Zeitung Heute : Asche auf ihr Haupt

Er redet Blair, Aznar und Berlusconi ins Gewissen. Er schickt Emissäre nach Washington und Bagdad. Er schreibt ein Gedicht über den Irak. Johannes Paul II. ruft zum Kampf gegen den Krieg auf, so entschieden wie nie. Und setzt dafür seine gefährlichste Waffe ein – die Hartnäckigkeit.

Stefan Kempis[Rom]

Was macht er da oben? Schläft er? Empfängt er gerade Besucher, oder dichtet er? Die Brunnen rauschen. Es ist ein sonniger Aschermittwoch, ideal zum Spazierengehen auf dem römischen Petersplatz. Vom Papst, der hoch oben im letzten Stock seines Renaissance-Palastes rechter Hand des Platzes wohnt, ist nichts zu sehen.

Der Fasching ist vorbei. Am Morgen war die Müllabfuhr da und hat das Konfetti aus den Pflasterritzen des Petersplatzes gesaugt. Jetzt, um die Mittagszeit, promenieren Römer und Touristen über den Platz. Im Schatten der Kolonnaden sitzen deutsche Schulklassen; eine Ordensfrau in grauem Habit verteilt aus einer Plastiktüte Brotbröckchen an die fetten Tauben des Papstes. Wenigstens sie müssen heute nicht fasten.

Wenige Schritte von San Pietro entfernt riecht es in einem Durchgang nach dem Urin der Bettler und Stadtstreicher, die in den Nischen des Platzes übernachten. In einem Marmorbau aus der Mussolini-Zeit ist der Vatikanische Pressesaal. Papst-Angestellte in dunkelblauen Anzügen verteilen an diesem Mittwoch den Text einer Ansprache, die der Papst am Morgen vor Pilgern gehalten hat. „Während wir in die Fastenzeit eintreten, sehen wir, wie auf internationaler Ebene ein Krieg droht“, heißt es da. „Alle sollten ihre Verantwortung wahrnehmen und in einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Menschheit einen neuen dramatischen Konflikt ersparen.“ Er habe den heutigen Aschermittwoch zum Tag des Fastens und des Gebets für den Frieden erklärt, fährt der Papst in seinem Text fort, um ein paar Zeilen weiter sogar das biblische „Schwerter zu Pflugscharen“ zu zitieren. Wohl noch nie waren sich der Papst und die deutsche Friedensbewegung so nahe wie gestern.

Draußen unter den Kolonnaden liest einer den „Messaggero“. „Der Papst empfängt Berlusconi und sagt ihm: Nein zum Krieg“, heißt die Schlagzeile. Der Mann liest, eine Zigarette im Mund, die dem vatikanischen Rauchverbot trotzt, und macht eine resignierte Handbewegung. „Eh vabbè – la guerra viene lo stesso.“ Krieg wird es trotzdem geben. Er nimmt nicht einmal die Zigarette aus dem Mund, als er das sagt. Ein Römer eben, wie der Papst es nie sein wird.

Trotz Ehrenbürgerschaft, trotz seines fast 25-jährigen mehr oder weniger ständigen Wohnsitzes hier in Rom ist Karol Wojtyla Pole geblieben – ein sturer 82-Jähriger, dem resignierte römische Handbewegungen nicht liegen. Mit vielem hat sich der alte Mann nie abgefunden: mit Abtreibungen nicht, mit einer heillosen Moderne nicht und auch nicht mit dem Krieg. Hoch über den Köpfen der Spaziergänger an diesem schönen Aschermittwoch kämpft der Papst seinen Privatkrieg gegen Bush. Er will einen neuen Golfkrieg verhindern und setzt dafür seine gefährlichste Waffe ein, seine Hartnäckigkeit.

Am 17. Januar hat es begonnen. Da hatte er die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten empfangen: „Nein zum Krieg. Der Krieg ist niemals ein unausweichliches Verhängnis, das einfach so über uns kommt. Er ist immer eine Niederlage der Menschheit.“ Es war nur der erste Präventivschlag des Papstes gegen einen Irak-Krieg. Am 7.Februar betrat Joschka Fischer, Außenminister eines zu diesem Zeitpunkt noch völlig isoliert wirkenden Deutschlands, das Arbeitszimmer Johannes Pauls. Was die beiden dort besprachen, wollte der Politiker hinterher auf einer Pressekonferenz nicht so recht verraten. Stattdessen ging er in einem Restaurant in der Nähe von St. Peter essen. Wenige Stunden später aber wurde bekannt, dass Deutschland offenbar gemeinsam mit Frankreich eine Friedensinitiative abgesprochen hatte. Kaum zu glauben, dass der Papst und sein (französischer) Außenminister, Erzbischof Tauran, von Fischer nicht in den Plan eingeweiht worden sein sollten.

Tauran hatte am gleichen Tag auch heimlich einen engen Mitarbeiter von US-Verteidigungsminister Rumsfeld empfangen. Denn im Vatikan machte man sich über die Entschlossenheit der Amerikaner zum Angriff keine Illusionen. Der Papst setzte sich aber trotzdem in den Kopf, dagegenzuhalten und einen Emissär nach Bagdad zu schicken, der wohl nicht zufällig ein Franzose war. Kardinal Roger Etchegaray ließ sich Mitte Februar medienwirksam mit Saddam Hussein fotografieren und orakelte in die Mikrofone, der Wind habe sich gedreht, die Chance auf Frieden sei da. Kurz zuvor traf sich der Papst im Vatikan genauso demonstrativ mit Iraks stellvertretendem Ministerpräsidenten Tarik Aziz – ein Gespräch von nur 15 Minuten, aber mit Signalwirkung.

Der alte Mann von Sankt Peter gibt sich keiner Utopie hin. Noch ist der Krieg nicht verhindert. Und darum bohrt er weiter. In den letzten zwei Wochen redete er Tony Blair, Jose Maria Aznar und Silvio Berlusconi ins Gewissen. Den britischen Premier lud er sogar in seine Frühmesse in der päpstlichen Privatkapelle ein, um mit ihm zusammen um Frieden zu beten. Seine Kardinäle und Erzbischöfe ließ Johannes Paul II. in periodischen Abständen äußern, dass ein Irak-Krieg auch dann nicht moralisch gerechtfertigt sei, wenn der UN-Sicherheitsrat ihm doch noch zustimmen sollte, und dass Powell dem Sicherheitsrat alles andere als Beweise vorgelegt habe. „Niemals“ titelte die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“.

Es ist, wie gesagt, ein empörend schöner Aschermittwoch. Weshalb es auch auf den Straßen hunderten von Demonstranten nicht schwer gefallen sein dürfte, dem Papst ihre Zustimmung zu signalisieren. Punkt zwölf Uhr rollten Angehörige der Gewerkschaften, verschiedener Friedensinitiativen und Parteien eine 25 Meter lange Regenbogenfahne aus. Derweil hocken die Journalisten im Vatikanischen Pressesaal bei schlechtem Neonlicht über ihren Laptops. Sie wissen, dass der US-Botschafter beim Vatikan, Nicholson, heute ebenfalls für den Frieden fasten will, obwohl er gleichzeitig Bushs Kriegskurs in der Öffentlichkeit mannhaft verteidigt. Und sie wissen, dass an diesem Tag in Washington ein italienischer Kardinal im Auftrag des Papstes bei Bush vorspricht.

Zugleich wird an diesem Aschermittwoch eine große Gedicht-Meditation des Papstes veröffentlicht, in der der einsame Mann von St. Peter über seinen Tod nachdenkt. Was die Spaziergänger, Demonstranten und Touristen hier auf dem Petersplatz, ja sogar die meisten Vatikanjournalisten im Pressesaal noch nicht wissen: In diesem langen Gedicht, an dem er letztes Jahr in jeder freien Minute gearbeitet hat, spaziert er in Gedanken durch den Irak. Er folgt dem Patriarchen Abraham, Urvater der drei großen monotheistischen Religionen, durch die Wüste von Chaldäa, in der jetzt UN-Inspekteure nach Raketen suchen. Poetisch simuliert der Papst da eine Reise, die er eigentlich zum Heiligen Jahr 2000 unternehmen wollte und zu der es nicht gekommen ist. Die irakische Seite hätte zwar von der Propaganda-Wirkung einer solchen Papstvisite profitiert, war sich aber nicht im Klaren darüber, was der Papst auf den Spuren Abrahams in der irakischen Wüste genau tun wollte. Also schoben Saddams Leute Sicherheitsbedenken vor, um den unberechenbaren Johannes Paul II. außer Landes zu halten.

Immer noch Aschermittwoch. An den Stufen des Petersdoms stauen sich Touristen, alle mit züchtig bedeckten Schultern und Knien, weil sie sonst die Basilika gar nicht erst betreten dürfen. In der kleinen Welt des Vatikans herrscht Ordnung. Seit dem 11.September 2001 kontrollieren italienische Polizisten die Besucher noch penibler als zuvor. Das Attentat auf den Papst im Jahr 1981 ist noch gut im Gedächtnis.

Er hat es überlebt, wie er eigentlich alles überlebt hat – den Kommunismus die Ära Kohl und Thatcher und Mitterand, und zahlreiche Kriege. Im Bosnien-Konflikt hat er laut über eine „humanitäre Intervention“ nachgedacht; als während des Kosovo-Konflikts Bomben auf Belgrad fielen, hat er beredt geschwiegen. Mal waren seine Einlassungen populär – wie in diesen Tagen –, meistens nicht. Abgefunden hat er sich damit nie.

Der Autor ist Mitarbeiter von Radio Vatikan.

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