Zeitung Heute : Aschenputtel

Bergenien werden leider noch immer verkannt

Helga Panten dpa

Bei Bergenien denken viele Menschen an eine Art grünen Salat, der in rauen Mengen in Vorgärten wächst und nie blüht. Stimmt und stimmt auch wieder nicht. Auf der einen Seite gibt es die einfachen Bergenien-Sämlinge, die unverwüstliche, grüne Blattmasse produzieren, die selten und dann auch nur in Blaurosa blühen. Aber es gibt auch Sorten, die haben es in sich: Zauberhafte Blüten im Frühjahr, sauberer Wuchs und Blätter, die mit unglaublicher Winterfärbung prunken.

Ein bisschen erinnern Bergenien an das Märchen vom Aschenputtel. Verkannt wachsen sie an Straßenrändern, in kaum gepflegten Vorgärten und ungeliebten Gartenecken. Sie ertragen Hitze und Trockenheit, Streusalz und Mangelernährung, werden trotzdem Jahrzehnte alt und verwehren zuverlässig jedes Aufkommen von Unkraut. Sie gedeihen in der Sonne und auch noch im Schatten – auch wenn sie den nicht so mögen. Sie stellen keine Ansprüche an den Boden und sind genügsam wie kaum eine andere Staude. Gedankt wird ihnen das kaum, und geliebt werden sie erst recht nicht.

Nur ein paar unermüdliche Züchter ahnten, dass unter dem schäbigen Gewand eine hübsche Prinzessin steckt. Sie haben Bergenien über Jahrzehnte hinweg gekreuzt, geprüft und ausgelesen. So kam ihre Schönheit ans Licht. Nun macht sich langsam auch unter den Gartenbesitzern die Erkenntnis breit, dass es sich lohnt, Bergenien zu pflanzen. Die Sorte ,Biedermeier‘ zum Beispiel hüllt sich im Frühjahr in einen Traum aus großen, offenen Blüten in Weiß mit rosa Adern. Kräftiges Pink macht ,David‘ zu einem Hingucker. Auf 40 Zentimeter hohen Stielen recken sie sich dem Betrachter entgegen. ,Abendglut‘ wartet mit dunkelroten halb gefüllten Blüten auf, die über rot angehauchten Blättern stehen.

Bei etlichen trägt der Kontrast zwischen den Blüten einerseits sowie Kelchen und Stängeln andererseits zum Reiz des Frühlingskleides bei. Das Rosa von ,Rosa Zeiten‘ strahlt durch dunkle Blütenkelche und Stängel noch einmal so hell. Erst die grünrosa Kelche und der grüne Blütengrund verleihen den schneeweißen Blüten von ,Brahms‘ die Frische.

Sie alle tragen ihre Blüten in schirmförmigen Trugdolden auf fleischigen Stängeln. Wer genau hinsieht, fühlt sich ein wenig an die Blütenstände vom Steinbrech erinnert. Tatsächlich gehören sie auch zu den Steinbrechgewächsen, was ihnen den Namen Riesensteinbrech eingetragen hat.

Die großen, ledrigen Blätter sind ein deutliches Zeichen für ihre Anpassung an raue Lebensbedingungen. Aus Sibirien, der Mongolei, aus Nepal und Tibet stammen die Vorfahren der hiesigen Gartensorten: Bergenia cordifolia, Bergenia crassifolia und Bergenia purpurascens.

Zäh schlagen sie sich dort auf felsigen, unwirtlichen Standorten durch, leben von den Nährstoffen, die sie aus ihren eigenen, abgestorbenen Blättern „recyceln“. Immerhin bietet ihnen im Winter eine Schneedecke Schutz. An Kahlfröste, die bei uns so häufig sind, mussten sie sich in ihrer ursprünglichen Heimat nicht anpassen. Daher sind Sorten wie ,Abendglut‘ oder ,Brahms‘ kahlfrost-empfindlich und sollten Schutz bekommen.

Die meisten Bergenien blühen im April und Mai, ganz Vorwitzige wie ,Silberlicht‘, ,Bressingham White‘ und ,Biedermeier‘ bereits im März.

Sie brauchen einen vor Spätfrost geschützten Platz, damit die Blütenpracht nicht leidet. Gänzlich aus der Reihe tanzt ,Herbstblüte‘, die ihrem Namen alle Ehre macht und nach der Frühjahrsblüte noch ein zweites Mal blüht. Von Juni bis in den Herbst hinein erscheinen ihre rosa Blütenstände. Lässt ihr Flor nach, setzen sich ,Blickfang‘ und ,Abendglut‘ mit rötlicher und bronzebrauner Herbstfärbung in Szene.

Auch ,Goldfisch‘, die als Blütenpflanze wenig hermacht, fällt dann durch orangerotes Laub auf, das seine Farben auch während des Winters hält. So entsteht ein warmer Kontrast zu den Sorten mit dunkelroten Winterblättern. ,Eroica‘ ist eine von ihnen. Ihr Rötlichgrün wird durch leuchtend rote Blattunterseiten verstärkt. ,David‘ gefällt durch kräftig rotes Blattwerk, das sich sehr sauber und ordentlich aufbaut. ,Admiral‘ zeigt ebenfalls ein schönes Rot, das umso intensiver ausfällt, je sonniger die Pflanze steht. Bei ,Pink Dragonfly‘ hält sich die schöne Blattfärbung bis weit ins Frühjahr, wenn die ersten rosa Blüten darüber stehen.

Mit 40 bis 50 Zentimeter, bei der Sorte ,Oeschberg‘ sogar 60 Zentimeter hohen Blütenständen über den großen, festen Blättern sind Bergenien stattliche Erscheinungen. Allzu zarte Nachbarn gehen neben ihnen optisch unter. Sie brauchen kraftvolle Partner wie blaue Brunnera, dicke Aubrieta-Polster, Iris-Horste oder das Grüngelb der Frühlingseuphorbien.

Nach der Blüte übernehmen sie Aufgaben als Strukturpflanzen und Ordnungshelden im Staudenbeet. Auch als saubere Beeteinfassung, als Begleiter von Rhododendren oder als Saum des trockenen Teichrands spielen sie ihre Stärke aus. Es gibt aber auch ein paar zierliche Sorten wie ,Baby Doll‘, ,Rosi Klose‘ oder ,Dickerchen‘, die mit ihren gerade 30 Zentimetern Höhe sehr gut in Steingärten, Kübel und Tröge passen. Helga Panten/dpa

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