Zeitung Heute : Auch ohne Schreibtisch glücklich Erik Reger und der erste Redaktionsgehilfe

Jürgen Friedenberg

„Junger, schreibgewandter Mann gesucht, der einem vielbeschäftigten Redakteur zur Hand gehen kann.“ So oder so ähnlich lautete die chiffrierte Kleinanzeige im Tagesspiegel irgendwann im März 1954. Da musste ich einfach hinschreiben, auch wenn mir nicht so ganz geheuer war, wer oder was dahintersteckte. Aber ich wusste, was ich wollte: Journalist werden, koste es, was es wolle. Zunächst kostete es Geduld, die ich, der frisch gebackene zwanzigjährige Abiturient, nur mit Mühe aufbrachte.

Eines Tages lag tatsächlich ein Briefchen im Kasten, mit dem mich der Personalchef des Tagesspiegels, Müller-Reinhard, zu einem Gespräch nach Tempelhof ins Ullsteinhaus einlud. Denn da saß der Tagesspiegel damals noch, eingeklemmt zwischen andere Redaktionsbüros und so beengt, dass nicht mal jeder Redakteur einen Schreibtisch hatte – ich erst recht nicht.

Der Personalchef, ein Mann im besten Alter, mit dunkler Hornbrille und etwas strengen Augen, die alles zu durchschauen schienen, begrüßte mich förmlich. Dann rief er Herrn Dr. Weitz an, den Alleinredakteur und Chef des Beilagenressorts, das damals Technik und Forschung, Hochschulberichterstattung, Reiseteil, Motormerkblatt, Grundstück- und Steuerwesen, eine Kinderseite, den wöchentlichen Weltspiegel, der das Zeitgeschehen im Bild widerspiegelte, und – nicht zu vergessen – die Seite „Frauenleben“ umfasste.

Dr. Weitz kam sogleich, unterhielt sich nur kurz mit mir und hätte mich wohl am liebsten gleich in sein Büro mitgenommen. Doch das letzte Wort hatte allemal Erik Reger, ohne den beim Tagesspiegel anscheinend nichts lief, schon gar nicht der so bedeutsame Entschluss, zum ersten Mal in der Geschichte des freilich noch jungen Hauses einen Redaktionsgehilfen einzustellen, den man erst später in den Rang eines Redaktionsvolontärs erhob.

Ein paar Tage darauf bestellte mich Erik Reger zu sich. „Sie wollen Journalist werden? Sie sind doch fast schon einer.“ Und er blätterte in der „Fackel“, der von mir gegründeten Schülerzeitung, die ich meiner Bewerbung beigelegt hatte. „Vielen Dank, Herr Reger, aber ich glaube, zum Journalisten gehört doch etwas mehr. All das möchte ich bei Ihrer Zeitung lernen.“ Meine Antwort schien ihm zu gefallen. Doch schon kam die nächste Überraschung: „Was halten Sie eigentlich von Bismarck?“ Und es folgte ein Meinungsaustausch über den umstrittenen Kanzler, über Heinrich Mann und über den Leitspruch des Tagesspiegels. Zum Schluss erhielt ich ein Sonderlob für den richtigen Gebrauch des Wortes „Evakuierung“.

„Ich glaube, Sie sollten bei uns anfangen. Den Vertrag schicke ich Ihnen zu…“ Ich sah Erik Reger nie wieder, wenige Wochen nach unserem Gespräch erlag er einem Herzleiden.

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