Zeitung Heute : Artauds Vermächtnis

Der Tagesspiegel

IM RADIO

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Im Jahr 1947 wird der französische Kunstrevolutionär Antonin Artaud um einen Vortrag im Radio gebeten. Die Sendereihe bei France Cultur, in der er auftreten soll, trägt den schönen Titel „La voix des Poètes“. Lang ist die Liste der Berühmtheiten, die hier bereits zu hören waren. Artaud hat nur noch wenige Monate zu leben, und er sieht eine letzte Chance, das von ihm erträumte „Theater der Grausamkeit“ in Szene zu setzen. Er beschließt, mit allen Regeln eines Radiovortrags zu brechen.

Er wird das Radio in einen surrealen Kunstraum verwandeln. In eine Bühne ekstatischer Körperlichkeit, deren Intensität das Publikum wie mit Stromstößen aus der Bewusstseinsträgheit herauspeitscht. Zusammen mit drei Schauspielern nimmt Artaud Texte auf, die er eigens für diesen Anlass geschrieben hat. Eine Abrechnung mit dem „Prothesengott“ der technisch-materialistischen Zivilisation. Zwischen die Texte montiert Artaud gänzlich „vernunftwidrige“ Töne: scharf rhythmisiertes Gestammel, Kakophonien, hervorgebracht von Xylophon und Pauke, markerschütternde Schreie, die er seinem siechen Körper abringt. Während der Aufnahmen, erzählen Ohrenzeugen, sei den beteiligten Technikern das Lachen mehr und mehr im Halse steckengeblieben. Artauds Schreie, die explosiv skandierten Gesänge, sein besessen wirkendes Springen vorm Mikrofon hätten im Studio eine äußerst ungemütliche Atmosphäre erzeugt. Regelrecht Furcht habe man empfunden.

Unter dem Titel „Pour en finir avec le jugement de Dieu“, zu deutsch „Schluss mit dem Gottesgericht“, wird Artauds Vortrag für den 2. Februar 1948 angekündigt. Drei Tage zuvor hört der Generaldirektor des Senders die fertigen Bänder ab – und verbietet die Ausstrahlung. Weder Artaud selbst noch ein Künstlerkomitee können ihn umstimmen. Es gibt Zustände menschlichen Bewusstseins, meint der Direktor, vor denen muss man die Öffentlichkeit schützen. Ein paar Jahrzehnte später wird diese denkwürdige Radiosendung, das einzige Zeugnis der Stimme Artauds, zum Kultobjekt einer riesigen Fangemeinde. Und weil die Kunstrevolutionäre mittlerweile im bürgerlichen Betrieb wohlgelitten sind, gibt es regelmäßige Wiederholungen des surrealen Hör-Stücks.

Im Deutschlandfunk läuft nun eine schöne Synchronfassung, mit einem dezenten Christian Brückner, der Artauds Texte leise aus dem Hintergrund ins Deutsche souffliert. Wer das berühmte Radiokunstwerk noch nicht kennt, sollte sich diesen Termin nicht entgehen lassen (Deutschlandfunk, 23. April, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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