Asses verschwundene Akten : Siemens kann sich nicht erinnern

Reimar Paul
Asse
Atommülllager Asse. -Foto: ddp

Ob einstürzende Kammern oder kontaminierte Laugen, eingelagerte Tierkadaver, Bundeswehrabfälle oder Sprengstoff – kaum eine Woche vergeht ohne neue Hiobsbotschaften aus dem maroden Atommülllager Asse. Doch die jüngste Meldung ragt heraus: In der Asse soll allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz doch hochradioaktiver Atommüll verklappt worden sein. Briefen zufolge, die auch dem Tagesspiegel vorliegen, gibt es eine aus dem Jahr 1966 datierte Zusage des Bundesforschungsministeriums an die Siemens AG für die Einlagerung von bis zu 25 Fässern mit stark strahlendem Abfall.

Ob diese Fässer jemals in das Bergwerk gebracht wurden, ist aber ungewiss. Siemens kann sich nicht erinnern. Die gesetzliche Aufbewahrungsfrist für die Akten von damals sei Ende der neunziger Jahre leider abgelaufen, beschied das Unternehmen. Man könne deshalb nicht sagen, ob das Unternehmen wirklich Fässer mit hochradioaktivem Schrott in die Asse schickte. Dass die Abfälle theoretisch aus verschiedenen Siemens-Abteilungen kommen könnten, erschwere die Suche nach den Lieferpapieren zusätzlich.

Die Antwort bringt Atomkraftgegner auf die Palme. Die Linksfraktion in Niedersachsen kritisierte am Montag, das Verschwinden der Akten zeige das Ausmaß der Schlampereien mit dem Atommüll. Es sei aber auch möglich, dass Akten vernichtet wurden, um Spuren zu verwischen, argwöhnt der Abgeordnete Kurt Herzog. Er spottet, das Atomgesetz schreibe vor, die Einlagerungsdokumente der Lieferanten 30 Jahre aufzubewahren, aber der Müll solle eine Million Jahre sicher eingeschlossen bleiben.

Das Jugend-Umwelt-Netzwerk in Niedersachsen weiß zwar auch nicht, wo die 25 Fässer mit dem hochradioaktiven Atommüll abgeblieben sind. Die Umweltschützer haben aber Informationen, dass es sich dabei um Kernbrennstoffe aus dem Atomkraftwerk Niederaichbach in Bayern gehandelt habe. Der Druckröhrenreaktor war von 1959 an von Siemens geplant und weitgehend vom Bund finanziert worden; Siemens brauchte nur 17 Millionen Mark aufzubringen. 1974 wurde das Kraftwerk nach zahlreichen Pannen und nur 18 Tagen Volllast-Betrieb abgeschaltet.

In der Praxis dürfte der Nachweis über die Einlagerung hochradioaktiven Mülls in die Asse schwer fallen. Die Abfälle sind in Fässer einbetoniert, die Fässer liegen in verschlossenen Kammern, die bis zur Decke mit Salzstaub verfüllt und teilweise kaum noch zugänglich sind. Reimar Paul

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben