Zeitung Heute : Assozieren

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich musste mal über meine Gefühle und Assoziationen schreiben, das war schlimm. Es war in der zehnten Klasse, in Deutsch kam „Ausdrücken von Gefühlen und Assoziationen“ dran. Unser Lehrer gab sich große Mühe, uns anzuregen: Er brachte einen Kassettenrekorder mit seiner Lieblingsmusik mit und zeigte Dias seiner Lieblingssehnsuchtslandschaft: Mike-Oldfield-Pop plus irische Berge. Eine gewagte Auswahl in der DDR, man darf sie als einen kleinen Akt der Regimekritik deuten. Aufschreiben durfte man das natürlich nicht. Eine Eins bekam, wer schrieb, dass er durch die elegischen Melodien und die grünen Hügel in ein Gefühl des Einsseins mit Natur und keine Ahnung was noch geriet, dass er Ferne spürte, Weite, Reinheit und so Sachen.

Ich schrieb, dass sich die wahrscheinlich erwarteten Gefühle bei mir nicht einstellten, weil der Rekorder leierte, und weil die Diabilder so klein waren und die Schärfe immer wieder nachgestellt werden musste. Ich bekam eine Vier. Immerhin hatte ich eine Ahnung, welche Assoziationen erwartet wurden.

Neulich besuchte ich eine Rebecca-Horn-Ausstellung mit vielen Apparaturen, die sehr lustig und originell, wenn auch ganz anders gemeint sind. Um mich herum waren lauter Schulklassen unterwegs, geführt von engagierten Museumspädagoginnen. Die fragten immerzu nach den Assoziationen der Schüler. Die armen wussten überhaupt nicht, was erwartet wurde, also schwiegen sie. In einem Video malte Rebecca Horn mit 18 Bleistiften Striche aufs Papier. Die steckten an einer Maske vor Rebecca Horns Gesicht. Hier fand eine Schülerin eine Assoziation: Hannibal Lecter, der Kannibale aus dem Film „Schweigen der Lämmer“. Der trug da auch eine komische Maske, allerdings keine fürs Malen, sondern eine gegen das Beißen. Die Pädagogin rief: „Ganz prima! Die Rebecca Horn hat sich ja wirklich sehr lange mit der Interaktion Künstler-Kunstwerk beschäftigt.“ Diese Souveränität hat meinem Lehrer damals irgendwie gefehlt.

Die Rebecca-Horn-Ausstellung im Gropiusbau läuft noch bis zum 15. Januar 2007.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!