Zeitung Heute : Asche für Phoenix

Das Geld fließt ohne Ende, die Wissenschaft blüht, die Sonne scheint. Arizona boomt wie kein anderer US-Staat – und Kalifornien kriegt schon Angst

Christoph Marschall[Phoenix]

Alle reden vom Wetter. Freilich nicht so, wie Erich Kästner es Besuchern empfohlen hatte, die um Gesprächsthemen verlegen sind: „Reden Sie vom Wetter, das gibt es jeden Tag neu.“ In Arizona sprechen sie voller Stolz vom Wetter, weil es nicht jeden Tag wechselt. Warum ist Phoenix die am schnellsten wachsende Großstadt der USA mit 80 000 Zuzüglern pro Jahr? Statt einer Antwort tritt Jim Weiers, der korpulente Speaker des Abgeordnetenhauses von Arizona, breitbeinig an die Fensterfront im 25. Stock und lässt den Blick über die sonnenbeschienene Kulisse gleiten: An das Zentrum mit den Bürotürmen schließen sich regelmäßige quadratische Wohnviertel mit Bungalows, Palmen und Swimminpools an, hier und da ragen schroffe rote Felszacken hervor; karge Bergrücken grenzen „the valley“ ein, wie sie den Großraum hier nennen, der sich durch das Zusammenwachsen mehrerer Städte wie Phoenix, Scottsdale, Tempe, Chandler gebildet hat.

Zehn Monate im Jahr genießen die 3,5 Millionen Bewohner von „greater Phoenix“ ein Sommerklima zwischen 20 und 30 Grad Celsius. 130 Tage am Stück hat es nicht geregnet. Arizona, ein Rentner- und Freizeitparadies: Das ist das gängige Bild in den USA, sehr zum Ärger der Einheimischen. Denn Arizona hat sich in den letzten Jahren zur dynamischsten Wirtschaftsregion der USA gewandelt. In diesen Wochen startet der Wirtschaftsföderungsrat von Phoenix eine Werbekampagne, auch in Europa, Japan und China, um Investoren anzulocken: Arizona, der High-Tech-Staat, das neue „Silicon Desert“, das längst dabei ist, dem kalifornischen Silicon Valley den Rang abzulaufen. Intel baut in Arizona den leistungsfähigsten Massenprozessor der Welt; TGen, das Translational Genomics Research Institute, entwickelt neue Krebsbehandlungsmethoden; in der Barrow-Klinik können Medizinstudenten im Hörsaal live eine komplizierte Rückenmarksoperation auf einer zehn mal drei Meter großen Plasma-Bildschirmwand verfolgen – dank einer Übertragungstechnik, die es angeblich nirgends sonst auf der Welt gibt. Und das Flexible Display Center forscht an ausrollbaren Bildschirmen, die es einem zum Beispiel erlauben werden, große Sportereignisse unterwegs mit dem Handy zu verfolgen, ohne Abstriche an der Bildgröße zu machen.

Computerchips aus der Wüste, im Grunde ist das nur logisch. Quarz, das Grundelement von Sand, ist auch der Ausgangsstoff für Silikon. Das Innere der Intel-Fabrik gleicht einer Szene aus der Raumfahrt. Die Techniker zwischen den Produktionsrobotern sind in weiße Overalls gehüllt. Hinter den Glasscheiben ihrer Helme sind ihre Gesichter nicht zu erkennen, die Atemluft wird über einen Behälter auf dem Rücken ausgetauscht. An den Einganstüren warten Behälter mit weißen Handschuhen sowie Kunststoffabdeckungen für Haar und Bart. Ein Schild empfiehlt, vor dem Betreten Wasser zur trinken – „Reduziert die Partikel im Atem!“ Nach Microsoft kauft auch Apple seine Prozessoren für Massengeräte bei Intel. Es sind nicht nur die schnellsten in ihrer Klasse, sondern vor allem die mit dem geringsten Energieverbrauch.

Neben der Produktion hat Intel auch große Teile der Forschung von Kalifornien nach Arizona verlegt. „Der Boden ist billiger, die Atmosphäre wirtschaftsfreundlicher – und da ist die Universität“, sagt Firmensprecherin Shelly Esque. Die Arizona State University, alle nennen sie kurz ASU, ist ein weiterer dieser Superlative von Arizona. Unter ihrem Präsidenten Michael Crow ist sie zum eigentlichen Motor der Wirtschaftsdynamik geworden. 2000 wurde per Volksabstimmung eine zusätzliche regionale Mehrwertsteuer eingeführt, die allein in Bildung und Forschung fließen darf. Mit diesen Millionen hat die ASU moderne Labors gebaut und die besten Wissenschaftler angeworben. Die forschen vor allem anwendungsorientiert in Teams aus Spezialisten verschiedener Fachrichtungen und bilden ganz ohne Scheu Partnerschaften mit der Wirtschaft. Vorrang an der ASU hat, was sich binnen weniger Jahre industriell vermarkten lässt. 298 Patentanmeldungen sind Ausweis des Erfolgs.

Wen man auch fragt in Phoenix – alle schwärmen, als bewohnten sie das Paradies auf Erden. Es ist schwer, jemanden zu finden, der ein kritisches Wort über das neue Eldorado verliert: den wachsenden Verkehr, die Luftverschmutzung. Oder darüber, was fehlt – zum Beispiel ein gewachsenes Stadtzentrum mit Plätzen und Straßen zum Flanieren. Das Zentrum mit den Bürotürmen hat den Charme eines Gewerbegebiets, am Abend ist es tot.

Barry Broom, den umtriebigen Präsidenten des Wirtschaftsförderungsrats, ficht das nicht an. Phoenix locke problemlos die besten Spezialisten an. Die Wissenschaftler aus dem Norden überzeuge das Wetter, jene aus Kalifornien eine kurze Überschlagsrechnung. Die Immobilienpreise sind nicht einmal halb so hoch.

In Kalifornien spüren sie es bereits, sagt Jim Weiers, der Parlamentssprecher, und imitiert den harten Akzent des dortigen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger: „Ya have ta look at what Arizona is doing.“ Er hat es oft genug geübt, um sich des Lacherfolgs sicher zu sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar