Atomkraftgegner : Die große Handreichung

Deutscher Rekord: Auf mehr als 120 Kilometern, vom Akw Krümmel über Hamburg bis nach Brunsbüttel schlängelte sich die Menschenkette der Atomkraftgegner. „Eigentlich“, sagt einer, „könnte man so etwas auch quer durch die ganze Republik machen“.

Reimar Paul
Sehr gefasst. Atomkraftgegener schließen die Menschenkette. Im Hintergrund des Atomkraftwerk Brunsbüttel. Foto: dpa
Sehr gefasst. Atomkraftgegener schließen die Menschenkette. Im Hintergrund des Atomkraftwerk Brunsbüttel. Foto: dpaFoto: dpa

Wie viele Zweifel hatte es gegeben: Eine Menschenkette über mehr als 120 Kilometer, die größte, die je in Deutschland auf die Beine gebracht wurde – konnte das gelingen? Jochen Stay, einer der Organisatoren, ist grau im Gesicht, dreieinhalb Stunden nur hat er in der Nacht zum Samstag geschlafen, ihn plagen Sorgen. In Hamburg könnten sich in der Innenstadt zu viele Menschen klumpen und weiter draußen Lücken in der Kette entstehen lassen, fürchtet er. Und dann ist am Freitagabend auch noch die Homepage zur Menschenkette zusammengebrochen.

Doch dann ist es so weit. Samstag, 15 Uhr: Die Kette der Atomkraftgegner steht. Vom Kernkraftwerk Krümmel über Hamburg bis nach Brunsbüttel sind die Lücken geschlossen. 120 000 Menschen halten sich an den Händen.

Dicht an dicht stehen sie entlang der Hamburger Landungsbrücken. La-Ola, Trillerpfeifenkonzerte, Händeklatschen und Jubel, als ein junger Mann mit einem Megafon vorbeiläuft und die Nachricht von der geschlossenen Kette weitergibt. Viele Demonstranten haben gelbe Bänder mit dem Motto „Ketten-Re-Aktion“ darauf. Manche tragen sie als Stirnbänder, andere als Gürtel oder locker um den Hals gehängt. Familien mit kleinen Kindern sind dabei, gutbürgerliche Leute im mittleren Alter, aber auch viele junge Alternative im Streckenabschnitt St. Pauli.

Langsam weicht die graue Farbe aus Jochen Stays Gesicht. Schon einmal hat er einen solchen Trubel erlebt. Da war er 18 Jahre alt und Teil der Menschenkette zwischen Stuttgart und Ulm. Im Oktober 1983 hatte die Friedensbewegung diese Aktionsform zum ersten Mal erprobt. Auf 108 Kilometern hielten sich die Menschen an den Händen. Wie viele es genau waren, weiß bis heute keiner. Aber jedenfalls gelang das Experiment: Am 22. Oktober 1983 um 13.30 Uhr war die Kette geschlossen. Uli Thiel, der heute 67-jährige Erfinder der Kette, sagt: „Als die Polizei die Meldung ausgegeben hatte, brach an der Strecke Jubel aus.“ Ohne die Polizei hätten die „Friedensfreunde“, wie sie sich damals selbst nannten, womöglich nie erfahren, dass ihr ehrgeiziger Plan tatsächlich aufgegangen war. Denn, wie Uli Thiel mit leichter Verwunderung in der Stimme sagt: „Das war ja noch vor der Erfindung des Handys.“

So gesehen haben es Jochen Stay vom Anti-Atom-Netzwerk „Ausgestrahlt“ und Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die beiden Sprecher der Menschenkette, ein bisschen leichter. Sie haben wenigstens Mobiltelefone. Trotzdem, sagen sie „haben wir auch gemerkt“, dass die Organisation einer Menschenkette ein ziemlicher Gewaltakt ist. An die 20 Organisationen hatten dazu aufgerufen, darunter auch Parteien und Gewerkschaften. Doch die Fäden liefen im Büro von „Ausgestrahlt“ und beim BUND zusammen. „Ausgestrahlt“ existiert seit 2005, und seit zwei Jahren „rennen uns die Leute die Türen ein“, berichtet Jochen Stay. Angefangen habe man mit einem Verteiler von 4200 Adressen, sagt er, „heute sind es 32 000“. Das unscheinbare Büro befindet sich im sechsten Stock eines Gebäudes in der Nähe des Berliner Tors in Hamburg, es sind gerade mal drei enge Zimmerchen.

Seit Wochen herrschte in dem kleinen Büro drangvolle Enge. Junge Männer und Frauen hockten zu dritt an Schreibtischen und beantworteten Anfragen aus ganz Norddeutschland. Es gibt in Altona noch ein zweites Büro, von dem aus die Menschenkette organisiert wird. Jochen Stay pendelte fast täglich zwischen den beiden Büros.

Drei Sonderzüge, einer davon aus Berlin, sowie mehr als 240 Busse steuerten 124 Sammelpunkte zwischen Brunsbüttel und Krümmel an. Am Anfang der Woche rechnete Jochen Stay damit, dass an jedem Sammelpunkt mindestens 200 Menschen ankommen, dann, dachte er, müsste es eigentlich klappen. Aber sicher war er sich seiner Sache nicht. „Die goldene Regel vor jeder Demonstration ist es, keine Zahlen zu nennen. Aber bei einer Menschenkette über 120 Kilometer kann sich ja jeder in etwa ausrechnen, wie viele Menschen man dafür braucht“, sagt er. Das mache aber auch den besonderen Reiz dieser Aktionsform aus:. „Alle wissen, es kommt auf jeden an.“ Und so haben die Organisatoren nicht nur den „Aktionsleitfaden“ der Kette von 1983 genau studiert. Sie haben sogar einen der alten Slogans übernommen: „Es gilt die Wette, wir schaffen die Kette!“

Ein besonders spektakulärer Konvoi ist aus dem Wendland gekommen. Am Mittwoch ist er in Gorleben gestartet, nun hat der Zug das Atomkraftwerk Krümmel erreicht: rund 50 Traktoren, ebenso viele Begleitfahrzeuge und ein Dutzend Motorräder, zwei Kilometer lang. Zwischendrin kurven Radfahrer.

Fast alle Traktoren sind mit Protestplakaten gegen Atomkraft behängt. Von den Führerhäuschen wehen Fahnen mit Parolen gegen ein Endlager in Gorleben und der orange-grün stilisierten Sonne der „Republik Freies Wendland“. Auf einem Anhänger liegt die maßstabsgetreue Attrappe eines Castorbehälters. „Retour“, steht in großen Buchstaben auf dem Behälter aus Pappmaché.

Ein anderer Wagen hat rund 50 Fässer mit dem Radioaktivitätszeichen geladen. „Die bringen wir zurück zum Absender“, ruft ein Mann, der es sich ganz oben auf dem Stapel bequem gemacht hat. Er deutet auf den großen Abluftschornstein des Atomkraftwerks Krümmel und sagt: „Da kommen die Fässer wieder hin.“

Die 86-jährige Marianne Fritzen, eine Altvordere des Gorleben-Widerstands, packt einen Klappstuhl aus ihrem Rucksack. „Ich kann nicht mehr so lange stehen“, erklärt sie. Vor ein paar Jahren wurde sie an der Hüfte operiert. Dass sie die Strapazen einer Demonstration noch im hohen Alter auf sich nimmt, sei für sie allerdings eine Selbstverständlichkeit, sagt Fritzen: „Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass die Atomkraft ein Irrweg ist.“

Die ersten Trecker aus dem Wendland sind bis an das Gelände des Atomkraftwerks vorgefahren. Der Siedewasserreaktor steht nach Bränden in den Transformatoren und anderen schweren Pannen seit fast drei Jahren still. Der Vattenfall-Konzern will das Kraftwerk aber wieder in Betrieb nehmen. Am Mittwoch wurde ein neuer, fast 500 Tonnen schwerer Trafo angeliefert. „Krümmel bleibt aus“, rufen ein paar Jugendliche und hüpfen auf der Straße auf und ab. Die Werkschützer hinter dem Zaun verziehen keine Miene.

Ein Kamerateam ist auf der Suche nach Andrea Nahles. Nicht allen Demonstranten passt es, dass sich die Parteien bei der Aktion so in den Vordergrund geschoben haben. „Hätte Rot-Grün die Atomkraftwerke vor zehn Jahren wirklich abgeschaltet und sich nicht auf einen halbgaren Konsens eingelassen, brauchten wir heute nicht hier zu stehen“, sagt ein Hamburger. Es sei ja in Ordnung, dass sich Parteimitglieder an der Menschenkette beteiligten. „Ihre Parteifahnen hätten sie aber zu Hause lassen sollen.“

Besonders viel Politprominenz hat sich in Elmshorn versammelt. Einen besseren Platz hätten sich die beiden ehemaligen Umweltminister Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin für einen symbolischen Händedruck nicht suchen können: Im Hintergrund stehen auf einer saftig grünen Wiese vier Windkraftanlagen. Um 14.30 Uhr treffen sich mitten auf der Bundesstraße 431 eine Delegation von Grünen und Sozialdemokraten zur medienwirksamen Kettenbildung. Zu diesem Zeitpunkt rollen immer noch Busse aus Berlin und Brandenburg an dem Pulk vorbei, die beim Durchqueren Hamburgs viel Zeit verloren hatten.

Am Elmshorner Streckenabschnittsposten 5 wartet man zum Beispiel noch auf eine Juso-Protestgruppe mit der Bundesvorsitzenden Franziska Drohsel. Dorthin haben sich auch mehrere Münchner begeben, deren Sonderzug mit rund 1000 Aktivisten aus Bayern schon kurz nach zehn am Bahnhof Elmshorn eingerollt war. Viele sehen müde aus, haben wenig geschlafen auf dieser Nachtfahrt. Im Partywagen haben wohl auch einige durchgemacht. Nun beschallen die Pinneberger Jusos den Treffpunkt. Alt-Demonstranten staunen: Ton Steine Scherben erklingt da aus den Lautsprechern.

Einen Sammelpunkt weiter haben die Grünen das Sagen. Sie sind rechtzeitig in der Hauptstadt aufgebrochen. Die Fraktionsvorsitzende Renate Künast gibt erste Interviews, im Hintergrund hört man die Trommeln und Rasseln der Berliner Sambagruppe Green Igelz.

Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner ist mit Frau und ältestem Sohn angereist. Beim Spaziergang mit dem Parteivorsitzenden sagt Stegner, dass ihn das Szenario an frühere Zeiten, an die Demonstrationen gegen die geplante Atomanlage in Wyhl erinnere.

Jochen Stay, der Organisator, ist vom Wiedererstarken der Anti-Akw-Bewegung keineswegs überrascht. Schon 2005 habe sich abgezeichnet, dass die Atomdebatte wieder an Fahrt gewinne. Und da „die Neigung, sich verbindlich zu organisieren, stark nachlässt“, es aber dennoch eine Stimmung gegen die Atomkraft gebe, sei er auf die Idee gekommen, „Ausgestrahlt“ zu gründen. Das Aktionsnetzwerk hat „keine Mitglieder in dem Sinne“, sagt Stay. Stattdessen sammelt die Organisation Aktionsideen und Argumente gegen die Atomkraft und verbreitet diese weiter. Es gibt einen Newsletter, der per E-Mail verschickt wird, aber vier Mal im Jahr schickt „Ausgestrahlt“ auch noch einen gedruckten Rundbrief an seinen Verteiler. „Es gibt auch ein Leben jenseits des Internets“, sagt Stay.

Damit an diesem Samstag auch alles klappt, haben sie vor zwei Wochen schon einmal trainiert: Stay war in Berlin, als sich bei einer Probe-Menschenkette etwa 1500 Menschen an den Händen fassten. „Ich hatte schon etwas Bedenken, ob die jungen Leute heutzutage so was noch machen: sich an den Händen fassen. Aber alle hatten viel Spaß.“ Zu einer Menschenkette kämen auch viele Leute, die ansonsten zu keiner Demo gehen würden. So gesehen könne man auch eine Menschenkette durch die ganze Republik zustande bringen, fügt er etwas übermütig hinzu. Den Rekord in Sachen Menschenkette hielten übrigens die Balten. Die hätten 1989, als es um ihre Unabhängigkeit ging, eine Kette durch ihre Länder und über mehrere hundert Kilometer hinweg an der Ostsee entlang gebildet.

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