Zeitung Heute : Arm wie eine Kirchenmaus

Das katholische Bistum Berlin lebt seit zehn Jahren über seine Verhältnisse – das konnte nicht gut gehen

Martin Gehlen

Selten lagen Höhen und Tiefen im Leben der Berliner Katholiken so nahe beieinander wie 2003. Ende Mai war das Erzbistum zusammen mit der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg Gastgeber des ersten Ökumenischen Kirchentages in Deutschland. Mehr als 200000 Menschen zog das kirchliche Großtreffen in die deutsche Hauptstadt und setzte mit seinen öffentlichen Vorträgen, seinem geistlichen Angebot und seinen vielfältigen Gottesdiensten einen Meilenstein im Zusammenleben der beiden Konfessionen. Die Premiere war so überzeugend, dass nun in einigen Jahren ein zweiter gemeinsamer Kirchentag folgen soll, möglicherweise wieder in der Hauptstadt.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, vor allem für die Berliner Katholiken. Denn ihr Kardinal Georg Sterzinsky musste einräumen, dass sich sein Bistum in einer beispiellosen Weise verschuldet hat und sich aus eigener Kraft nicht mehr sanieren kann. 150 Millionen Euro fehlen nach Ermittlungen der Unternehmensberatungsfirma McKinsey in den katholischen Kassen. Jetzt muss ein Drittel der kirchlichen Mitarbeiter entlassen werden, die Zahl der Gemeinden halbiert, der Großteil des Grundbesitzes verkauft und die übrigen deutschen Bistümer um hohe finanzielle Hilfen gebeten werden, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Während sein evangelischer Amtsbruder Wolfgang Huber die kirchlichen Bilanzen Mitte der 90er Jahre durch einen harten Sparkurs in Ordnung hielt, hatten sich Kardinal Sterzinsky und seine Finanzgremien für einen anderen Weg entschieden: Sie stopften die immer größer werdenden Einnahmelücken mit Krediten. Seit zehn Jahren sei ihm bewusst, „dass wir über unsere Verhältnisse leben“, erklärte Kardinal Sterzinsky im Sommer mit entwaffnender Offenheit in einem Interview – eine Aussage, die ihm im Ansehen seiner Mitbischöfe sehr geschadet hat. Einige von ihnen forderten daraufhin die „völlige Offenlegung der strukturellen Verantwortungslosigkeit“ in Berlin.

Auf einer dramatischen Sitzung der Deutschen Bischofskonferenz in Freising einigten sich schließlich die übrigen 25 deutschen Oberhirten, dem angeschlagenen Bistum mit einem zinslosen Kredit von 50 Millionen Euro beizuspringen. Parallel dazu installierten sie einen kirchlichen Treuhandausschuss unter dem Vorsitz des Hildesheimer Bischofs Josef Homeyer, der die Sanierung in den kommenden Jahren überwachen soll. Während der Beratungen wurde der Berliner Kardinal sogar für einige Stunden vor die Tür geschickt, so groß war der Ärger. In ihrer offiziellen Stellungnahme sprachen die Bischöfe dann auch von zum Teil sehr beschädigtem Vertrauen.

Während der turbulenten Freisinger Tage und unter dem Druck der Ereignisse schrieb Kardinal Sterzinsky einen Brief an alle Mitglieder seines Bistums, in dem er „um Entschuldigung und Nachsicht“ bat und einräumte, notwendige Entscheidungen nicht getroffen und durchgesetzt zu haben, „die zu einer Verhinderung der Notlage hätten führen können“. Auf ihm als Erzbischof liege die Verantwortung für die entstandene Situation, erklärte er. Einen Rücktritt jedoch lehnte er ab – und auch bei der Beschreibung seiner Verantwortung relativierte er später in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur KNA seinen Standpunkt. Nicht Einzelne seien schuld an dieser Lage, sondern fast alle, sagte er.

Anfang November sorgte eine Gruppe von Pfarrern und Laientheologen für einen neuen Paukenschlag, als sie sich mit einem Brief nach Rom wandten und den Vatikan aufforderten, einen Apostolischen Visitator nach Berlin zu schicken. Es sei zu einem „großen Vertrauensverlust bei Priestern, pastoralen Mitarbeitern und vielen Gemeinden ihrem Bischof und seiner Leitung gegenüber gekommen“, argumentierten sie. „In der Folge daraus entstehen Resignation und Entmutigung, Misstrauen und Zorn, manchmal sogar Lästerung“. Gleichzeitig erklärte der langjährige Nuntius in Deutschland und künftige vatikanische Außenminister, Giovanni Lajolo, der Heilige Stuhl verfolge die Krise mit Sorge. Denn die Bedeutung des Berliner Bistums sei wesentlich größer als die Zahl der Katholiken hier. Es strahle in die ganze Welt aus.

Das Vorziehen der Steuerreform, auf das sich die rot-grüne Regierung und die Opposition im Vermittlungsausschuss einigten, wird die kirchlichen Finanzprobleme weiter wachsen lassen. Denn für 2004 klafft im Berliner Bistumshaushalt eine zusätzliche Lücke von mindestens sieben Millionen Euro. Jetzt müssen Gelder auch bei anderen, bisher geschonten Seelsorgefeldern gekürzt werden – Katholische Akademie, Religionsunterricht, Caritas und, und, und...

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