Armut in Deutschland : Sozialstaat - nach unten offen

Die Gesellschaft fragt, was los ist: Hat Hartz IV die Arbeitslosenzahlen gesenkt oder die Warteschlangen bei der "Arche" und der "Tafel" verlängert? Beides stimmt. Wer Armut allein in Einkommensziffern misst, kann sie nicht wirksam bekämpfen.

Tissy Bruns

Die Armut in Deutschland hat lange nur die Sozialverbände interessiert. Mit Gerhard Schröders Sozialreformen hat sich das geändert. Die Gesellschaft fragt danach, was los ist in den Randgebieten des Sozialstaats. Denn die Armut rückt den Mittelschichten näher – in den Städten geradezu physisch, mindestens aber in Gestalt von Verunsicherung und Ängsten. An die Stelle eines jahrzehntelangen kollektiven Wegsehens ist deshalb in den letzten Jahren eine gespaltene Wahrnehmung getreten: Die einen wiegeln die Zahlen des Armuts- und Reichtumsberichts gern ab, andere können sie gar nicht genug dramatisieren. Weil beide Sichtweisen etwas für sich haben, bleibt der Streit darüber regelmäßig so steril wie folgenlos.

Im Grunde haben wir uns damit nur auf eine höhere Stufe der Abwehr eines schwer erträglichen Problems begeben. In Deutschland gäbe es noch genauso viele Arme, wenn jeder von uns ab morgen das Doppelte verdiente, sagen die Abwiegler. Und sie haben recht. Denn Armut ist relativ definiert, abhängig von den Durchschnittseinkommen. Deshalb haben die Dramatisierer zwar die nackten Zahlen auf ihrer Seite. Aber zu viel gesunden Menschenverstand gegen sich. Jeder vierte Deutsche arm, relativ oder latent? Das widerspricht der Alltagserfahrung so sehr, dass man sich dagegen schnell mit der alten Gleichgültigkeit wappnen kann. Zumal die politischen Vorschläge, die aus den hohen Zahlen abgeleitet werden, stets einfallslose Forderungen nach mehr Geld sind. Schon dreht sich die Diskussion im Kreise. Hat Hartz IV die Arbeitslosenzahlen gesenkt oder die Warteschlangen bei der „Arche“ und der „Tafel“ verlängert? Beides stimmt – und beidem müssen wir pragmatisch und beherzt ins Gesicht sehen.

Das Herz ist dabei zuerst gefragt. Denn die unbestreitbaren Befunde des Berichts lauten: Es gibt Armut. Sie wächst. Sie ist vor allem da, wo Kinder und Arbeitslosigkeit anwesend, Väter hingegen abwesend sind. Die soziale Spreizung der Gesellschaft ist so groß wie nie. Wer diese Diagnose ernst nimmt, wird die Augen nicht davor verschließen können, dass weder die Ursachen dafür noch die Abhilfe allein in der Politik gesucht und gefunden werden können. Die Armut in Deutschland hat ihre Quellen in der langen Reformverweigerung, die Arbeitslosigkeit durch Ablasszahlungen an große Bevölkerungsgruppen erträglich gemacht hat. In der globalisierten Arbeitskonkurrenz. In einem Familienbild, das die alleinerziehenden Mütter und Kinder allein gelassen hat. In der Passivität derjenigen, die im Arbeitslosenabseits an ihre Kinder weitergeben, dass Hartz IV ein Beruf ist. In einer Einwanderungspolitik, die zwischen Verweigerung und Multikulti-Illusionen vernachlässigt hat, dass jedes Kind die Sprache des Landes beherrschen muss, in dem es lebt. Bei den Migranten, die ein Leben von Sozialtransfers nicht als Armut empfinden, ihre Kinder mit dieser Haltung aber geradewegs dorthin schicken. Und schließlich blüht und gedeiht Armut auf der Gleichgültigkeit derer, die sich auf der sicheren Seite wissen.

Wer Armut allein in Einkommenziffern misst, kann sie nicht wirksam bekämpfen. Denn er sieht ihr nicht ins Gesicht. Die relative Armut in einem reichen Land entsteht immer in einer Kombination von Defiziten. Und materieller Mangel spielt dabei oft eine kleinere Rolle als der Ausschluss von Teilhabe. Arbeit spielt dabei eine Schlüsselrolle. Arbeitslosigkeit zieht den schrittweisen Ausschluss von Gemeinschaft, Geselligkeit, Kultur und politischer Repräsentanz nach sich. Und vor allem: den Ausschluss vom Bildungsprozess. Darauf wiederum folgt der unbemerkte Übergang von einer unverschuldeten in eine selbst gewählte Passivität, die Armut in Deutschland erblich gemacht hat.

Und abstoßend. In den Mittelschichten ist diese Passivität zum Vorwand geworden, die abgehängten Bevölkerungsschichten abzuschreiben. Wer Armut bekämpfen will, darf selbst nicht passiv sein. Sonst ist er am Ende selbst dran schuld, wenn vom Sozialstaat Deutschland bald nicht mehr die Rede sein kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar