Zeitung Heute : Auch Quereinsteiger haben beste Karrierechancen

Jean-Paul Raabe

Christiane Lilge, 24, aus einer Kleinstadt in der Lüneburger Heide, wusste schon vor Abschluss des Gymnasiums, "dass die Filmregie das Metier ist, in dem ich meine persönlichen und beruflichen Interessen verbinden kann." Sie nahm an einem Videoprojekt teil, bei dem Jugendliche aus dem südlichen Niedersachsen unter Anleitung von Profis ein Videomagazin produzierten. Als Praktikantin hatte Lilge die konkrete Aufgabe, einen kleinen Film über die Entstehung des Videomagazins zu drehen. Mit der Kassette des Films unter dem Arm klopfte sie in Berlin bei einer Hand voll Produktionsfirmen an. Der Chef einer Trickfilmfirma sagte ihr zu. Nach kurzer Einarbeitung war sie bereits Produktionsassistentin mit entsprechender Bezahlung und für die Koordination der Synchronisationsarbeiten zuständig. Christiane Lilge machte erste Dreherfahrungen bei Studentenproduktionen in Potsdam und Berlin. Selbstfinanziert drehte sie ihre ersten beiden Kurzfilme, die auf regionalen Filmfesten gut ankamen. Bei Produktionen von Regisseur Philipp Gröning konnte sie weitere Praktika als Produktionsassistentin absolvieren: "Hier habe ich am meisten gelernt, weil ich in der Pre- und Postproduktionsphase von zwei Filmen vieles eigenständig tun musste."

30 Bewerber auf 600 Hochschulplätze

Parallel zu den verschiedenen Filmjobs bewarb sich Christiane Lilge an mehreren Filmschulen um einen Studienplatz. Zunächst ohne Erfolg. Kein Wunder bei bis zu 600 Bewerbern für 30 Studienplätze. 1998 jedoch hat sie sich durchgesetzt und wurde an zwei Ausbildungsstätten eingeladen. Seitdem studiert sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb.

Die Film- und Fernsehbranche boomt. Der Boom bringt eine große Nachfrage an Nachwuchskräften mit sich. Zwar gibt es hierzulande einige hervorragende Film- und Fernsehschulen mit qualitativ hoher Ausbildung unter anderem in Berlin, Potsdam, München, Ludwigsburg, Köln und Hamburg. Aber deren Output allein deckt den Personalbedarf bei weitem nicht. Traditionell ist der Berufszugang bei den Medienberufen wenig reglementiert. Der Quereinstieg ist in der Film- und Fernsehbranche mindestens ebenso Erfolg versprechend wie ein dreijähriges Studium an einer der Filmschulen.

Vom ersten Tag an mitgestalten

"Als ich mich um ein Praktikum bewarb, hatte ich die Warnung im Ohr, dass ich dort bestimmt nur Kaffee koche und Unterlagen von Büro zu Büro tragen müsse", so die 28-jährige Redaktionsassistentin Ramona Gutte aus Köln. "Aber in Wirklichkeit musste ich gleich vom ersten Tag an eine tägliche Talkshow mitgestalten. So, als ob ich schon seit Jahren dabei wäre." Sicherlich gibt es eine Reihe von schwarzen Schafen in der Branche, die Praktikanten als billige Hilfskräfte einstellen oder für die Erledigung persönlicher Angelegenheiten ausnutzen. Aber es gibt ausreichend seriöse Firmen, die ihre Praktikanten und deren Interessen ernst nehmen. Die Branche braucht "frische und hochmotivierte" Mitarbeiter, die weitgehend über das Prinzip "learning-by-doing" eingearbeitet werden. Wie in jedem anderen Berufsbereich gilt: Vor Antritt eines Praktikums sollten sich Interessierte die Firma einmal vor Ort anschauen und genaue Vereinbarungen treffen, was die Aufgaben während des Praktikums sein werden.

Martin Rohrbeck, Herstellungsleiter von Kinofilmen wie Sonnenallee (für Boje Buck Produktion) oder Gloomy Sunday (für Studio Hamburg Produktion für Film & Fernsehen): "Bei Kinoproduktionen haben wir in der Regel zwischen drei und fünf Praktikanten." Einen im Regiebereich, der übernimmt oft das Komparsen-Casting und deren Betreuung bei den Dreharbeiten. Ein weiterer macht ein Praktikum im Produktionsbüro. "Da schaue ich schon, dass das nicht jemand ist, der Regisseur oder Kameramann werden will, sondern ein Faible für die organisatorischen Dinge hat", so Rohrbeck weiter. Weitere Praktikanten gebe es in der Kameraabteilung und im Ausstattungsbereich. "Ich wüsste so circa 20 Ex-Praktikanten, die im Metier Fuß gefasst haben oder heute sogar eine eigene Produktionsfirma führen."

Marcus Roth, Geschäftsführer bei der Postproduktionsfirma M.A.C.K.E.V.I.S.I.O.N GmbH in Sindelfingen, verrät: "Üblicherweise geht ein Praktikum sechs Monate, wir zahlen dafür derzeit 630 Mark monatlich. Voraussetzung für ein Praktikum ist eine hohe Motivation der Interessenten. Bei entsprechender Eignung werden Praktikanten anschließend in eine Festanstellung übernommen. Ehemalige Praktikanten arbeiten heute auch als begehrte "freie" Kräfte in ganz Deutschland. Andere haben im Anschluss ein Studium begonnen oder sich in andere Bereiche entwickelt.

Begehrte Praktika am Set

Was tut ein Praktikant konkret während eines Praktikums? Katja Hörstmann von der Babelsberg Film GmbH berichtet: "Das Tätigkeitsfeld umfasst Kalkulationsrecherchen, Recherche im Bereich Casting, Organisation und Durchführung von Castings, Motivsuche, Fotografieren von möglichen Drehorten und Erstellen von Fotomappen, Protokollieren von Regiebesprechungen, Erstellen von Besetzungs-, Motiv-, Rollenlisten, Drehplan nach Vorlagen. Darüber hinaus gibt es die begehrten Praktika am Set".

Wie kommen Interessierte an einen geeigneten Praktikumsplatz? Die einschlägigen Film-ABCs oder Branchentelefonbücher zu durchforsten, ist für Branchenfremde wenig hilfreich. Denn diese nennen nicht konkret, wer sich unter der Firmierung XY verbirgt, was genau der Geschäftsbereich von Firma YZ ist. Hilfreicher ist es, sich des Mediums Internet zu bedienen. Eine ganze Reihe von Institutionen, Firmen und Fernsehanstalten haben auf ihren Seiten Jobs und Praktikumsplätze annonciert. Die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) hat im Internet eine Börse eingerichtet. Wer einen Praktikumsplatz im Medienbereich sucht oder einen anzubieten hat, der ist unter www.mfg.de/praktikum richtig. Unternehmen können dort kostenlos Praktikumsstellen ins Internet setzen, Quereinsteiger können nach Unternehmen suchen.

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