Zeitung Heute : Art Déco City

„Nizza des Pazifiks“ wurde Napier genannt, bis 1931 ein Erdbeben die viktorianische Pracht restlos zerstörte. Heute ist die neuseeländische Stadt das größte Art-Déco-Ensemble der Welt.

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Von Carsten Günther Zickzackmuster, Wellenlinien, stilisierte Sonnen und Springbrunnen – es scheint, als wollten sich die pastellfarbenen Fassaden gegenseitig die Schau stehlen. Das Zentrum der neuseeländischen Art-Déco-Stadt Napier gleicht einem Architekturmuseum, einem überdimensionierten Modellbaukasten aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – eine bizarre und schöne Kulisse, am anderen Ende der Welt, wo hinter dem Horizont nur noch der Südpol liegt.

Zentraler Blickfang von der Strandpromenade auf die Stadt ist das „T & G Building“, dessen Kuppelbau nachts in wechselnden Farben leuchtet und als Wahrzeichen der Stadt gilt. Seine glatte, weiße Fassade mit den schmalen Fenstern ist beispielhaft für die puristische Architektur der damaligen Zeit. 1936 ursprünglich für eine Versicherungsgesellschaft gebaut, beherbergt es heute noble Ferienwohnungen, im Café im Erdgeschoss werden Milchkaffee und Gebäck serviert. Das „Masonic-Hotel“ nebenan wurde 1932 erbaut und war lange Zeit Napiers größtes und vornehmstes Hotel. Von seiner großen Veranda aus hat man den schönsten Blick auf den nahen Strand und das tiefblaue Wasser des Pazifiks.

„Auf der ganzen Welt gibt es sonst keine andere Stadt, die ausschließlich in den Baustilen der frühen 30er Jahre errichtet worden ist,“ sagt Robert McGregor. Er ist Geschäftsführer des „Art Déco Trust“, der sich die Pflege der architektonischen Schätze zur Aufgabe gemacht hat. Art Déco ist in Napier die beherrschende Architekturform, neben der klassischen Moderne und dem spanischen Missionsstil. „Die Gebäude unserer Stadt stellen einen Bildteppich dar, in dem alle Fäden der Moderne miteinander verknüpft sind.“

Die faszinierende Szenerie der Stadt ist das Ergebnis eines schrecklichen Ereignisses: Es war ein heißer und trockener Morgen, als am 3. Februar 1931 um 10 Uhr 47 in der Hawke’s Bay, einer sonnigen Bucht im Osten der Nordinsel Neuseelands, die Erde bebte. Zweieinhalb Minuten später glichen die Ortschaften an der Küste und im Hinterland einer Trümmerwüste. Das Beben mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala ließ kaum ein Gebäude stehen. Die Wucht des Erdbebens hatte den Boden um zwei Meter angehoben und vergrößerte das Gebiet bei Napier um 40 Quadratkilometer, die vorher unter Wasser gelegen hatten.

Napier und seine Nachbarstadt Hastings traf es besonders stark, 258 Menschen fanden hier den Tod. Mit den beiden Städten ging auch eine Epoche unter, denn sie waren – berühmt für ihr warmes, sonniges Klima – seit Anfang des 20. Jahrhunderts Anziehungspunkt für Reisende aus Neuseeland und Europa gewesen. Napier zählte damals knapp 20 000 Einwohner und galt mit seinen botanischen Gärten, seiner gepflegten Strandpromenade und seinen viktorianischen Prachtbauten als perfekte Kopie eines europäischen Seebades.

Die wenigen Gebäude, die das Beben überstanden hatten, wurden Opfer eines verheerendes Feuers, das sich kurz darauf in der Stadt ausbreitete. Das „Nizza des Pazifiks“ versank in Schutt und Asche. „Innerhalb eines Augenblicks haben die Bewohner ihre eigene Stadt verloren“, schrieb damals ein Reporter. „Napier ist von der Landkarte verschwunden – ein Haufen schwelender Ruinen, die kahlen Überreste einer einst wunderschönen Stadt am Meer.“

Schon in den ersten Tagen nach der Zerstörung begann die Diskussion darüber, in welchem Erscheinungsbild Napier wieder auferstehen sollte. Man blickte über den Pazifischen Ozean in die USA, nach Santa Barbara, das sechs Jahre zuvor ebenfalls von einem Erdbeben verwüstet und danach einheitlich im spanischen Missionsstil wiederaufgebaut worden war. Fotos und Reportagen von Santa Barbara machten die Runde. Architekturstudenten aus dem ganzen Land kamen nach Napier, fasziniert von der Idee, die Stadt ganz neu wiederaufzubauen.

Schließlich entschied man sich für den Art-Déco-Stil, der damals am ehesten dem Ideal des Aufbruchs in eine neue, moderne Zeit entsprach. Er atmete Internationalität und sollte einen Hauch von Weltläufigkeit nach Napier bringen. Seine klaren und logisch strukturierten Formen unterschieden ihn vom Jugendstil, dessen verspielte botanische Ornamentik manchen als zu süßlich galt.

Die Vorbilder fanden sich in New York und anderen amerikanischen Großstädten. Dort war Art Déco mit seiner einfachen, geometrischen Gestalt in den 20er Jahren zum innovativsten Baustil und zum Inbegriff der Moderne geworden, vor allem Miami Beach in Florida ist für sein Art-Déco-Viertel berühmt.

Schnell musste es gehen, und außerdem durfte der Wiederaufbau nicht zu teuer werden, da die Weltwirtschaftskrise damals auch Neuseeland erreicht hatte. So wurde bereits im Januar 1933, knapp zwei Jahre nach dem Erdbeben, mit einem großen Festakt dem staunenden Publikum die jüngste und modernste Stadt der Welt präsentiert. In Rekordzeit hatten die Bewohner Napiers ihre Stadt in neuem Gewand wieder zurückerhalten.

Seitdem dominieren klare Linien die Gebäude an den beiden zentralen Straßen Emerson Street und Tennyson Street, die um die Ecke des Masonic-Hotels liegen. Dekorative Elemente und stilisierte Säulen gliedern zum Beispiel das „Daily Telegraph Building“, das 1932 ursprünglich für die örtliche Zeitungsredaktion gebaut wurde. In den Eingangshallen, die in vielen Gebäuden öffentlich zugängig sind, spiegeln bunte Lampen, Glasfenster mit Blumenmustern, verzierte Spiegeltüren und verschlungene Treppengeländer die Fassadenelemente wider.

Heute wirbt Napier für sich als die „meistfotografierte Stadt Neuseelands“, und als Besucher fühlt man sich 70 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Wenn einmal im Jahr Anfang Februar das „Art Déco Weekend“ stattfindet, dann feiern Damen in Charlestonkleidern und Federboas mit Herren in Streifenanzügen und Gamaschen in den Straßen die Wiederauferstehung ihrer Stadt. Wären da nicht die Mobiltelefone und die modernen Autos – man könnte glauben, die Gesetze von Zeit und Raum seien für einen Moment außer Kraft gesetzt.

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