Zeitung Heute : Auch ohne Poller fühlten sich die Amerikaner gut bewacht

Kulturattaché Peter R. Claussen erinnert sich an die letzten Jahre der DDR in der US-Botschaft in Ost-Berlin

Lothar Heinke

Für die einen war sie Hoffnungsträger, Zufluchtsort und Hort freier Gedankenspiele. Andere sahen in ihr die Trutzburg des Monopolkapitals samt seiner Agenten, quasi eine ständige Vertretung des Klassenfeindes in der Hauptstadt der DDR: die Botschaft der USA. Als Anfang der siebziger Jahre die Anerkennungswelle die DDR überraschte, wurden fieberhaft repräsentative Gebäude für die Diplomatischen Vertretungen westlicher Länder gesucht. Die einstige Botschaft der USA am Pariser Platz war dem Erdboden gleich gemacht worden, das Grundstück lag zudem innerhalb der Sperrzone östlich vom Brandenburger Tor. Also bot man den Amerikanern, zu denen man seit September 1974 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte, neben dem Provisorium in der Schadowstraße das „Haus des Handwerks“, ein fertig beziehbares Gebäude in der Neustädtischen Kirchstraße, an. Dieser Geschäftspalast war 1886 als ein Warenhaus für Armee und Marine entworfen worden. 1935 wurde er zum „Haus des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages“, auch in der DDR hatte hier die Handwerkskammer ihren Sitz.

1977 zogen die Amerikaner ein, auch ohne Poller und Betonklötze fühlten sie sich gut bewacht von erkennbaren (uniformierten) Volkspolizisten und von den Herren mit Kunstlederjacken und Henkeltäschchen aus dem Kostümfundus der Staatssicherheit. Die hatten nicht nur auf DDR-Bürger zu achten, die eventuell Kontakte zum Klassenfeind aufnehmen wollten, sondern sie observierten auch die Mitarbeiter der Botschaft, wenn die hinaus ins Land fuhren.

Wie Peter R. Claussen, den heutigen Kulturattaché der Embassy of the United States of America. Der Mann mit den norddeutschen Familienwurzeln erlebte zwischen August 1987 und September 1990 die spannende Endzeit der DDR in Berlin: „Da war ein Konzert von Pink Floyd am Reichstag, also hinter der Mauer, und Unter den Linden standen ungefähr 5000 junge Menschen auf Zehenspitzen, still und andächtig, um einige der Töne, die der Wind über die Mauer wehte, zu erhaschen. Das war total irreal: Ein Rockkonzert, bei dem man nur Musikfetzen zu hören bekam, trotzdem 5000 Zuschauer, sehr beherrscht statt wild und ausgelassen, und spürbar traurig, dass sie nicht dabei sein durften. Das war eine absurde Situation. Dass das so nicht weitergehen konnte, spürten wir schon“.

Peter Claussens Aufgabe war, wie er sagt, „Lücken zu finden“, also Kontakte zu Leuten aufzubauen, mit denen man sich gut verstehen konnte. Die Regierung war „der Hauptfeind“, aber alle Regierungen vertreten die unterschiedlichsten Menschen, und mit den Neugierigen, Mutigen und Wissbegierigen wollte man ins Gespräch kommen. Diese Politik der kleinen Schritte unterstützte auch die Bibliothek in der Botschaft. Hier war jeder, der spontan von der Straße kam, willkommen. „Dabei fühlten wir ziemlich genau, mit wem man es zu tun hatten“. War das nun jemand mit einem Auftrag oder kam er als neugieriger Freund?

Großes Interesse fand der Text des Helsinki-Abkommens, das jeder, der danach fragte, in die Hand gedrückt bekam. Peter Claussen nennt die Botschaftscrew von damals „eine lustige Gesellschaft und junge Bande“, die auf vielfache Weise versuchte, sich nützlich zu machen. Es gab Empfänge mit der Schriftsteller- und Schauspieler-Prominenz der DDR, enge Kontakte zu den Opern und Theaterbühnen im ganzen Land, oder man hatte erfahren, dass es irgendwo in einem Dorf in Brandenburg hinter einem Busch ein Rockkonzert gab – da sind sie dann hin, die Diplomaten, mal von Stasi-Autos verfolgt, oft pfiffig genug, die Schatten abzuhängen.

Aber manchmal waren die sehr nah und unsichtbar: In den Wohnungen der Botschaftsangehörigen in der Leipziger Straße entdeckte man manche Ungereimtheit: Mal war die Toilette benutzt worden, dann wieder fehlte vom Spielzeugauto des Kindes ein Rad – sichtbare Signale für die immerwährende Wachsamkeit der Tschekisten made in GDR.

Aber je näher der November ’89 kam, desto frecher und freier wurden die Leute in der DDR. Honecker wollte unbedingt in die USA, plötzlich war manches möglich. Da durfte die Botschaft auf der Leipziger Buchmesse vertreten sein, Amerikaner nahmen immer häufiger an Abschiedsfeiern von Ausreisenden teil oder luden in die Botschaft zur Vorführung der Rocky Horror Picture Show.

Peter Claussens Kollege John Self erzählt vom großen Interesse für die Bibliothek, die Zeitungen, Bücher und das Filmprogramm in der Botschaft: „Wir haben propagiert, dass jeder willkommen ist, und bald besuchten uns täglich 300 bis 400 Leute!“ „Hatten die keine Angst?“ „Manche schon, aber wegen der Menge von Menschen, die kamen, konnten die Wachleute nicht viel machen.“ Auch nicht bei jenen DDR-Familien, die in der Botschaft blieben, bis sie ausreisen durften. Am Tag der Wiedervereinigung wurde die Bibliothek, dieser Ort der Kommunikation, geschlossen, das war, bei aller Freude, „ein sehr trauriger Moment“. Peter Claussen arbeitete ab Herbst 1990 in Washington, Südasien und Kenia, als er 2006 als Kulturattaché zurückkam, ging er auf Spurensuche: Die damals unbelebte Oranienburger Straße ist so lebendig wie nie zuvor, dazu diese kleinen Lädchen, Cafés, Galerien. „Überall im Osten blüht das Neue – es ist einfach überwältigend!“

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