Atomkraft : Verwalter der Mängel

Die Problemliste des AKW Brunsbüttel ist jetzt öffentlich. Was ist los in Deutschlands störanfälligstem Reaktor?

Fabian Leber Antje Sirleschtov

Ein Jahr lang klagte sich der Energiekonzern Vattenfall durch die Distanzen. Am Mittwoch aber ging es dann ganz schnell: Kaum hatte der Kraftwerksbetreiber seine Klage gegen die Veröffentlichung von Geheiminformationen über das Atomkraftwerk Brunsbüttel zurückgezogen, stand der Bericht schon im Internet. Das von Vattenfall lange als Betriebsgeheimnis eingestufte Dokument listet insgesamt 707 „offene Fragen“ von externen Gutachtern an den Energiekonzern auf.

Der Bericht geht zurück auf eine „periodische Sicherheitsüberprüfung“, die in Brunsbüttel im Juni 2001 begann. 50 000 Seiten überließ der Betreiber damals dem zuständigen Sozialministerium in Kiel. Anschließend sichteten externe Gutachter vom TÜV Nord die Papiere. Heraus kamen die besagten 707 Fragen, die auf Schwachstellen in Deutschlands störanfälligsten Kernkraftwerk abzielen sollen. Die Gutachter sortierten die Mängel nach Kategorien unterschiedlicher Gefährlichkeit – von 1 („sofort zu beheben“) bis 4 („langfristig zu beseitigen“). In der dringlichsten Kategorie gab es keine Beanstandungen, dafür wurden unter Kategorie 2 insgesamt 185 Mängel festgestellt. Diese Einstufung steht für „Nachweisdefizite“, die „kurzfristig zu beseitigen sind“.

Ganz so eilig scheinen es aber weder Vattenfall noch das Ministerium der erklärten Atomkritikerin Gitta Trauernicht (SPD) gehabt zu haben. Auch sechs Jahre nach Beginn der Prüfung ist nicht klar, welche Schwachstellen es in Brunsbüttel noch gibt – und welche inzwischen behoben wurden. Erst nachdem die Deutsche Umwelthilfe am Mittwoch in Berlin bei einer Pressekonferenz auf Teile des Gutachtens aufmerksam gemacht hatte, beeilte sich das Ministerium in Kiel mit einer Erklärung. Eilbedürftige „sicherheitstechnische Defizite“ habe es gar nicht gegeben, und die Informationen zu Punkten in der zweitwichtigsten Sicherheitskategorie habe Vattenfall inzwischen vollständig geliefert, sagte Trauernicht. Demnach hätten externe Gutachtern inzwischen nachgewiesen, dass 100 der 185 gefährlicheren Mängel behoben seien. Bei den restlichen 85 würden die Experten aber noch prüfen.

Zu den genannten Schwachstellen zählen auch viele Bereiche, die nichts direkt mit dem Reaktorbetrieb zu tun haben – und insofern tatsächlich nicht zwingend ein Sicherheitsrisiko darstellen. Zum Beispiel mahnten die Gutachter an, dass der Zustand der Deiche in der Nähe des Kraftwerks noch einmal überprüft werden sollte. Doch gerade weil sowohl Vattenfall als auch das Ministerium in der Liste keine größeren Sicherheitsrisiken erkennen können, stellt sich die Frage, warum der Konzern die Veröffentlichung verhindern wollte. Und unklar ist auch, ob das Ministerium dem Betreiber zu viel Spielraum bei der Beseitigung der Mangel gab.

Dieser Meinung ist Rainer Baake, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe und früher Staatssekretär im Bundesumweltministerium. „Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht hat grob versagt“, sagt er. Üblich seien bei ähnlichen Überprüfungen Fristen von rund zwei Jahren. „Es hat eben lange gedauert, bis wir die gesamten Unterlagen bewerten konnten“, sagt Oliver Breuer, der Sprecher des Kieler Sozialministeriums dazu. Nach Ansicht der Behörde war das Kernkraftwerk Brunsbüttel 2001 gesetzlich auch gar nicht verpflichtet, sich einer „Periodischen Sicherheitsüberprüfung“ zu unterziehen. Eine solche Verpflichtung sei erst 2002 gesetzlich verankert worden.

Die Umwelthilfe wirft Vattenfall trotzdem vor, dass ganze Verfahren verschleppt zu haben. „Wer den Nachweis der Sicherheit nicht führen kann, muss irgendwann die Rohre eben austauschen. Und das kostet eine Menge Geld“, sagt DUH-Sprecher Gerd Rosenkranz. Der Betreiber habe die Investitionen verzögert, so lange nicht klar war, ob Brunsbüttel mit Hilfe von Laufzeitübertragungen länger am Netz bleiben kann als im Atomkonsens vorgesehen, vermutet er. Möglicherweise kam es aber auch Ministerin Trauernicht nicht ganz ungelegen, dass sich der Konzern mit der Beseitigung der Mängel so viel Zeit lässt. Ihr erklärtes Ziel ist es, das Kraftwerk Brunsbüttel so schnell wie möglich vom Netz zu nehmen. Eine Mängelliste kann da ein ganz gutes Druckmittel gegenüber dem Betreiber sein.

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