Zeitung Heute : Atomkraftwerk: Im Bauch des Monsters

Alexander Loesch

Der junge Reisebegleiter aus Vilnius zeigt nach vorn: Nach einer sanften Kurve pellt sich aus dem Wald ein riesiger Gebäudekomplex mit zwei markanten Türmen. Da steht es, das litauische Monster, das Atomkraftwerk Ignalina, das 80 Prozent des Energiebedarfs des Landes deckt, aber einen Schönheitsfehler hat: Es ist bautechnisch ein Zwilling des GAU-Meilers von Tschernobyl und gilt als Sicherheitsrisiko. Seit Jahren schon soll Ignalina stillgelegt werden. Aber noch immer ist der Atom-Saurier in Betrieb.

Ina, eine freundliche Frau aus dem Informationszentrum, stellt sich auf Englisch vor. Sie ist "Public Relations Manager". Ina gibt dem Besucher eine Magnetkarte. "Bitte, sichtbar am Revers tragen." Bloß noch durch den Metalldetektor, und schon öffnet sich die Sicherheitsschranke. Dahinter endet die englische Sprachzone und mit ihr auch das High-tech-Design. Es folgen lange Gänge, die Wände verkleidet mit bräunlichen Kostproben sowjetischer Kunststoffproduktion. Immer wieder Schilder auf Russisch, der einstigen Besatzersprache. Auch alle technischen Unterlagen sind auf Russisch.

Ein Umkleideraum. Der Besucher muss trotz einer Außentemperatur von mehr als 30 Grad - über die Frage nach einer Klimaanlage kann Ina nur müde lächeln - einen weißen Schutzmantel überstreifen. Die eigenen Schuhe ersetzen spezielle Stoffstiefel. Und wieder geht es durch endlose Korridore. Auf dem Fußboden ist eine weiße Linie gezogen. "Die leuchtet in der Dunkelheit", erklärt Ina, damit die Belegschaft bei Stromausfall den Fluchtweg finden könne. 4600 Menschen arbeiten im Atomkraftwerk.

Die Bausubstanz - furchterregend: Keine Betonwand scheint gerade zu sein, bucklige Böden und Stufen sind mit einer durchsichtigen Folie beklebt. "Es ist kein Geheimnis, dass die sowjetische Bauqualität katastrophal war", wird später Saulius Urbonavicius sagen. Er ist für die Abwicklung des Meilers zuständig. "Doch Sie hätten den Zustand vor zehn Jahren sehen müssen", fügt er mit hörbarem Sarkasmus hinzu. Seit der Unabhängigkeit habe man viel in die Instandsetzung investiert, um minimale Sicherheitsstandards zu erreichen.

Durch einen finsteren Treppenschacht geht es nun nach unten. Die Hitze wird fast unerträglich. "Wir passieren gerade die Reaktorebene", lautet die Erklärung. Ein Tor öffnet sich, ein gewaltiger Raum tut sich auf. Unter schachbrettartig auf dem Boden geordneten, dicken Metallplatten werden die Brennelemente gekühlt. Und noch einmal so ein Raum für Riesen: die Generatoren-Halle. Der Weg führt jetzt über wacklige Metallbrücken, in schauriger Tiefe ist ein gigantisches Röhrengeflecht zu sehen, an einigen Stellen sichtbar geflickt wie eine alte Decke. Ein Sicherheitsoffizier bedeutet dem Besucher, den Schutzhelm aufzusetzen. "Etwas könnte herunter fallen." Endlich ist das Ende des Labyrinths erreicht, aber der Horrortrip ist noch nicht zu Ende. Es wartet die "Kontaminierungs-Kontrolle" - in einem kastenartigen Detektor aus blank poliertem Metall "made in Sweden". Auf einem Display kann die Sprache gewählt werden: Englisch, Russisch und sogar Deutsch. "Näher treten, Arme hoch!" Dann die Erleichterung: "Nicht kontaminiert." Doch bei Ina erklingt Alarm. Die Begleiterin bleibt gelassen. "Nur" an ihrem Rücken sei offenbar "etwas nicht in Ordnung." Sie wird mit einem Spezialspray gereinigt. Aber es gebe keinen Grund zur Sorge. Das ist auch die Botschaft des Info-Hefts, das Ina dem Besucher in die Hand drückt. Blühende Wiesen sind darin zu sehen. "Die saubere Umgebung von Ignalina."

Der Reisebegleiter aus Vilnius zeigt auf den See hinter dem Kraftwerk, der für die Kühlung benutzt wird. Die Wassertemperatur sei in den 18 Jahren seit der Inbetriebnahme um etwa vier Grad gestiegen. Doch das hindere kaum jemanden daran, im See zu baden und Fische daraus zu essen. Der Tonfall des jungen Mannes verrät, dass er das im Gegensatz zu Ina keineswegs für risikofrei hält.

Eine Zeitbombe tickt. Und es wird noch dauern, bis sie entschärft ist. Erst 2005 soll der erste Reaktorblock abgeschaltet werden. Und bis zum letzten wird es mindestens noch einmal fünf Jahre dauern. Für die Litauer heißt das: weiterleben mit einem Monster.

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