ART ROCKXiu Xiu : Stairway to Hell

Jamie Stewart sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben, doch einen radikaleren Autor wird man in der zeitgenössischen Popmusik kaum finden. Der 40-jährige Amerikaner lotet mit seinem personell fluktuierenden Bandprojekt Xiu Xiu seit zehn Jahren die Grenzen dessen aus, was sich inhaltlich in einem Popsong thematisieren lässt. Beispiele? Bitte sehr: Auf der aktuellen Platte „Always“ geht es unter anderem um das Schicksal eines jungen Afghanen, der von US-Soldaten getötet wird („Gul Mudin“, typische Textzeile: „Sgt. Gibbs cut off your finger / Andy Holmes put it in a sock“), um eine Heranwachsende, die sich aus Selbsthass und Weltekel für eine Abtreibung entscheidet („I Luv Abortion“, Text: „you are too good for this life / there are too many important things i can’t be for you“) oder um die sexuelle Ausbeutung chinesischer Wanderarbeiterinnen („Factory Girl“).

Harter Stoff, den Stewart mit einer alle Höllenqualen durchleidenden, gleichwohl betörend schönen Koloraturstimme intoniert, deren Paranoia bei berühmten Popneurotikern wie David Byrne, Robert Smith oder Mark Hollis (von Talk Talk) zwar schon angelegt war, aber hier zu einer exzentrischen Blüte kommt. Musikalisch wird dieser so beeindruckende wie beklemmende Passionszyklus durch bröseligen Art Rock, der Scott Walker neidisch machen sollte, betäubenden Industrial Noise, atemlosen Synthie-Postpunk oder auch mal durch eine zarte Pianoballade („The Oldness“) illustriert. Dass dies bereits das neunte albumlange Purgatorium des bekennenden Bisexuellen ist, könnte einem Sorgen machen. Doch vielleicht bannt man seine Dämonen am besten, wenn man sich ihnen mutig in den Weg stellt.Jörg Wunder

Festsaal Kreuzberg, Mi 11.4., 21 Uhr, 16 € + VVK

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