Zeitung Heute : Auch satirisch gesehen ist Helmut Kohl nur noch Sättigungsbeilage zur Zeitgeschichte (Glosse)

Klaus Staeck

Die neue Heftigkeit, mit der die Medien jetzt versuchen, den unüberschaubar gewordenen Bimbessumpf trocken zu legen, ist auch eine Art Trauerarbeit. War doch die Berichterstattung über das System Kohl spätestens seit 1995 vom kritischen Journalismus mehr zur höfischen Begleitmusik hin mutiert. Wie oft haben sich schon Satiriker jedweder Couleur in Zeiten temporärer Ohnmacht in den Notschrei geflüchtet: Die Realität ist die Satire! Wirkte das gelegentlich auch etwas hilflos kokett, jetzt ist der Ernstfall zweifellos da.

Denn was da relativ harmlos als Verstoß gegen das Parteiengesetz geoutet wurde und inzwischen unter der Überschrift "Größter Spendenskandal" die Republik auf den Rütteltisch zwingt, gebiert täglich neue Ungeheuer. Selbst gewiefte Krimi-Konsumenten verlieren zunehmend den Überblick, verheddern sich im Schnittmusterbogen der mafiosen Beziehungskisten, verlieren immer häufiger den schwarzen Faden im Knäuel der Verstrickungen und wechselseitigen Schuldzuweisungen. Ständig wechseln Höhe der Beute, Tatorte und Täter. Nur noch mit Mühe gelingt es, wenigstens die Hauptlinien der Handlungsstränge aller Tatverdächtigen nachzuzeichnen.

Goldene Zeiten für Satiriker - sollte man meinen. Stoff in Hülle und Fülle wie lange nicht mehr. Doch der offensichtliche Überschuss an Themen kann genau so viele Probleme bereiten wie der Unterschuss. Satire seziert, lebt als Test, Karikatur, Montage von der Kenntlichmachung durch Überzeichnung, öffnet die infizierte Wunde, um sie reinigen zu können.

Wenn so viel öffentlich ist wie derzeit, ist es nicht einfach, die schon oft gepackten schwarzen Koffer noch einmal so auszupacken, dass das zu Tage Geförderte einen Hauch von Erkenntnisgewinn verspricht. Die toten Seelen von Paraguay haben ihre Vermächtnisse schon vor Jahren bei Frankfurter Notaren hinterlegt. Auch der Zaunkönig steht bereits auf der Roten Liste. Und dann erst dieser Generallandschaftspfleger S., der die ganze Bimbesrepublik in einen Wackelpudding verwandeln möchte. Dieser 08/15-Amigo ist doch die fleischgewordene Karikatur. Was hülfe da noch eine Zuspitzung?

Nein, satirisch gesehen gleicht auch Helmut Kohl trotz seiner immer noch imperialen Leibesfülle mehr einen Knochen, den schon eine ganze Generation von Kabarettisten, Stimmenimitatoren und Karikaturisten blank genagt hat. Sie alle werden zwar noch einmal ihre Schubladen öffnen und im oder ohne Auftrag all zu Vertrautes auf den neuesten Stand der Begierde bringen. Aber mehr als Sättigungsbeilagen zur Zeitgeschichte ist gegenwärtig kaum zu erwarten. Auch dieser verborgenen Schicksale gilt es in diesen turbulenten Tagen zu gedenken.Klaus Staeck ist politischer Grafiker, Jurist und Verleger. MIt skandalträchtigen Postkarten und Plakaten zog er sich mehrfach den Unwillen der CDU zu.

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