Zeitung Heute : Atemberaubende Spitzentöne

Der Gesang der Sopranistin Olga Peretyatko hat hohes Suchtpotenzial.

Olga Peretyatko singt bei der Aids-Gala die Cavatina „O luce di quest'anima“ aus „Linda di Chamounix“ von Donizetti. Foto: rabovski.ru
Olga Peretyatko singt bei der Aids-Gala die Cavatina „O luce di quest'anima“ aus „Linda di Chamounix“ von Donizetti. Foto:...

Der Kopf ist leicht nach hinten geneigt. Der Blick ist ernst, durchdringend und fast ein wenig arrogant. Wer Olga Peretyatko nur vom Cover ihrer neuen CD „Arabesque“ kennt, könnte meinen, die schöne Russin sei eine echte Diva. Kühl und unnahbar wirkt sie hier. Sie hat nicht viel zu tun mit der jungen, lächelnden Frau, die am Tag nach ihrem Salzburgdebüt in legerem Outfit und schicker Sonnenbrille durch die sommerliche Domstadt schlendert. Das Gespräch findet an einem besonderen Ort statt: auf der Dachterrasse des Hotels Stein mit einer spektakulären Aussicht auf die Stadt. „Ist das nicht schön hier?“ Den Tag nach der Premiere genießt sie immer besonders. „Da treffe ich mich gerne mit Freunden. Innerlich bin ich dann ganz leer. Und kann loslassen.“

Am Vorabend hatte sie an der Seite von Rolando Villazón im Salzburger Festspielhaus auf der Bühne gestanden. Und das Publikum als standhafte, treue Giunia in Mozarts Oper „Lucio Silla“ mit ihren atemberaubenden Spitzentönen und modellierten Koloraturketten verzückt. Die strenge Miene dieser Giunia ähnelte ein wenig Peretyatkos Blick auf dem PR-Foto.Peretyatkos Gesang kann süchtig machen, weil er so schwerelos, so unangestrengt klingt. Spezielle Atemübungen hatte sie gemacht, um die endlosen Melodielinien der höchstschwierigen Mozartpartie ohne Unterbrechung singen zu können. Die Technik muss eben stimmen, wenn man an solch einem Opernabend abheben will.

Längst singt die 33-jährige Sopranistin auf den großen Bühnen der Welt. Seit sie vor drei Jahren in der Titelpartie von Strawinskys Oper „Le Rossignol“ in Aix-en-Provence ihren internationalen Durchbruch hatte, ist ihr Terminkalender voll geworden.

Erfolgreiche Debüts am Festspielhaus Baden-Baden, an der Staatsoper Wien, der Bayerischen Staatsoper München und der Mailänder Scala liegen hinter ihr. Im nächsten Frühjahr wird sie erstmals an der New Yorker MET singen. In Berlin war sie gerade in der „Zarenbraut“ an der Staatsoper im Schillertheater zu hören, nachdem sie 2012 bereits an der Deutschen Oper in „Lucia di Lammermoor“ debütiert hatte. Bei der heutigen Aids-Gala singt sie die Cavatina „O luce di quest'anima“ aus der Oper „Linda di Chamounix“ von Donizetti.

Hier in Berlin begann ihre musikalische Laufbahn als Sängerin, als sie im Sommer 2001 zum ersten Mal mit Freunden aus St. Petersburg die Stadt besuchte. „Wir haben im Tiergarten gestanden und der Loveparade zugeschaut. Das war großartig“, erinnert sie sich. „Der befreundete Geiger, bei dem ich wohnte, gab mir den Rat, mich doch mal an der Musikhochschule Hanns Eisler vorzustellen. Dann habe ich ein halbes Jahr später dort das Vorsingen bestanden. Da ich kein Deutsch konnte, gab ich als Wunschlehrerin eine Professorin an, die einen englischen Namen hatte: Brenda Mitchell. Sie war dann perfekt für mich.“

Deutsch lernte die Sängerin mithilfe von Tandempartnern, denen sie im Gegenzug Russisch beibrachte. Mit studentischen Projekten verdiente sie ihren Lebensunterhalt. „Ich habe gemeinsam mit einem Streichquartett Konzerte in Krankenhäusern und Altenheimen gegeben. Dort sagte einmal eine Patientin zu mir, dass sie gar keine Schmerzen mehr empfinde, nachdem sie meine Stimme gehört habe. Das war natürlich das größte Geschenk für mich.“ Auch heute erlebt sie noch berührende Reaktionen. Und erzählt von einem kranken Mann, der ebenfalls die heilende Wirkung ihrer Stimme am eigenen Körper erfahren hat, obwohl sie sich nie begegnet sind. „Vielleicht werde ich ihn mal besuchen.“

Gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem italienischen Dirigenten, lebt die Russin in Bologna und Berlin. Dass sie schon häufig mit Anna Netrebko verglichen wurde, ärgert sie nicht. „Ich schätze Anna sehr. Wir kennen uns auch persönlich. Sie hat braune Haare und kommt wie ich aus Russland. Als sie am Mariinsky-Theater im Ensemble war, sang ich dort im Kinderchor – viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es aber nicht.“ Sie ist eben Olga Peretyatko. Und geht ihren eigenen Weg.

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