Zeitung Heute : Auch Stammzellen können keine Wunder wirken

Der Tagesspiegel

In den letzten Wochen haben sich die Erfolgsmeldungen über „erwachsene“ (adulte) Stammzellen gehäuft. Sie scheinen auch beim Erwachsenen noch sehr aktiv und zudem sehr wandlungsfähig zu sein – der ideale Reparaturtrupp für schadhafte oder verbrauchte Organe. Um diese Gewebe-Stammzellen zu erzeugen, muss zudem kein Embryo verbraucht werden, sondern es können einfach Zellen aus Knochenmark geerntet werden. Jetzt aber schütten britische und amerikanische Forscher Wasser in den Wein. Sie glauben bei Versuchen an tierischen Zellen herausgefunden zu haben, dass adulte Stammzellen weniger nützlich als gedacht und womöglich riskant sind.

Die zentrale These der Wissenschaftler: „Erwachsene“ Stammzellen sind vielleicht gar nicht so vielseitig. Stattdessen verschmelzen sie mit bereits existierenden anderen Zelltypen. Das wiederum hat zur Folge, dass die so entstandene Zelle einen verdoppelten Chromosomensatz hat (vierfach statt zweifach). Ob das eine Gefahr darstellt, ist ungeklärt. Mehrkernige Zellen mit entsprechend vervielfachtem Erbgut gibt es auch im gesunden Organismus – zum Beispiel in der Muskulatur, der Leber, dem Knochenmark und dem Mutterkuchen. Allerdings sind Embryonen mit zum Beispiel vierfachem Chromosomensatz nicht lebensfähig.

Die beiden Forscherteams veröffentlichen ihre Studien am heutigen Donnerstag in der Online-Ausgabe des Fachblatts „Nature“. Unter Leitung von Austin Smith von der Universität Edinburgh experimentierte die eine Gruppe mit Hirnzellen von Mäuseföten. Die Forscher legten „Neurosphären“ an – kleine Zellhaufen, in denen adulte Stammzellen des Gehirns und ihre Vorläufer in verschiedenen Entwicklungsstufen heranwachsen.

Dann wurden diese bereits spezialisierten Stammzellen aus dem Mäusehirn mit embryonalen Stammzellen zusammengebracht. Embryonale Stammzellen haben noch die Fähigkeit, sich unbegrenzt zu teilen und sich in jeden möglichen Gewebetyp zu verwandeln. Das Ergebnis war überraschend: Die Forscher gewannen Zellen, die Eigenschaften beider Gewebeformen in sich trugen.

Es handelte sich nun um Stammzellen des Gehirns, bei denen „Reprogrammierung“ aufgetreten war – diese Zellen waren biologisch verjüngt, in einem früheren Entwicklungsstadium als Gewebe-Stammzellen. Sie verhielten sich zudem wie embryonale Stammzellen, da sie sich ständig erneuerten und in viele Gewebearten entwickelten. Zugleich stellte sich heraus, dass es sich um Mischzellen aus Hirn- und embryonalen Stammzellen mit verdoppeltem Erbmaterial handelte.

Ganz ähnlich fielen die Versuche von Edward Scott und seinem Team von der Universität von Florida in Gainesville aus. Die Wissenschaftler brachten „erwachsene“ Blut-Stammzellen mit embryonalen Stammzellen von Mäusen zusammen. Auch hier stellte sich heraus, dass beide Zellarten spontan miteinander verschmolzen; die Blut-Stammzellen aus dem Knochenmark übernahmen nun Eigenschaften der Zellen, mit denen sie fusionierten.

Wenn keine genaue genetische Analyse erfolgt, kann das zu dem Fehlschluss führen, dass die Blut-Stammzellen sich von selbst umgewandelt oder verjüngt haben, schreiben die Wissenschaftler in „Nature“. Sie legen damit die Vermutung nahe, dass mancher Erfolg der jüngsten Forschung an adulten Gewebe-Stammzellen gar keiner ist, sondern auf ungenauer Untersuchung beruht.

Zwar sei es „pure Spekulation“ zu behaupten, alle Indizien für eine Verjüngung oder Verwandlung adulter Gewebe-Stammzellen seien vermutlich auf Zellverschmelzungen zurückzuführen. Aber andersherum sei es nicht auszuschließen, dass manche Erfolgsmeldung vorschnell sein könnte. Allerdings handelt es sich bei den Experimenten der beiden Forschergruppen bisher ausschließlich um Untersuchungen im Reagenzglas, die nun im Tierversuch überprüft werden müssen. Hartmut Wewetzer

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