Attacke gegen China : Der Schuhwurf von Cambridge

Helmut Schümann

Die Mittel der Politik sind vielfältig. Diplomatie gehört dazu, Verhandlungsgeschick, Durchsetzungskraft, Raffinesse, die Intrige, der Schuh eher nicht. Wohl zog einst ein Bundespräsident, Karl Carstens, gerne auf Schusters Rappen durch die Lande, aber sein Schuhwerk fand dabei wenig Beachtung. Im Grunde genommen gab es bislang in der Politik nur drei berühmte Schuhe. Der eine gehörte Nikita Chruschtschow, der 1960 Regierungschef der UdSSR war und als solcher vor der UN-Vollversammlung mit eben diesem Schuh das Rednerpult malträtierte. Den zweiten trug Joschka Fischer 1985, als er zum Umweltminister vereidigt wurde, es war ein Turnschuh, ein klares politisches Bekenntnis. Und der dritte kleidete Guido Westerwelle und hatte in der Sohle die Zahl 18 eingraviert, was seinerzeit, 2002, als Prozentzahl das Wahlziel von Westerwelles FDP war. Es wurde aber nicht erreicht, vielleicht auch, weil Westerwelle naturgemäß auf Schritt und Tritt auf dem Ziel herumtrampelte.

Nun aber ist der politische Schuh in Mode gekommen. Erst traf es (zumindest fast) Ende des vergangenen Jahres den scheidenden US-Präsidenten George W. Bush, dann gegen Ende des vergangenen Monats Frankreichs Nicolas Sarkozy. Und nun Chinas Ministerpräsidenten Wen Jiabao, als er in Cambridge eine Rede halten wollte. Warum es der Schuh ist, der als Protestmittel geschleudert wird, liegt auf der Hand.

Es hätte natürlich auch die Kittelschürze sein können. An der sammelt sich vom vielen Abwischen allerlei Schmutz an, der dem Ziel entgegengeworfen werden kann. Aber so eine Kittelschürze als Mittel der Politik taugt nicht. Zum einen fliegt sie nicht gut, und zum anderen, wie sähe das denn aus: Westerwelle in Kittelschürze, womöglich beim Verzehr einer Currywurst mit Majo?

Der Schuh mit seinem Dreck dran hat den Vorteil, dass er durch jede Sicherheitskontrolle kommt. Der Schuhschütze muss allerdings ein Opfer bringen. Er opfert seinen Schuh und steht nach der Tat sozusagen einbeinig da. Was bei den Schneefällen von Cambridge in diesen Tagen unangenehm sein kann. Man sollte beim Plan eines Schuhwurfes die Witterung bedenken. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Wen Jiabao nicht getroffen wurde. Und die Nationalität des Werfers wird endgültig wohl erst geklärt, wenn er vor Gericht erscheinen muss. Schuhwerfen ist an sich noch keine Straftat, wird aber als Störung geahndet. Das sollte man auch bedenken.Helmut Schümann

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