Zeitung Heute : Aserbaidschan: Die verschwundenen Schachspieler von Baku

Andrea Strunk

Den Bürgermeister von Baku, der Hauptstadt des Kaukasus-Landes Aserbaidschan, würde außerhalb der Stadt wohl kaum jemand kennen, hätte der Mann nicht eine äußerst delikate politische Entscheidung getroffen. Diese verdirbt nicht nur den Touristen - die man doch so gern haben möchte - die Freude am Anblick des Kaspischen Meeres, sondern zwingt auch noch Tausende von Bakuer Frauen, ihre Männer den lieben, langen Tag ertragen zu müssen.

Aus für die Dattelverkäufer

Hätte dieser Bürgermeister die Steuern erhöht - Schwamm drüber. Oder Bauvorschriften erlassen, auch erträglich. Aber nein, er hat - an dieser Stelle der Erzählung schnappen die Aseris, wie die Bewohner Aserbaidschans heißen, regelmäßig nach Luft - er hat die Teestuben - die Teestuben! - abgeschafft. Und mit den Teestuben die vielen kleinen Buden, mit den Buden die Marktstände und Jahrmarktkarussells. Er hat die Verkäufer von Sonnenblumenkernen und Datteln verjagen, die eckigen Schachtische fortbringen, Müll und Unrat beseitigen lassen.

Nun sitzen die Bakuer Männer, statt friedlich beim Schachspiel, mürrisch daheim auf dem Sofa, die Teeausschänker sind arbeitslos und verfallen der Kriminalität, die Feigenverkäufer wandern in die Türkei aus.

Verwaist liegt die Promenade da, die doch mal Flaniermeile war. Nur manchmal spritzt ein wenig Gischt vom Meerwasser darüber. Baku ist die "Stadt der Winde". Diese fahren vom Meer kommend ungestüm durch die Stadt und zerren an den langen Gewändern der Frauen. Sie huschen den Männern unter die Kopfbedeckung und den Teppichhändlern unter ihre Ware. Ungehindert pusten sie durch den Hafen, in dem die Kriegsflotte korrodierend dümpelt, fegen über die Fähre, die - man weiß nie genau wann - den langen Weg über das Kaspische Meer fährt, an dessen anderem Ufer, weit hinter dem grauen, im Dunst verschwimmenden Horizont wie ein geheimnisvolles Versprechen Turkmenistan liegt.

Ruf des Muezzin

Baku ist, von allen ex-sozialistischen Städten, die orientalischste. Das jedenfalls steht in den Reiseführern, das findet jeder, der sich hier umsieht. Vor allem aber: Auch die Bewohner behaupten es gern. Untermauert werden solche Argumente mit der Zugehörigkeit zum schiitischen Islam, mit der Vielfalt an Feigen, die es zu kaufen gibt, mit dem zuverlässigen Ruf des Muezzin, mit den Mullahs, mit der orientalischen Lässigkeit.

Was heute jedoch begründet werden muss, war einst ganz offensichtlich. Kreuz und quer, drüber und drunter ging es in der Stadt an Markttagen - und die waren sieben Tage in der Woche. Hatte man genügend gefeilscht, diskutiert, gehandelt, ließ man sich nach hinten fallen und landete stets auf einem Stuhl an einem Tisch, an den ein eilfertiger Mensch flugs heißen Tee und zuckrige Marmelade zum Süßen brachte, während rundherum die dichte Menge so wogte, dass kein Stöckchen mehr dazwischen passte. Nichts konnte den orientalischen Eindruck besser unterstreichen als das lässige Chaos, höchstens die charmante Unverfrorenheit, mit der verschüchterte Ausländer um ihr Geld geprellt wurden.

Schon einmal, von Mitte des vorletzten bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, war Baku berühmt für seine orientalische Pracht. Zur Zeit des ersten Ölrausches kamen sogar die Brüder Nobel und die Rothschilds in die Stadt. Opernhäuser, Theater, Bürgerhäuser mit vielfach verzierten Fassaden und kunstvollen Balkons entstanden. Baku war "hip" und bald schick dazu, eine multinationale, vielsprachige Stadt, in der europäische Kultur, persische Mystik und der Ruch des Geldes eine Mischung eingingen, die geheimnisvoll und prickelnd war.

Mitte des 20. Jahrhunderts aber hatten andere Ölländer Aserbaidschan verdrängt, der Glanz verblasste, die Lichter erloschen. Stalin und der Sozialismus kamen über das Land. Es war eine Zeit der Dunkelheit. Als diese 1991 endete, sagte sich Aserbaidschan über Nacht von Russland los und verkündete jubelnd seine neue Freiheit.

Dem Aufbruch allerdings folgte zunächst das Elend: Innere Machtkämpfe, der Krieg gegen Armenien um Karabach, Korruption und wirtschaftliches Desaster. An die Promenade in Baku schwappten bräunliche Wellen des Kaspischen Meeres, Bohrtürme und Plattformen überzog Rost. Die Dörfer drum herum, einst mit schmucken, blitzsauberen Häusern erstellt, verarmten und verkamen. Tausende von Flüchtlingen aus Karabach und Armenien drängten in die Stadt und wollten Brot, ein Haus, Arbeit. Baku war ein Ort der apokalyptischen Bilder, und wohl kaum einer hätte einen Penny darauf gewettet, dass es sich je wieder aus der Asche erhöbe.

Zehn Jahre später ist Baku fast wieder die Prachtmetropole, die es vor gut einhundert Jahren bereits einmal war: Boss und Benetton, Mercedes und Mc Donalds: die neuen Hoffnungen, der neue Reichtum, sind überall zu spüren. Baku leistet sich Luxus, Baku kleidet sich elegant. Öl, das Gold des Kaspischen Meeres, wird wieder fließen, und Dollar, das Gold des Westens, werden ins Land kommen. Schon jetzt führen die Pipelines von den kasachischen Gasfeldern direkt durch Baku nach Georgien, zum Schwarzmeer, hinüber in die Türkei und von dort in die große, weite Welt des Westens, um dessen Sympathien Aserbaidschan so lange vergebens gekämpft hat.

Jetzt, da die Taliban aus Afghanistan vertrieben sind, kann "The Great Game", das Pokerspiel um die Förderanteile am Öl, endlich in eine neue Runde gehen.

Mag die Welt sich einen Dreck geschert haben, als die sowjetischen Panzer 1992 nach Baku fuhren und unter ihren Rädern Hunderte, vielleicht Tausende, von Aseris zermatschten - vergeben, vergessen. Längst schon sind die Geier angeflogen: Die internationalen Ölkonzerne, die Spekulanten, die Flaneure, die wagemutigen Habenichtse. Längst gibt es ein Hyatt, seit zwei Jahren auch ein Radisson, andere werden folgen. Dass diese in einem Land, in dem jeder Dritte arbeitslos ist, überhaupt existieren können, verdanken sie den amerikanischen Konzernen, den Arbeitern auf den Bohrplattformen, den Mitarbeitern und Gästen der Hilfsorganisationen, den russischen Touristen. Und den neuen Reichen aus Aserbaidschan, die - gelobt seien Korruption und Vetternwirtschaft - Bakus Szene beleben. Krasse Armut auf der einen, Luxus auf europäischem Niveau auf der anderen Seite. Hier die Flüchtlinge, in Fetzen, in Wellblechhütten lebend, dort die Juwelierläden auf der Nizami-Gasse, hier die Bettler, dort um den Fountain-Square die Clubs mit Namen Chaplin, Finnegan und Dolce Vita, in denen man dieselben Drinks schlürft wie in Hollywood, San Francisco, Berlin und Paris.

Allee der Märtyrer

So ist das neue Baku, und alles wäre schön, wenn Karabach nicht wie ein Stachel im Fleische steckte. Wenn nicht südlich der Altstadt auf einem Hügel gelegen die Allee der Märtyrer wäre. Zunächst als Grabmal-Allee für diejenigen gedacht, die unter den sowjetischen Panzern starben, wurde die Reihe der Steine immer länger, die Toten immer jünger. Karabach, hatten die Aseris gedacht, wäre eine schnelle Angelegenheit, doch dann trugen sie Sarg um Sarg den Hügel hinauf, solange, bis der Krieg verloren und dem Sterben ein Ende bereitet war.

Armeniens Sieg war Aserbaidschans Schmach. Wenn aber erst die Ölmilliarden fließen, glauben die Aseris, wird Karabach bald wieder ihnen gehören, werde der Westen sich schon auf die richtige Seite schlagen. Armenien? Welchen Wert sollte das dann schon noch haben?

Klar ist, dass zum neuen Reichtum die alten Sitten nicht mehr passen. Gegen braune Schaumwellen im Kaspischen Meer und die ökologische Sorglosigkeit des Sozialismus gibt es neuerdings einen Umweltminister, gegen "wilde" Teestubenzustände eben einen Erlass und zur Verhinderung sich ausbreitender Unzufriedenheit ein Polizistenaufgebot, das dem einer Diktatur gleicht. Aufmüpfige Journalisten verschwinden in Aserbaidschan sehr schnell im Knast, Oppositionelle auch schon mal im Grab. Gelegentlich runzelt der Westen über solches Benehmen die Stirn, doch der Geruch des Öls glättet die Falten schnell. In Baku, der Schönen, der Stadt der Winde, fällt es leicht, alles verwehen zu lassen.

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