämter eingebüßt.

Gleichzeitig, sagt Godoy, herrsche heute weitgehend Einigkeit darüber, dass für Pinochets Putsch alle Seiten verantwortlich waren: Die friedliche sozialistische Revolution Allendes war gescheitert, hatte ein Machtvakuum produziert. „Das Land war vollständig erstarrt“, sagt Godoy. „Vorher, wenn ich von meinen Europa-Aufenthalten zurückkehrte, wünschte sich meine Mutter immer irgendwelche raffinierten Cremes als Mitbringsel. 1973 bat sie mich um Zucker, Tee und Zahnpasta.“ Später im selben Jahr, nach dem Putsch, sah Godoy dann mehrmals Leichen im Fluss treiben. Mitten in Santiago, ohne dass irgendeine Zeitung darüber berichtet hätte.

Ein paar Zahlen sind Allgemeingut geworden in Chile: Die Diktatur soll über 3000 Menschen das Leben gekostet haben. 1200 sollen einfach verschwunden sein. Viele Chilenen müssen damit leben, nicht zu wissen, wann, warum, unter welchen Umständen ihre Angehörigen oder Freunde umkamen. Die bislang herausgefundene Wahrheit sei sehr abstrakt, beklagen die Opferverbände.

Auch Gerechtigkeit und Versöhnung, die beiden anderen Ideale, die Politiker zusammen mit der Geschichtsaufarbeitung immer im Munde führen, stellen sich nur langsam ein. 87 Prozent der Chilenen sind der Meinung, dass die Gesellschaft noch nicht wieder versöhnt sei. Und Gerechtigkeit wird durch das Amnestiegesetz erschwert, das die Militärjunta selbst erließ und das auch der derzeitige Präsident Ricardo Lagos nicht anzutasten wagt. Immerhin präsentierte er im August einige Gesetze. Sie sollen die Opfer der Diktatur und deren Angehörige besser stellen und laufende Gerichtsprozesse beschleunigen.

Ein kleiner Lohn

Die Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge ist von dem lange erwarteten Gesetzespaket allerdings enttäuscht. Menschen, die willkürlich festgenommen, verhört und gefoltert wurden, mitunter auch von Militärgerichten abgeurteilt, bekamen bisher keine Entschädigung – es sei denn, sie hatten aus anderen Gründen Ansprüche, etwa weil sie wie Lilia Silva einen Familienangehörigen verloren haben. Und für viele war die Gefangenschaft nur der Anfang einer langen Leidensgeschichte: Gesundheitsprobleme. Verlust des Arbeitsplatzes. Soziale Ausgrenzung, weil andere Angst hatten, sich durch den Kontakt zu Verdächtigen selbst verdächtig zu machen. Lilia Silva, die nach der dritten Verhaftung ins Exil nach Brasilien ging, hatte es da noch verhältnismäßig gut. Aber, erzählt sie: „Ich war jahrelang in psychiatrischer Behandlung, weil ich nicht mehr schlafen konnte.“

In der neuen Gesetzesinitiative werden die überlebenden Opfer der Pinochet-Diktatur nun erstmals ausdrücklich erwähnt. „Ja, wir existieren jetzt“, sagt Wally Kunstmann, die Vereinigungspräsidentin. „Das ist aber schon das einzige Positive.“ Von der „geringfügigen, symbolischen Reparation“, von der im Gesetzestext auch die Rede ist, erhofft sie sich nicht viel. Und der Anwalt der Vereinigung ist richtig sauer: „Die Initiative ist Augenwischerei!“ Alles Nennenswerte bezöge sich wieder nur auf die Todesopfer. Nichts werde unternommen, um etwa die Gerichtsprozesse gegen die Folterer voranzutreiben.

Immerhin eine Sache stimmt die Vertreter der ehemaligen Häftlinge halbwegs froh: Ihr Einsatz dafür, aus dem Nationalstadion auch eine Gedenkstätte zu machen, hat sich gelohnt. Die Behörden haben die wichtigsten Bauten unter Denkmalschutz gestellt, nachdem sie zwischenzeitlich schon einmal abgerissen werden sollten. Nun fehlt nur noch Geld für ein geplantes Dokumentationszentrum und für einen Rundweg übers Stadiongelände, die über die Monate Ende 1973 informieren sollen.

„Es geht nicht um Opferkult bei unserem Engagement.“ Lilia Silvas Stimme wird feierlich auf dem Weg zum Ausgang des Stadions, wo mittlerweile die Abendsonne den trüben Himmel kupferrot leuchten lässt. „Aber seit ich diese Hölle durchlebt habe, bin ich meinen Idealen noch stärker verpflichtet – und das Wichtigste ist doch, gegen das Vergessen zu kämpfen. Ich will, dass künftig niemand mehr so etwas durchmachen muss, nicht einmal die Kinder und Enkel Pinochets.“

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