Zeitung Heute : „Armut ist das größte Gesundheitsrisiko“

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Mehr als 12 Millionen Menschen sind in Deutschland laut Nationaler Armutskonferenz von Armut betroffen. Welche Folgen hat das, Herr Rosenbrock?

Arme Mütter rauchen häufiger, deswegen kriegen Föten schon im Mutterleib Benachteiligungen mit. Die Kinder werden seltener brustgenährt, haben deswegen höhere Allergierisiken. Sie kommen in schlechtere Schulen, auf diese Weise verringern sich auch ihre Berufsaussichten. Und all dies führt dazu, dass Menschen, die, was Einkommen, Stellung im Beruf und Bildung angeht, aus dem unteren Bevölkerungsfünftel stammen, in jedem Lebensalter, von der Wiege bis zur Bahre, ein doppelt so hohes Risiko haben, ernsthaft zu erkranken und früher zu sterben. Mit anderen Worten: Armut ist das größte Gesundheitsrisiko.

Was heißt das für die Gesellschaft?

Je größer die Kluft zwischen oben und unten, desto ungesunder ist die Gesellschaft insgesamt. Und natürlich ist das ein politisch-gesellschaftliches Problem: Die Kluft zwischen Arm und Reich führt zu Ghettobildung, zu Parallelwelten, zu Kommunikationsunfähigkeiten, wie wir sie in Großstädten wie Berlin punktuell heute schon erleben. Da gibt es Schulen und Straßen, die für die Schulaufsicht oder die Polizei zu No-Go-Areas werden. Und wo es Ghettobildung und Parallelgesellschaften gibt, da gibt es Räume, die von den allgemeinen Regeln des Zusammenlebens nicht mehr erreicht werden, wo sich erfahrungsgemäß das Faustrecht durchsetzt, das Recht des Stärkeren, wo es eine Zunahme von Gewalt, Raub und andere Formen von Kriminalität gibt.

Jedes achte Kind, heißt es, lebt auf Sozialhilfeniveau, 1965 war es nur jedes 75. – woran liegt das?

Wir haben als wichtigsten einschneidenden Faktor die Massenarbeitslosigkeit. Wir haben zum Zweiten eine sinkende Lohnquote: Der Anteil der Einkommen aus abhängiger Beschäftigung am gesamten Volkseinkommen sinkt, während der Anteil der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen steigt. Das war vor Rot-Grün so und ist von Rot-Grün nicht beseitigt worden. Der Trend bleibt – übrigens in fast allen Ländern. Nur die Skandinavier haben ihn etwas zu mildern vermocht.

Können wir von diesen Ländern etwas lernen oder müssen wir uns an dieses Armutsniveau gewöhnen?

Ob wir uns daran gewöhnen müssen, kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob wir Erfahrungen, die wir aus anderen Ländern übertragen könnten, auch tatsächlich übertragen werden. Vorbildlich ist zum Beispiel das schwedische Modell mit seiner hohen Wertschätzung einer Beschäftigungspolitik ohne Angst vor staatlichen Beschäftigungsprogrammen. Die stehen hier zu Lande nicht auf der Tagesordnung. Und das muss anders werden. Ich glaube, dass die Probleme nur mit einer anderen Wirtschaftspolitik zu lösen sind. Solange wir unsere Arbeitsmarktpolitik darauf beschränken, den Druck auf Arbeitslose zu erhöhen, ohne Beschäftigungschancen zu steigern, so lange leisten wir keinen relevanten Beitrag zur Lösung des Armutsproblems.

Prof. Rolf Rosenbrock ist Leiter der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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