Zeitung Heute : Auch eine Gerechtigkeitslücke

Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.
Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.Zeichnung: Tsp

In Kiel musste die Bürgermeisterin zurücktreten, Susanne Gaschke von der SPD. Sie ist eine ehemalige Journalistenkollegin und hatte einem Steuersünder seine Schulden zum Teil erlassen. Dies stellte sich als rechtswidrig heraus. Im Laufe der Affäre verhielt sie sich uneinsichtig und ungeschickt. In ihrer Abschiedsrede aber hat sie behauptet, dass ich an ihrem Rücktritt schuld sei.

Anteil an dem Rücktritt hätten, so die Bürgermeisterin, „testosterongesteuerte Politik- und Medientypen, die unseren Politikbetrieb prägen und deuten“. Nun – ich bin ein Medientyp, ich deute manchmal den Politikbetrieb, mein Körper produziert Testosteron. Gaschkes Begründung für ihre Beschuldigung: Als sie bei einem Auftritt einmal den Tränen nahe war, sei ihr dies, nur, weil sie eine Frau ist, zum Vorwurf gemacht worden. Als dem Mann Peer Steinbrück im Wahlkampf das Gleiche passiert ist, haben das allerdings auch einige kritisiert.

Man muss sich kurz vorstellen, der von Angela Merkel zum Rücktritt gezwungene Minister Norbert Röttgen hätte sein Scheitern der „hysterischen Östrogenmafia, die unsere Bundesregierung prägt“ in die Schuhe geschoben. Das wäre, zu Recht, als skandalös und sexistisch empfunden worden. Röttgen wäre für alle Zeiten erledigt. Die Proteste gegen Gaschke sind überschaubar. Sexismus wird leider nur dann als Skandal empfunden, wenn er sich gegen Frauen richtet. Da sehe ich eine Gerechtigkeitslücke.

Eine Politikerin, die ihr Scheitern heutzutage „den Männern“ anlastet, macht sich lächerlich. Die Bundesrepublik und ihr größtes Bundesland werden von Frauen regiert, als kommende Außenministerin wird Ursula von der Leyen gehandelt, in der SPD-Bundestagsfraktion liegt der Frauenanteil über 40 Prozent. Grüne und Linke haben mehr Frauen als Männer in ihren Fraktionen. In manchen Bereichen der Gesellschaft sind Frauen immer noch stark unterrepräsentiert, zum Beispiel in den Spitzen der Medienbetriebe. Aber die Politik gehört nicht dazu. Fehler haben in der Politik allerdings manchmal Konsequenzen, dies gilt auch für Fehler, die von Frauen gemacht werden.

Warum wird in der Debatte über Prostitution meistens so getan, als seien Prostituierte immer weiblich, Freier und Zuhälter dagegen seien immer Männer? Es stimmt nicht. Warum wird so getan, als seien Zwangsehen nur für die Bräute ein Problem, und nicht auch für den Bräutigam? Männer sind eben hormongesteuert, halbe Tiere. In der feministischen Gender-Forschung aber heißt es, Hormone hätten so gut wie keinen Einfluss auf das Verhalten. Ideologen nehmen es halt, wie es gerade passt, sie sind blind für die Wirklichkeit, egal, wie der „-ismus“ heißt. Ideologen sagen: Alle sind gleich. Aber manche sind gleicher.

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