Zeitung Heute : Armes Würstchen

Der Tagesspiegel

Das Lüneburger De-Vau-Ge Gesundkostwerk produziert nach eigenem Bekunden Nahrungsmittel, die nicht nur natürlichen Ursprungs sind. Sondern auch neue Mandeln machen – so lecker sind sie geraten. Eins kenne ich noch aus meiner Jugend: Eden-Margarine, ein blasses Hartfett, das nach Eurythmie und Esoterik-Sitzgruppe schmeckte. Inzwischen haben die De-Vau-Ge-Reformwaren tatsächlich einen geschmacklichen Quantensprung gemacht. Das ändert jedoch nichts an ihrem Image: Für viele Normalbürger ist Reformkost von Eden und GranoVita immer noch gleich bedeutend mit einer Körner-Orgie: Der Darm jubelt, aber die Geschmacksnerven sind beleidigt. Für die De-Vau-Ge-Werbeabteilung ein guter Grund, eine Kampagne zu veröffentlichen, die landesweit lange Zähne macht – so lecker und begehrlich wirkt gesunde Ernährung.

Doch Lowe Lintas & Partner, die zuständige Werbeagentur, setzt lieber auf Uschi Glas. Offenbar ist sie der Inbegriff lustvoller Lebensart. Mal trinkt sie – im Cocktailkleid hüpfend – einen Gemüsesaft-Cocktail direkt aus der Flasche. Mal klemmt sie sich ein Soja-Würstchen zwischen Nase und Oberlippe. Hier allerdings mit Rollkragenpullover. Man soll ja nicht zwischen der strammen Würstchenoberfläche und ihrer Halspartie irgendwelche Vergleiche ziehen.

Das Würstchen soll eine Anspielung auf die neue Dame an der Seite ihres Ehemannes sein. Sicher, Uschi ist schlank und im Gesicht wundersam faltenlos. Demnach glaubt der gemeine Esser, dass ihre Würstchen fettarm sind und reich an lebenswichtigen Inhaltsstoffen – wie Wichtigtexter so gern schreiben. Doch der Gaumen empfindet die Häutlinge wie Schätzchen aus einer betagten Speisekammer.

Reinhard Siemes

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