Zeitung Heute : Armee am Boden

Die US-Truppe hat aus Abu Ghraib nichts gelernt – das lässt zumindest das Massaker von Haditha vermuten

Caroline Fetscher

Nach dem Massaker von Haditha hat der Sender BBC ein Video gezeigt, das die Ermordung weiterer irakischer Zivilisten durch US-Soldaten belegen könnte. Sind für diese Eskalationen nur einzelne Marines verantwortlich, oder offenbart sich hier ein Problem der gesamten US-Armee?


„Ich warne unsere Zuschauer vor verstörenden Bildern“, kündigte der Reporter an. Als John Simpson, Starjournalist der BBC, am späten Donnerstag in Bagdad vor die Kamera von BBC World trat, war ihm seine Erschütterung anzumerken. Gezeigt wurden dann Teile eines Amateurvideos: in Decken gehüllte, tote Körper einer elfköpfigen Familie aus dem Dorf Ishaqi, sechzig Kilometer nördlich von Bagdad. Die dazugehörige Behauptung lautet, diese Zivilisten seien von US-Soldaten massakriert worden, in ihrem Haus habe sich ein Mitglied von Al Qaida aufgehalten. „Das Video stammt aus einer feindseligen Quelle“, betonte Simpson gleich zweimal – von Sunniten, die die US-Truppen offen bekämpfen.

Nun prüfen Experten der US-Armee beide Versionen der Ereignisse. Ihre Truppe erklärt, das Dach des Hauses sei eingestürzt und habe die Menschen unter sich begraben. Allerdings legt das Video die Vermutung nah, die Toten seien nicht unter herabfallenden Trümmern, sondern im Kugelhagel gestorben. Möglich ist gleichwohl auch, dass den bereits Toten nachträglich Kugeln verpasst wurden, um das Ganze nach einem Massaker aussehen zu lassen. Von der BBC beauftragte Spezialisten jedenfalls haben die sunnitische Version bestätigt, nach der es ein Massaker gab.

Wieder eines? Mitte März erst war durch eine Reportage des Magazins „Time“ ein ähnlicher Fall bekannt geworden, das Massaker von Haditha. Hardliner nennen es auch das „irakische My Lai“. Die Haditha-Geschichte – ebenfalls eine Razzia bei einer Familie – von der sich selbst Präsident George W. Bush „beunruhigt“ zeigte, ist noch nicht aufgeklärt. „Als mein Vater die Tür öffnete, erschossen sie ihn sofort“, erklärte der zwölfjährige Überlebende Safa Younis vor der Kamera. „Dann warfen sie eine Granate ins Badezimmer.“ Nun prüfen Ermittler der Army, ob die Erschossenen Opfer einer gezielten Lynchjustiz junger US-Soldaten geworden sind, die den Mord an ihrem Kameraden Miguel Tarazzas rächen wollten.

Der Imageverlust für die Soldaten von „Operation Iraqi Freedom“ könnte kaum verheerender sein. Nach den Skandalfotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib nun Haditha und Ishaqi. Dass es immer wieder zu solch erschreckenden Vorfällen kommt, ist auch in der Struktur der US-Armee begründet. Sie ist eine Berufsarmee, zu der sich Freiwillige melden, die grob gesagt aus drei Gruppen rekrutiert werden: aus der weißen, arbeitslosen und ungebildeten Unterschicht („White Trash“ ist der Slangausdruck dafür); aus ehrgeizigen Nichtweißen, zumeist Hispano- und Afroamerikaner, die in der Armee die Chance zum Aufstieg suchen; und einer teils akademischen Führungselite, die zum Beispiel an der berühmten Militärakademie Westpoint ausgebildet wird.

2005 gehörten der US-Army rund 482 400 Soldaten an, darunter 70 000 Frauen. 205 000 Soldaten bildeten die aktiven Reserve, 350 000 die Nationalgarde. Im Irak, wo Einheiten oft ausgetauscht werden müssen, sind derzeit geschätzte 112 000 US-Soldaten im Einsatz – daneben vergleichsweise kleine bis winzige Kontingente der Briten und anderer Nationen wie Polen, Ukraine, Norwegen oder Japan. Unter den Amerikanern, die im Irak vor Ort sind, finden sich tausende junger, überforderter Leute. Sie sind meist zum ersten Mal im Einsatz und meist auch zum ersten Mal in ihrem Leben im Ausland. Diese Soldaten müssen auf einem von Terroristen infiltrierten Gelände agieren, wo sich Freund oder Feind weder an Uniform noch Geschlecht unterscheiden lassen. Kurzschlusshandlungen und Fehler sind unvermeidlich, zumal die Truppenstärke der Hälfte dessen entspricht, was Forscher wie James Dobbins von der RANDCorporation als notwendig erachten.

Gleichwohl gibt es für Ausfälle, die justiziable Kriegsverbrechen darstellen, keinerlei Entschuldigung – das weiß man auch im Pentagon. So erklärte der amerikanische Oberstleutnant Peter Chiarelli: „Für uns als professionelle Militärs gilt, dass wir uns Zeit zum Nachdenken über die Werte nehmen müssen, die uns von unseren Feinden unterscheiden.“

Deshalb sollen alle im Irak eingesetzten Einheiten jetzt dreißig Tag lang ein „Ethisches Training“ erhalten, bei dem sie mehr über die Disziplin der Truppe, den Respekt vor der Kultur der anderen und die soldatischen Werte eines demokratischen Heers lernen sollen. Allerdings sind dreißig Tage nicht sehr viel, um junge Soldaten moralisch auf das vorzubereiten, womit sie im Irak konfrontiert sind.

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