Zeitung Heute : „Auch die Grünen sind eine liberale Partei“

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Eine Regierungskoalition aus Union, FDP und Grünen scheint möglich. Wie würde die Basis der Grünen darauf reagieren, Herr Lösche?

Die Widerstände gegen eine JamaikaKoalition dürften an der Basis sehr groß sein. Allerdings ist die Basis nicht homogen: Es gibt die Alt-68er, die an ihren Überzeugungen festhalten und für die allein schon kulturell gesehen eine Koalition mit der Union unmöglich scheint. Dann gibt es aber die jüngeren Grünen, die in zwei Typen unterschieden werden können: Da sind einmal die Realisten, die sich durchaus angezogen fühlen von der Professionalität, die die Grünen an der Macht gezeigt haben. Andererseits gibt es den Typ des jungen Idealisten, der zwar realistischer denkt als die 68er, der aber immer noch sehr stark in den sozialen Bewegungen verankert ist.

Was wäre mit den Wählern? Würden sie eine Wende hin zur Union akzeptieren?

Sie würden es akzeptieren, wenn bestimmte Inhalte beibehalten würden. Es spricht vieles dafür, dass die Union zum Beispiel den Atomausstieg nicht rückgängig machen würde. Das wäre für die grünen Wähler symbolisch wichtig. Andere Felder wie etwa die Gesundheitspolitik sind für die grünen Wähler nicht zentral. Das sind gut verdienende, gut ausgebildete Mittelschichtangehörige.

Das ist ja im Kern auch die Anhängerschaft der FDP.

Ich verstehe die Grünen sowohl von der Führungsspitze als auch von der Wählerschaft her inzwischen als eine sozialliberale Partei mit einem ökologischen Profil. Das macht es einfacher, aber auch schwieriger: Die inhaltlichen Konflikte mit der FDP wären nicht so intensiv wie die mit der Union. Gleichzeitig müssten FDP und Grüne aber aus der Regierung heraus um die ähnlichen Wählerschichten konkurrieren. Meine These ist: Die überwundene Spaltung des Liberalismus nach 1945 hat sich jetzt durch die Hintertür mit diesen beiden Parteien wieder eingeschlichen.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Union und Grünen?

Erstaunlicherweise kamen die ersten Forderungen nach einer Jamaika-Koalition gerade von dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte – aus der CSU. Es gibt eine gemeinsame Grundlage zwischen Union und Grünen. Man könnte es „Ehrfurcht vor dem Leben“ nennen. Und gerade die CSU in Bayern hat in dieser Hinsicht immer eine ökologische Facette gehabt.

Was bedeutet der zumindest teilweise Abgang von Joschka Fischer? Könnten die Grünen beides verkraften: seinen Rückzug und eine Wende hin zur Union?

Fischer hat erkannt, dass die Grünen jetzt auch alleine laufen können. Insofern ist da nicht so wahnsinnig viel zu verkraften. Und er hat ja nicht ausgeschlossen, dass er noch einmal in ein Kabinett gehen würde.

Könnte es trotz einer Jamaika-Koalition noch rot-grüne Koalitionen geben?

Die könnte es auch weiterhin geben. Das ganze Parteiensystem ist ja in Bewegung. Sollte sich die Linkspartei etablieren, dann dürften in Zukunft alle Parteien untereinander koalitionsfähig werden, selbst die Linkspartei und die Union.

Peter Lösche ist Parteienforscher an der Universität Göttingen.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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