Zeitung Heute : Astronauten der Meere

Allein auf dem Ozean – das Vendée Globe ist das gefährlichste Segelrennen der Welt. Warum Menschen über ihre Grenzen gehen

Kai Müller[Les Sables d’Olonne]

Es platzt aus ihm heraus: „Wenn jeder nur das tut, was ich ihm sage, dann reicht das nicht – nicht mehr.“ Norbert Sedlacek eilt über den Schwimmponton, an dem sich 20 Yachten auf das gefährlichste Segelrennen der Welt vorbereiten. Der Mann ist ungnädig. Von seinen Helfern erwartet er 150 Prozent. In Kürze will er das Abenteuer seines Lebens bestreiten, und um alles muss er sich selbst kümmern. Vor ihm liegen 120 Tage, in denen er ganz auf sich allein gestellt sein wird. In einem kalten, von Stürmen bewohnten Ozean weit im Süden des Erdballs. „Solche Projekte“, sagt er, „funktionieren nur, wenn alles immer noch rationeller abläuft, immer schneller und konsequenter.“

Mit einem Schritt schwingt sich der 42-Jährige auf sein Schiff und wirft den Rucksack durch die Einstiegsluke. Unter Deck, wo man das nackte Spantengerippe sieht, herrscht Chaos. Jemand treibt Schrauben in den hohlen Aluminiumrumpf, dass es kreischt. Werkzeugkisten versperren den Weg, Leinen und Segelsäcke liegen durcheinander. Manchmal neigt sich das zehn Tonnen schwere Gefährt leicht zur Seite. Eine Windböe fährt in den Karbonmast, der sich 24 Meter hoch in den Himmel bohrt. Einen Schlafplatz für Sedlaceks Reise gibt es nicht. Dafür sind die Computer installiert.

Schlafen will Sedlacek die nächsten vier Monate sowieso kaum. Der gebürtige Wiener hat sich auf den „Everest der Meere“ eingelassen. Wenn morgen in Les Sables d’Olonne das Vendée-Globe-Rennen gestartet wird, rasen 18 Männer und zwei Frauen ganz allein auf hochgezüchteten Rennyachten einmal um den Globus. Ein 23400 Seemeilen langer Parcours liegt vor ihnen. Das sind 44000 Kilometer. Niemand kann ihnen zur Hilfe kommen. Wer unterwegs einen Hafen ansteuert, gibt damit auf. Fast die Hälfte der Strecke führt rund um die Antarktis, eine Region, die die Franzosen nur „le Grand Sud“, den großen Süden, nennen. Immer wieder gibt es bei dieser Hatz Tote. Die anfälligen Hightech-Racer geraten in Seenot, kippen um und sinken. Das ist etwas für Leute, die über ihre Grenzen gehen.

Zuletzt schrieb sich ein Franzose in die Annalen des Rennens ein, nachdem ihm der obere Teil des Mastes abgeknickt war. Statt aufzugeben, steuerte Yves Parlier eine verlassene Bucht im Süden Neuseelands an, wo er Wochen damit zubrachte, ein Notrigg aufzustellen. Als er nach 126 Tagen – und keineswegs als Letzter – wieder in Les Sables d’Olonne eintraf, wurde er wie ein Sieger empfangen. Zum Schluss hatte Parlier sogar Seegras gegessen, um nicht zu verhungern.

Sind Leute wie Parlier verrückt? Ist einer wie Norbert Sedlacek ein Hasadeur, der das Extreme sucht? Der blonde Österreicher ist der erste deutschsprachige Teilnehmer dieser berüchtigten Hochseejagd. Und dabei hat die Alpen-Republik nicht einmal einen größeren eigenen See. „Jeder von uns hat einmal ein normales Gesellschaftsleben geführt und ist drauf ’kommen, dass es das nicht ist“, sagt der Autodidakt. Das Segelhandwerk hat er sich auf seinen Törns beigebracht. Seitdem er 1996 mit einer 8,40 Meter großen Nussschale zu einer zweijährigen Weltumsegelung aufbrach, ist er meist allein unterwegs. Ein Zivilisationsflüchtling? „Ich bin überzeugt, dass unsere Kultur Lebensglück zerstört“, sagt er und wischt sich ein Staubkorn von der Hose.

Trotzdem, ein Aussteiger sei er nicht. Er habe lediglich sein Betätigungsfeld verlagert. Nun ist er eben kein Trambahnfahrer mehr, was er auf Wunsch seines Vaters geworden war. Auch die Karriere im Nationalteam der österreichischen Taekwondo-Kämpfer gab er auf. Sein Lieblingswort heißt „Management“. „Das Rennen ist einfach, verglichen mit dem Drama, ein Boot an den Start zu bringen.“

Für Sedlacek begann dieses Drama vor vier Jahren in der Weihnachtszeit. Damals befand sich der Solosegler schon einmal dort, wo die Reise nun wieder hingehen soll, nämlich am 50. südlichen Breitengrad. Von Kapstadt aus war der Beamtensohn mit einer Yacht aufgebrochen, um einmal nonstop die Antarktis zu umrunden. „Ich frühstücke reichlich“, notierte er ins Logbuch, „und erledige Routinearbeiten. Einige Teilnehmer der Vendée-Globe-Regatta, die mir gerade etwas weiter südlich um die Ohren fahren, hatten bereits Eiskontakt. Ja, ja, die Vendée Globe ...“ Ein Seufzer voll Ehrgeiz. Schon damals keimt in ihm der Wunsch, dieser traditionell von Franzosen dominierten Elite des Einhandsegelns anzugehören.

„Ich wollte so ein übergroßes Sportgerät, von dem niemand weiß, ob er es beherrschen kann, einfach mal haben“, erzählt er. Gemeint ist eine der „Open 60“- Yachten, 18 Meter lange Fieberglas-Karbon-Geschosse, die wie Surfbretter mit bis zu 30 Knoten (56 Stundenkilometern) die Wellentäler hinuntergleiten und immer neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. 36 solcher Ultraleichtrenner sind offiziell registriert. Sedlaceks Startnummer ist die „36“. Und er fiebert den Massen entgegen, die ihn wie einen Astronauten verabschieden werden. 300000 Schaulustige sind angekündigt, die die Uferpromenade des Ferienortes säumen. „Dann merkt man plötzlich, dass man absolut alleine ist“, sagt er.

Sein Konkurrent Mike Golding widerspricht ihm: „Niemand segelt hier für sich.“ Der 44-jährige Engländer und ehemalige Feuerwehrmann tritt zum zweiten Mal bei diesem alle vier Jahre ausgetragenen Rennen an. Er gilt als Favorit, der sein Team wie einen Rennstall organisiert. „Wir nehmen die Strapazen auf uns, um zu gewinnen“, sagt er kühl. „Schon als ich den Stift auf’s Papier setzte, um mein Boot zu entwerfen, hatte ich einen bestimmten Rennverlauf im Auge“, verrät er. „Es ist für den Endspurt konzipiert.“

Das nagelneue, weiße Ungetüm ist seit Wochen zum Auslaufen gerüstet. In der Vorbereitungsphase hat es die gesamte Konkurrenz deklassiert. Doch Golding winkt ab. Schon einmal, vor vier Jahren, hielt man ihn für den besten. Dann splitterte in der ersten Nacht sein Mast. „So brutal aus dem Rennen geworfen zu werden, ist schwer zu verdauen“, sagt er ohne den Anflug einer Regung. Er musste umkehren und fuhr acht Tage später dem Feld hinterher. „Vor allem hat mir der Wettkampf gefehlt“, erinnert er sich. „Es fing erst an, mir zu gefallen, als ich mein Schwesterschiff eingeholt hatte und wir uns ein spannendes Duell lieferten.“

Diesmal soll es anders laufen. Das Vendée Globe ist ein Marathon. Aber es wird im Sprinttempo zurückgelegt. Statt wie 1969, als eine Nonstop-Umrundung des Planeten über 300 Tage dauerte, benötigt die jüngste Bootsgeneration nur noch etwa drei Monate. Das kostet Geld. Golding wird von seinem Sponsor mit zwei bis drei Millionen Euro bedacht.

Von so einer Summe kann Sedlacek nicht einmal träumen. Er hat nur 500000 Euro aufbringen können. Erst vor zwei Wochen schoss sein Hauptsponsor nochmal Geld nach. 40 Prozent des Etats werden von der Bank vorgestreckt, in Erwartung der Vermarktungserlöse. Er hat einen Berg von Schulden, den er auf seine Reise mitnimmt. „Nach fünf Jahren steige ich vielleicht mit Null aus.“

Warum tut er sich das an? Die Ehe ist an seinen Plänen schon zerbrochen. Der versprochene Südsee-Trip, „alles nur heiße Luft“, wie seine Ex-Frau sagt, die heute als Presseagentin für ihn arbeitet und das gemeinsame Sportartikelgeschäft leitet. Und gewinnen kann er auch nicht. Das Boot, das als Schadensfall auf einem Werftgelände verrottete, ist veraltet und die Konstruktion nicht gerade stabil. Wenn Sedlacek unterwegs ausruhen will, bleibt nur eine Holzkiste, auf der er sich mit den Füßen permanent abstützen muss. Mehr als 20-minütige Schlafphasen wären zu gefährlich. Außerdem herrscht ein furchtbarer Lärm. Die Wellen schlagen mit der Wucht eines Vorschlaghammers gegen den Metallrumpf. „Mit etwas Geschick stehe ich das Rennen durch.“

Noch nie ist ein „Vendée Globe“ ohne Bruch zu Ende gegangen. Bei der Premiere 1989/1990 kam nur die Hälfte der Teilnehmer am Zielort an. Bei der dritten Austragung (1996/1997) blieben von 16 Startern gar zehn auf der Strecke, einer verschwand sogar spurlos. Unvergesslich die Geschichte von Raphaël Dinelli. Dessen Boot hatte sich 1200 Meilen südwestlich von Australien im Sturm überschlagen. Der Mast hatte dabei das Deck durchbohrt – die „Algimouss“ sank. Kurz bevor sie in den Fluten verschwand, entdeckte ein australisches Marineflugzeug den Schiffbrüchigen, der sich an den Maststumpf seines schlingernden Untersatzes festgebunden hatte. Es warf eine Rettungsinsel ab. Doch Dinelli wäre verloren gewesen, wenn nicht ein Konkurrent gegen das Unwetter aufgekreuzt wäre und das rote Zeltdach der Insel zwischen den schäumenden Wellen entdeckt hätte. Seitdem spricht man nur noch vom „Wunder am 40. Breitengrad“.

„Es ist sicher, dass ich zwei oder drei schlimme Stürme erleben werde“, sinniert Sedlacek. Vermutlich muss der wackere Österreicher um jede Meile bangen, wenn für Mike Golding das Rennen erst so richtig losgeht. Wenigstens Sedlaceks Speiseplan ist darauf vorbereitet. Er nimmt 80 Fertiggerichte sowie 300 Portionen Instant-Nahrung, 30 Kilogramm Müsli, 200 Tafeln Schokolade und 4 kleine Champagner- Flaschen mit, für jedes Kap eine. Für Weihnachten hat er eine Extra-Kiste gepackt, und eine weitere Kiste ist mit so genanntem „Power- Food“, Vitamin-Präparaten und Aufbaustoffen bestückt für besonders kalte und deprimierende Phasen. Wenn die Finger aufreißen und die Augen sich entzünden. Wenn ihn die Einsamkeit („mein größter Feind“) quält und er den Frosthauch des Südpols bis in seinen Überlebensanzug hinein spürt.

„Auf See fürchte ich nicht den Kampf mit den Elementen“, schrieb Sedlacek in einem seiner Bücher, „sondern das Warten darauf. Früher oder später ist es soweit, du weißt nur nicht wann und wo.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben