Astronauten : Mondsüchtig

Jetzt laufen sie wieder im Fernsehen, die 40 Jahre alten Bilder von der Mondlandung. Heute wie damals lösen sie Träume aus, die nur für sehr wenige in Erfüllung gehen: abheben, schweben, fremde Welten betreten. Wie wird man Astronaut? Porträt eines begehrten Bildungswegs.

Friedhard Teuffel[Köln Berlin]
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Ganz weit draußen. Thomas Reiter bei einem Außeneinsatz an der internationalen Raumstation ISS im Jahr 2006. -Foto: NASA/ddp

Mit eigenen Füßen auf einem anderen Planeten stehen, wie mag sich das anfühlen? Das hat sich Thomas Reiter gefragt, als er mitten in der Nacht in Südhessen vor dem Fernseher saß. Vor ihm spazierten die beiden amerikanischen Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin gerade über den Mond. Elf Jahre alt war Reiter damals, „das ist das Alter, in dem Träume entstehen“, sagt er.

In dieser Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 war Reiter zu seinen Nachbarn gegangen, die hatten den besseren Fernseher. Eine gute Sicht war Reiter wichtig, weil Bilder kommen sollten, die die Welt noch nicht gesehen hatte. 600 Millionen Menschen sahen sich an, wie erst Armstrong, dann Aldrin den Mond betraten, auf ihm herumhüpften, die amerikanische Flagge aufstellten. Die ersten beiden Menschen auf einem anderen Himmelskörper. Als „fein wie Puder“ beschrieb Armstrong die Mondoberfläche. Sein berühmter Satz – ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit – ging in der deutschen Fernsehübertragung unter.

Seitdem sind auf den Tag genau 40 Jahre vergangen, und Thomas Reiter ist seinem Traum immerhin 400 Kilometer näher gekommen. Aus seiner Neugier ist ein Beruf geworden, erst Pilot bei der Luftwaffe, Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, dann Astronaut. Zwei Mal durfte er in den Weltraum fliegen, keiner aus dem europäischen Astronautenteam war so lange oben wie er, 350 Tage kreiste er insgesamt mit den Raumstationen MIR und ISS um die Erde. „Auch von da oben haben wir sehnsüchtig zum Mond geschaut“, sagt er.

Diese Sehnsucht ist Reiter, inzwischen 51 mit immer noch sportlicher Figur, allenfalls auf den zweiten Blick anzumerken. Nicht alles im Weltraum kann er in Worte fassen, nicht im persönlichen Gespräch und nicht vor Publikum beim Vortrag in Berlin. Da lässt er kurze Filme sprechen, die zeigen, wie er durch die röhrenhaften Gänge der Raumstation gleitet wie ein Delphin, oder wie er mitten im Weltall schwebt, umgeben von tiefem Schwarz, „man ist da ein kleines individuelles Raumschiff“.

Doch wie es sich anfühlt, auf einem anderen Himmelskörper zu stehen, darauf hat Reiter noch keine Antwort gefunden. Denn die Raumfahrt befand sich in seiner Zeit als Astronaut einfach nicht in der Mondphase. Die Amerikaner hatten der Welt 1969 gezeigt, dass sie Menschen zum Mond befördern können, mehr als 360 000 Kilometer weit, sechs Mal landeten sie dort mit ihren Missionen, die letzte, Apollo 17, verließ am 14. Dezember 1972 den Mond. Seitdem hat ihn kein Mensch mehr betreten.

Die Russen wollten nicht zweiter Sieger sein und verzichteten auf eigene Flüge, anschließend war auf der Welt anderes wichtiger, die Arbeitslosigkeit stieg, der Kalte Krieg ging zu Ende, das menschliche Erbgut war zu entschlüsseln. Da ist der Mond weit weg.

Reiter aber hat ihn nicht aus den Augen verloren. „Realistisch gesehen bin ich zwar noch nicht zu alt, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ich noch nach oben fliege“, sagt er. Dafür hat er jetzt eine andere Mission: Er wirbt dafür, dass eine Mondreise machbar ist. Nicht nur für Amerikaner, Russen, Chinesen und Japaner, die schon an Programmen arbeiten, sondern auch für Europäer. „Ich bin fest überzeugt, Europa kann das, wenn selbst Indien auf dem Weg ist, ein bemanntes System zu entwickeln.“

Zurück zum Mond, und die Menschheit wäre um unglaubliches Wissen reicher, da ist sich Reiter sicher: Der Mond sei wie ein Geschichtsbuch unseres Sonnensystems. Während auf der Erde Wasser alles verändert hat, ist die Entwicklung auf dem Mond konserviert, die ältesten gefundenen Steine sind mehr als vier Milliarden Jahre alt. Wenn irgendwo Antworten zu finden sind, etwa, warum es auf der Erde Leben gibt, dann auf dem Mond, glaubt Reiter.

Das andere Ziel ist: den Mond erfahrbar zu machen, für möglichst viele Menschen, und eine permanent besetzte Mondstation aufzubauen. Wenn er schon nicht selbst zum Mond fliegen kann, dann soll es ein anderer Europäer können, auch dafür arbeitet Reiter jetzt im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Eine neue Gruppe von sechs europäischen Astronauten ist gerade ausgesucht worden, wohl jeder von ihnen wird auch zur Raumstation ISS ins All fliegen. Ein Deutscher ist darunter, Alexander Gerst, 33, Vulkanologe. Vielleicht wird er der erste Europäer auf dem Mond, „möglicherweise 2019 – 50 Jahre nach der ersten Mondlandung“, das hält Reiter für realistisch. Im September werden sie mit ihrem Training im Europäischen Astronautenzentrum in Köln beginnen, der Weltraum wartet schon auf sie.

Er liegt ruhig und hellblau hinter einer Glasscheibe, dieser Weltraum. Fast lässt sich sein Ende mit bloßem Auge erkennen. Weil sich beinahe alles, was es im Orbit gibt, im Gebäude des Astronautenzentrums in Köln finden lässt, Nachbildungen von Raumkapseln und Forschungslaboren mit jedem Schaltknopf zum Üben, muss es eben auch einen kleinen Weltraum geben, selbst wenn es nur ein zehn Meter tiefes Tauchbecken ist. An der Scheibe steht Hans Bolender, der Cheftrainer der Astronauten. „Das ist die billigste und beste Methode, sich auf Außenbordeinsätze vorzubereiten“, sagt er. Die Königsdisziplin der Raumfahrt, der Weltraumspaziergang, wird hier im Becken geprobt.

Es steigen gerade keine Luftblasen auf, die Attrappe einer Raumkapsel steht am Beckenrand. Die acht Mitglieder des europäischen Astronautencorps trainieren gerade anderswo auf der Welt, weil Raumfahrt ein globales Unternehmen ist und sie alle Labore und Systeme der internationalen Raumstation bedienen können müssen, die amerikanischen, russischen, japanischen, europäischen.

Als die amerikanische Raumfahrtagentur Nasa in den 60er Jahren Personal für ihre Missionen suchte, sagte ein General: Wir brauchen dafür nur den ganz gewöhnlichen Übermenschen. Seitdem sind die Anforderungen noch einmal gestiegen. Dennoch bewarben sich im vergangenen Jahr 10 000 Kandidaten bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Flugmedizinisches Tauglichkeitszeugnis, drei Jahre Erfahrung in einem technischen oder wissenschaftlichen Beruf, am besten international – das sind die Mindestanforderungen, um Astronaut zu werden. Aufgeschlossenheit braucht man, für alle Bereiche, denn jeder muss jeden vertreten können an Bord. Leistungssportler muss man nicht sein, eher ein leistungsfähiger Normalbürger. „Man darf auch kein Hasardeur oder Draufgänger sein“, sagt Bolender. Die meisten Astronauten sind Piloten oder Wissenschaftler, und Bolender merkt sofort, wer woher kommt. „Die Wissenschaftler möchten erst alles erklärt haben, warum was wozu da ist. Die Testpiloten kommen schnell zur Sache: Sag mir, wie es geht, und ich führe es aus.“

Das Training hat Bolender schon entworfen: Zusammen mit seinen Kollegen wird er die Auserwählten in dreieinhalb Jahren zu Astronauten machen. Um zu erklären, wie das geht, reichen ihm dreieinhalb Stunden. Bolender kommt aus Rheinhessen, und wenn er in seinem weichen Dialekt die Raumstation beschreibt, wirkt sie auf einmal gemütlich. Seine Sehnsucht, selbst ins All zu fliegen, hat sich Bolender abtrainiert. Früher hätte er noch gerne mit den Astronauten getauscht, vor 20, 30 Jahren, da hatte er noch keine Familie. Und er wusste damals auch noch nicht, was genau es bedeutet, Astronaut zu werden. „Ein Knochenjob“, sagt er jetzt.

Enorm viel Zeit wird in der Ausbildung damit verbracht, an Schränken herumzubasteln. Die ganze Technik an Bord ist in Schrankwände eingebaut, die Steuerung der Versorgungssysteme, aber auch wissenschaftliche Versuche. Nicht alle sind so spannend wie eines von Bolenders Lieblingsexperimenten, in dem das Wachstum von Pflanzen in der Schwerelosigkeit untersucht wird: „Woher weiß eine Pflanzenwurzel, dass sie zum Erdmittelpunkt wachsen soll? Liegt es nur an der Erdanziehungskraft?“

Außerdem werden die Astronauten selbst zu Versuchsobjekten. In der Schwerelosigkeit schwindet die Knochenmasse, ein Prozent verlieren sie jeden Monat. Die Untersuchung dieses Phänomens soll irgendwann einmal dabei helfen, Osteoporose zu behandeln. Um ihren körperlichen Verfall aufzuhalten, trainieren die Astronauten an Bord der Station jeden Tag ein bis zwei Stunden, zum Beispiel auf einem Laufband, festgezurrt mit elastischen Strippen.

Russisch müssen sie lernen, bis sie es fließend beherrschen, es darf keine Missverständnisse geben an Bord, 350 Unterrichtsstunden, zwei Aufenthalte in russischen Familien. Tauchen müssen sie können für das Training der Außenbordeinsätze. Sechs Stunden dauert ein Weltraumspaziergang, die Körpertemperatur steigt dabei auf bis zu 40 Grad, darauf muss man eingestellt sein. Jeder Griff wird geübt, bis er auch mit verbundenen Augen von der Hand geht. Für bestimmte Arbeitsschritte muss der Astronaut zum Automaten werden.

Wenn sie, beschwert mit Bleigewichten, zum Training ins Wasser steigen, sind zwei Sicherungstaucher im Becken dabei und ein Kameramann; im Kontrollraum überwachen Ingenieure und Ärzte alle Abläufe. „Die Astronauten kommen aus dem Becken und haben drei Kilo Flüssigkeit verloren“, sagt Bolender.

Er steigt jetzt über eine Treppe in einen Nachbau des europäischen Teils der ISS, das Columbus-Labor, von einem Foto lächelt der russische Kosmonaut Juri Gagarin. Bis auf dieses Foto und den Teppich ist fast alles so wie im Weltall. „Wenn Sie das mit einem möbilierten Haus vergleichen, ist in der Raumstation alles drin, was man zum Leben braucht“, sagt Bolender. 30 000 einzelne Teile, „wie bei Aldi an der Kasse mit einem Barcode versehen“. Die Astronauten müssen ihren Haushalt in Ordnung halten. Vor einigen Jahren wurde einer mal nachts um drei zu Hause aus dem Bett geklingelt, weil die Kollegen in der Raumstation vergeblich nach einem Teil für einen Außenbordeinsatz suchten – und er der Letzte war, der es benutzt hatte.

Die ersten Monderoberer waren Piloten, die einfach etwas höher flogen, etwas extremere Bedingungen hatten und ein paar Aufgaben mehr erfüllen mussten. Alles war perfekt eingeübt. Aber wie sollen Aufgaben für Wochen oder Monate im Voraus trainiert werden? Wer heute in den Weltraum fliegt, muss die Systeme nicht nur bedienen, sondern auch mal reparieren können. „Wir trainieren mehr Fähigkeiten und Fertigkeiten, der Astronaut von heute kann mehr und muss mehr nachdenken“, sagt Bolender. Um jederzeit in der Lage zu sein, ein Problem zu lösen, von dem der Astronaut gerade erst erfahren hat. „Heute geht es darum, im All zu leben, vielleicht auch mal auf dem Mond, und außerdem irgendwann zum Mars zu fliegen.“ Da dauert allein der Flug sechs Monate, einfacher Weg, die ganze Mission ist auf zweieinhalb Jahre ausgerichtet.

Also ist noch etwas anderes wichtig: psychologische Belastbarkeit. Mit Menschen aus einer anderen Kultur so klarzukommen, dass die Arbeit funktioniert, auch das trainieren sie in Köln. Und dann gibt es da noch die Höhle auf Sardinien. Dahin schickt Bolender die Astronauten für ein besonderes Training. „Sie sind isoliert in einer lebensfeindlichen Umgebung, es herrscht absolute Dunkelheit.“ Dann werden überraschende Dinge inszeniert, „Notfallsituationen, auf die ich nicht näher eingehen kann“. Man kann sich nur vorstellen, dass Versorgungssysteme ausfallen oder einer aus der Gruppe vorher die Anweisung erhalten hat, verrücktzuspielen. Auf jeden Fall sei eine Sondereinheit des italienischen Militärs die ganze Zeit mit dabei, sagt Bolender. „Da kommen die Leute anders raus, als sie reingegangen sind – und jeder weiß, wie er mit dem anderen klarkommt.“

Komplexe Technik zu beherrschen und sich selbst, vielleicht sind das die beiden wichtigsten Eigenschaften eines Astronauten. „Sich im Griff zu haben, während eines Langzeitflugs motiviert und innerlich ausgeglichen zu bleiben“, sagt Bolender. Sie müssen blitzschnell entscheiden, zum Beispiel wenn die europäische Versorgungsrakete ATV auf einmal mit zu großer Geschwindigkeit auf die Station zugeflogen kommt und sie das Andocken per Hand ausführen müssen, 200 Millionen Euro für die Rakete sind dann von ein paar Mal Knopfdrücken abhängig.

Das Training ist daher ein ständiges Simulieren von Abläufen und Pannen, und die Trainer müssen sich immer wieder neu ausdenken, was alles schiefgehen kann. Das hat auch Reiter so erlebt, deshalb sei Überlebenstraining so wichtig: „Wenn es einen Notfall gibt, weiß man nicht, wie lange die Situation dauert“, sagt er – wenn also etwa der Computer einen unbekannten Fehler meldet, ein Feuer ausbricht, Druckverlust auftritt, das Licht oder die Sauerstoffversorgung ausfällt. „Ich muss deshalb immer dafür sorgen, dass ich persönliche Ressourcen habe, Kraft, Konzentration. Ich kann nie sagen: Feierabend, endlich abschalten.“

Die Raumfahrt hat ihn dennoch nicht losgelassen. Manchmal fragt Reiter sich, ob er das wirklich erlebt hat, mit dem Rücken zur Raumstation frei schwebend auf die Erde zu schauen. „Ich habe dort oben erst recht Fernweh bekommen.“ Zurück auf der Erde, treibt ihn immer noch die alte Frage um: Wie es wohl ist, auf einem anderen Himmelskörper zu stehen. Er hat einen getroffen, von dem er sich eine Antwort erhoffte: Edwin Aldrin, der vor 40 Jahren nach Neil Armstrong aus der Mondfähre geklettert war. Dessen Antwort hat Reiter maßlos enttäuscht: „Been there, done that.“ Da gewesen, erledigt.

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