Astronomie : „Ich hätte gern eine Probe von meinem Stern“

Anna Frebel ist eine Entdeckerin und die Milchstraße so etwas wie ihr Zuhause. Mit welcher Musik sie wach bleibt und wo der Nachthimmel am schönsten ist.

Anna Frebel
Anna FrebelFoto: Thilo Rückeis

Frau Frebel, Sie kommen gerade aus Boston. Wie war der Flug?

Ganz in Ordnung, ich konnte schlafen.

Der Potsdamer Astronom Matthias Steinmetz sagte einmal: „Was antwortet man, wenn einen der Sitznachbar während eines Flugs nach dem Beruf fragt? Will man schlafen, sagt man Physiker…“

„… will man sich unterhalten, sagt man Astronom!“ Mich hat zum Glück niemand gefragt. Selbst wenn, hätte ich meinen Beruf nicht verheimlicht. Die meisten sagen: „Oh, also ich hab’ mich schon immer für Astronomie interessiert.“ Dann kommt eine kleine Story darüber, wie weit die Sterne und Galaxien weg sind. Und jetzt gerade reden natürlich alle begeistert vom Mars-Roboter „Curiosity“.

Sie könnten auch sagen, dass Sie Modedesignerin sind. Da kennen Sie sich auch aus.

Als Teenager habe ich Kleidung entworfen und selber genäht, ich hatte im Keller bei meinen Eltern eine richtige Nähstube.

Sie haben sich selbst eingekleidet?

Einmal habe ich für die Schule ein Kleid nach den Farbprinzipien von Caspar David Friedrich entworfen, so ein ganz enges schwarzes Kleid mit farbigen Manschetten. Und in Australien habe ich mal ein weißes Kleid genäht, das sah aus wie das der Elfenkönigin in „Herr der Ringe“.

Wollten Sie mit Ihrem Nähtalent davon ablenken, dass Sie lieber Mathematik und Physik machen?

Das mit der Mode lief doch nur nebenher. Genauso wie das Rollkunstlaufen. Da habe ich es bis zum Halbprofi gebracht und war deutsche Vizemeisterin mit dem Team. Wenn man etwas richtig machen will, muss man Zeit investieren. Und da war mir die Astronomie wichtiger.

Sie haben 2007 den ältesten bisher bekannten Stern unserer Galaxie entdeckt. 13,2 Milliarden Jahre ist er alt. Warum ist das so spannend?

Für mich persönlich? Alte Sterne, wir sagen extrem metallarme Sterne, vereinen alle meine naturwissenschaftlichen Interessen: Astronomie, Physik und Kernphysik. Außerdem ist es natürlich auch für Laien wie Sie wahnsinnig faszinierend, zum Anbeginn der Zeit reisen zu können – um einmal mehr über das Hier und Jetzt zu erfahren.

Sie meinen zurück zum Urknall?

Genau. Mit dem begannen vor 13,7 Milliarden Jahren Raum und Zeit, wie wir sie kennen. Die alten Sterne ermöglichen uns stellaren Archäologen, die Frühzeit kurz nach dem Urknall zu erforschen.

Ihr Stern heißt HE 1523-0901. Kann man den nicht der Einfachheit halber „Frebel-Stern“ nennen?

Tun Sie das. Auf Konferenzen wird er meist auch so genannt, und es gibt nicht viele, die die echten Bezeichnungen auswendig hersagen können.

Wie weit ist der Frebel-Stern von uns entfernt?

7500 Lichtjahre, das ist relativ nah, schließlich hat das Universum eine Ausdehnung von 13,7 Milliarden Lichtjahren. Mit einem kleinen Amateur-Teleskop kann man ihn beobachten.

Wenn Sie in den Himmel schauen, haben Sie dann das Gefühl, Sie kämen nach Hause? Sie wissen schon, dort ist das Wohnzimmer, da geht's zum Balkon …

… klar! Die Milchstraße ist mein Zuhause.

Und interessiert es Sie, ob wir kosmische Mitbewohner haben?

Na ja, der Gedanke, dass es da noch was gibt – was genau, muss gar nicht näher spezifiziert werden – hat mich schon früh gereizt. Und im Moment betreiben ja auch sehr viele Leute Planetenforschung. Doch was machen wir, wenn wir einen solchen Planeten mit, sagen wir, Mikroben entdeckt haben? Wir verfügen nicht über ein Teleskop, das groß genug ist, um ein Bild davon aufzunehmen. Die Planeten leuchten ja nicht selber. Dann ist es schon nicht mehr so spannend für mich. Da sind mir die alten Sterne lieber.

Und was genau sehen Sie da?

Wir analysieren die chemische Zusammensetzung an der Oberfläche der Sterne mithilfe des Lichts, das wir mit unseren Teleskopen einfangen können. Durch die spektrale Zerlegung können wir so die Elementhäufigkeiten an der Sternoberfläche bestimmen. Sie bestehen hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium. Die Sternengreise in den äußeren Teilen der Milchstraße haben immer noch die gleiche Zusammensetzung wie das Gas aus den Anfangstagen des Universums.

Beneiden Sie manchmal die Meteoritenforscher?

Schon. Wenn hier was einschlägt, können die ein Körnchen aus dem Meteoriten hauen und es dann im Labor untersuchen! Wir haben nur das Licht.

Wenn es möglich wäre: Würden Sie eine intergalaktische Reise antreten?

Ach, ich hätte nur zu gerne eine Löffelprobe von HE 1523-0901. Und wenn ich träumen dürfte? Dann würde ich zur Sonne reisen. Es gibt immer noch große Probleme, die chemische Zusammensetzung der Sonne zu bestimmen. Wow, eine Handvoll Sonnenmaterial fürs Labor, das wär's. Der Clou ist nämlich, dass alle anderen Elementhäufigkeiten von Sternen, sogar Galaxien, in Referenz zur Sonne angegeben werden.

Haben Sie je geträumt, Astronautin zu werden?

Ja, aber ich habe ziemlich schnell mitbekommen, wie intensiv das Training ist. Ich weiß nicht, ob ich es in der Zentrifuge aushalten würde.

Sie als Rollkunstläuferin haben doch Pirouetten gedreht ohne Ende!

Okay. Wenn ich fit wie ein Turnschuh wäre …

… dann würden Sie sich auf 2000 Tonnen explosiven Treibstoff setzen, der unter Ihnen gezündet wird?

Ich würde es mir überlegen, ja.

Es war eine Sensation, als Sie den ältesten Stern entdeckt haben. Was haben Sie über die Zeit kurz nach dem Urknall in Erfahrung bringen können?

Alte Sterne haben weniger schwere Elemente, denn Elemente müssen in Supernova-Explosionen erst mal gebildet werden. Das heißt, wir gucken an den Anfang der chemischen Entwicklung des Universums und untersuchen die allerersten Nukleosyntheseprozesse. Der Kohlenstoff, aus dem Sie und ich bestehen, oder das Silizium, aus dem dieses Glas hier ist, kommt aus Supernova-Explosionen.

Können Sie den Erfolg überhaupt noch übertreffen?

Meine Arbeit hat nicht das Ziel, einen noch älteren Stern zu finden. Es war harte Arbeit, das könnte ich nicht so leicht noch mal schaffen. Übrigens, der andere Stern, den Sie da auf Ihrer Liste stehen haben …

Moment, wir lesen ab: HE 1327-2326?

Ja. Das ist der bisher eisenärmste Stern. Von ihm nehmen wir an, dass er zur zweiten Generation des Universums gehört. Sein Alter konnten wir nicht bestimmen, weil wir in ihm keine Radioaktivität feststellen konnten. Die Frage ist: Gibt es Sterne, die noch niedrigere Elementhäufigkeiten haben? Wie konnten die ersten Sterne genau gebildet werden? Wir Astronomen veranstalten ganze Konferenzen, da geht es nur darum. Denn wir wissen jetzt: Es gibt diese uralten Objekte, und wir können sie finden. Und jetzt müssen wir noch mehr von den Dingern rausfischen, damit wir einen guten Datensatz bekommen. Die Karotte hängt uns vor der Nase!

Wissen Sie, was Ihre Kollegen über Sie sagen?

Ja. Für die bin ich die Trulla mit den metallarmen Sternen. (lacht)

Frau Frebel, Sie sind mit 32 Professorin. Wäre Ihre Karriere ähnlich verlaufen, wenn Sie vor zehn Jahren zum Studium in Freiburg geblieben wären?

Kaum. Ich wäre niemals dort, wo ich jetzt bin.

Was ist besser am MIT?

Ach, es herrscht eine offene Atmosphäre. Allen ist daran gelegen, dass neue Ideen entstehen, alle wollen energisch die Wissenschaft vorantreiben. In Deutschland hatte ich das Gefühl, dass es ein bisschen passiv zugeht, so erinnere ich mich jedenfalls.

Haben Sie ein weibliches Vorbild?

Marie Curie. Sie ist die Einzige, die zwei Nobelpreise in verschiedenen Feldern bekommen hat – toll, wie hartnäckig sie gewesen ist. Sie hatte den Vorteil, dass ihr Mann sie sehr unterstützte. Ohne eine solche Konstellation ging es damals nicht.

Angenommen, Sie könnten ihr eine Frage stellen …

… mich würde interessieren, ob sie ein erfülltes Leben hatte. Ich vermute, schon. Sie war ja auch im Alter mit Feuer und Flamme dabei, ihre wissenschaftlichen Ambitionen zu nutzen, etwa für die Anwendung von transportablen Röntgenapparaten in Lazaretten während des Ersten Weltkriegs.

Sie wurden mit einem Preis geehrt, der nach Annie Jump Cannon benannt ist.

Auch eine interessante Frau der Astronomie. Sie hat Anfang des 20. Jahrhunderts für den Astronomen Pickering gearbeitet, der ihr kaum Lohn gezahlt hat. Dafür hat sie dann ziemlich geackert und ein neues Klassifizierungssystem für Sterne erarbeitet, das heute noch benutzt wird. Aber immerhin hatte sie die Wahl, ob sie in der Küche stehen oder Wissenschaftlerin sein will.

Die großen Teleskope wurden erst Mitte der 60er Jahre für Frauen zugelassen.

Da fasse ich mir immer noch an den Kopf. Das ist purer Chauvinismus.

Spüren Sie in Ihrer Arbeit einen Nachhall davon?

Nein, das MIT ist sehr fortschrittlich, wenn es um Gleichstellung geht, wahrscheinlich auf diesem Gebiet die fortschrittlichste Uni Amerikas.

Die Milchstraße beschreiben Sie als „dicken Pfannkuchen, der von oben und unten dick mit Sahne bestrichen ist, und in der Mitte thront eine Kugel Eis“. Sie sind wirklich schon Amerikanerin!

Dabei mag ich Pancakes gar nicht besonders, die schmecken so salzig. Manchmal beschreibe ich die Milchstraße auch als Pizza, was eigentlich falsch ist: Pizzen haben Ober- und Unterseiten.

Angeblich haben Sie schon als Schülerin Sternkonstellationen auf schwarze Pappe gezeichnet. Woher kam Ihr Interesse?

Warum ist meine Lieblingsfarbe Blau und nicht Rot? Ich weiß es nicht, meine Mutter erinnert sich auch nicht mehr an einen Schlüsselmoment. Das Interesse war einfach schon immer da. Natürlich habe ich auch viel „Raumschiff Enterprise“ geschaut und ein paar Bücher gelesen.

Ihre Karriere begann in Freiburg, dann zog es Sie nach Australien. Wie war Ihr erster Eindruck der südlichen Hemisphäre?

Gigantisch! Ich wurde damals recht bald an das Siding Spring Observatory zum Beobachten geschickt. Und wenn ich einmal eine lange Belichtung hatte, bin ich einfach aufs Dach geklettert. Das klingt vielleicht kitschig: Wenn man mitten in der Nacht ganz allein mit der Taschenlampe dort hochkraxelt, hat man das Gefühl, dass alles miteinander verbunden ist. Man versinkt in den Weiten und hat den Eindruck, Teil eines Größeren zu sein. Es wird egal, ob man stilles Wasser bekommen hat, obwohl man Sprudel bestellt hat.

Sie kennen den Sternenhimmel des Nordens und den über der Südhalbkugel. Was macht den im Süden attraktiver?

Jetzt kommt der Pfannkuchen mit der Kugel Eis in der Mitte zum Einsatz. Es gibt lauter Spiralarme. Wir sitzen am Rand eines Spiralarms. In der Nordhalbkugel gucken wir raus und sehen nur Spiralarm – wenn wir aber in der Südhalbkugel Richtung Eiskugel gucken, sehen wir sowohl den Spiralarm als auch das galaktische Zentrum als Hintergrundbeleuchtung.

Sie waren also nachts allein in dem Riesenteleskop?

Das war in der Tat unheimlich. Gerade das Teleskop in Australien ist alt und knackt komisch. Das Observatorium steht einsam auf einem Berg, 30 Kilometer vom nächsten Winznest entfernt. Außerdem krabbeln dort sehr viele kleine und große Insekten herum.

Ihnen war bekannt, dass acht der zehn giftigsten Tiere der Welt in Australien leben?

Das war mir bewusst. Ich habe schnell unterscheiden gelernt zwischen den giftigen und den tödlichen Spinnen. Zum Glück war ich nicht die ganze Zeit alleine – meine Kollegen haben die Viecher in Plastikboxen gepackt und ausgesetzt.

So viele Riesenteleskope gibt es nicht auf der Welt. Wie lange vorher müssen Sie Beobachtungszeit beantragen?

Generell etwa ein Jahr vorher, beim MIT ein halbes Jahr. Ich kriege zwischen einer und fünf Nächten, je nachdem.

Und es gibt keine Garantie, dass der Himmel klar ist. Falls nicht, gibt es keine Verlängerung?

Korrekt. Vergangenen Juli hatte ich vier Nächte in Chile, da war zuerst ein Schneesturm, dann hat es geregnet. Die ganze Reiserei – vergeblich.

Wie viel Kaffee trinken Sie in einer Beobachtungsnacht?

Kaffee trinke ich nicht, es gibt Milo, das ist so eine Art Ovomaltine. Zucker hilft. Und laute Musik. Zuerst den Amélie-Soundtrack, nachts ab drei dann etwas mit mehr Beat.

Auf Ihrer Homepage finden sich Fotos von Cupcake-Teleskopen, die Sie selbst gebacken haben. Ist das auch ein Ergebnis einer langen Nacht?

Nein, ich wollte Kindern beschreiben, wie so ein Teleskop aussieht. Ich habe viele Ideen, wenn der Tag lang ist. Manche arten total aus, wie die Cupcake-Sache. Am Institut kamen die essbaren Teleskope sehr gut an. Das waren Kalorienbomben!

Werden wir hier unten eigentlich bald in der zweiten Reihe sitzen, weil die Weltraumteleskope wie das Hubble jene auf der Erde ersetzen?

Oh, da müssen noch ein paar Leute kräftig spenden. Weltraumteleskope sind ja unheimlich teuer. Die Nasa baut gerade eines, das James-Webb-Space Telescope, das in einen der LaGrange-Punkte geschossen wird.

Entschuldigen Sie bitte, wohin ...

... das ist ein stabiler Knotenpunkt innerhalb des Sonnensystems, wo sich nichts bewegt. Die Nasa schießt das Ding dorthin, und alle hoffen, dass es sich entfalten wird. Drei Milliarden Dollar stehen schon jetzt auf dem Spiel.

Sie haben geschrieben, unser Blick in den Kosmos sei beschränkt: „Uns geht es wie dem Goldfisch, der herausfinden will, ob sein Aquarium in der Garage oder einem Hochhaus im 12. Stock steht.“ Ist die Sicht von einem LaGrange-Punkt aus besser?

Leider nein. Da müssten wir schon die Milchstraße verlassen und bis zur Andromedagalaxie fliegen.

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