Zeitung Heute : Artgerechte Haltung

Dagmar Dehmer

Im Naturschutzgebiet der Nordsee werden seismografische Untersuchungen erlaubt, um nach Erdöl und Erdgas zu suchen. Welche Folgen hat das für die Tiere, die dort leben?


Die Firma Wintershall macht Ernst mit der Forderung, sich vom russischen Erdgas unabhängiger zu machen. Offensichtlich ist auf der Suche nach neuen Erdgas- und Erdöllagerstätten selbst ein Naturschutzgebiet kein Hindernis. Jedenfalls hat das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Niedersachsen vor zwei Tagen einen Antrag der Firma auf seismische Messungen in der Nordsee genehmigt. Zum Teil sollen diese Messungen von April an auch im FFH- Schutzgebiet Doggerbank stattfinden. Bis Herbst darf Wintershall mit Luftpulsern niederfrequente Schallwellen aussenden, um so Hinweise auf Gaslagerstätten zu finden.

„Damit verletzt Deutschland europäisches Umweltrecht“, sagt Karsten Brensing von der Walschutzorganisation WDCS. Die Doggerbank ist als Schutzgebiet an die Europäische Kommission gemeldet worden, weil dort Schweinswale leben. Wegen einer Sandbank ist das Meer an dieser Stelle weniger tief – ein bevorzugter Lebensraum für den kleinsten Wal. Im Mittelmeer sind Schweinswale bereits ausgestorben, in der Ostsee sind sie auf dem besten Weg dahin. Etwa 600 Tiere soll es dort noch geben. In der Nordsee ist die Lage zwar noch nicht ganz so verzweifelt. Aber dort kommen jährlich bis zu 7000 Schweinswale um, weil sie sich in den Netzen der Fischer verfangen und ertrinken.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hält die Störungen durch die Messungen für „erheblich“. Das bedeute, dass die Messungen eigentlich nicht genehmigt werden dürften. Das LBEG hat sich um diese Bedenken aber nicht geschert. Der WDCS und andere Naturschutzorganisationen haben sich deshalb an Umweltminister Sigmar Gabriel gewandt. „Man kann doch nicht auf der einen Seite von der Bevölkerung verlangen, Kohlendioxid einzusparen und das Klima zu schützen, und auf der anderen Seite der Industrie gestatten, im Naturschutzgebiet nach Erdgas zu suchen“, sagt Brensing. Im Ministerium heißt es: „Wir sind nicht die Aufsichtsbehörde für die Länder.“ Das LBEG habe diese Genehmigung „in eigener Machtvollkommenheit“ erteilt.

Für die Schweinswale dürfte die Erkundung jedenfalls fatale Folgen haben. Die empfindlichen Tiere orientieren sich vor allem über ihr Gehör. Die seismischen Messungen verursachen aber laute Explosionen, die bis zur Taubheit der Wale führen können. Zudem bringen die Tiere im Mai und Juni ihre Jungen zur Welt.

Als es um die Ausweisung von OffshoreWindrädern ging, wurde übrigens mehr Rücksicht auf die Tiere genommen. Strom, der aus in Naturschutzgebieten errichteten Anlagen kommt, wird nicht nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet. Zudem untersucht das BfN, ob die Windräder im offenen Meer den Schweinswalen schaden.

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