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Immer mehr Unis bieten Kurse und Studiengänge für Berufstätige an – mit und ohne Abitur

Das Studienende muss längst kein endgültiger Abschied von der Hochschule mehr sein: Weil unser Wissen immer schneller veraltet und Berufstätige deshalb lebenslang lernen müssen, hoffen immer mehr Universitäten auf ein Wiedersehen mit ihren Absolventen. Die Hochschulen wollen Berufstätige mit – kostenpflichtigen – Weiterbildungsangeboten zurück in die Hörsäle holen. Und damit dem Vorbild der USA nacheifern: Dort haben renommierte Universitäten schon seit vielen Jahren den Fortbildungsbereich im Blick.

Aber auch an deutschen Universitäten hat sich das Angebot in den vergangenen Jahren immer stärker ausgeweitet, zum Beispiel durch die 2009 in Berlin eröffnete Deutsche Universität für Weiterbildung (DWU). Die Hochschule ist staatlich anerkannt und wird gemeinsam von der Freien Universität Berlin und der Klett Gruppe betrieben. Sie kombiniert Elemente des Fernstudiums mit Präsenzphasen vor Ort. Im Angebot hat die Hochschule Masterstudiengänge und Zertifikatsprogramme in den Bereichen Wirtschaft und Management, Bildung, Gesundheit und Kommunikation.

Weiterbildungen kosten Geld – und Zeit. Deshalb rät Michael Cordes von der Stiftung Warentest Berufstätigen, die sich für das Angebot einer Hochschule interessieren, in der Studienberatung und den Sprechstunden der Dozenten nach dem genauen Ablauf zu fragen und vielleicht auch probeweise eine Veranstaltung zu besuchen. „Viele Universitäten haben eine zentrale Anlaufstelle für Weiterbildungsangebote und den Fernunterricht.“ Hilfreich sei es außerdem, den eigenen Chef von der Wichtigkeit der oft sehr zeitaufwendigen Weiterbildungsmaßnahme zu überzeugen.

Die Zielgruppe der Berufstätigen ist anspruchsvoll – und darf es auch sein. Nach Ansicht von Andrä Wolter, Erziehungswissenschaftler an der Berliner Humboldt Universität, müssen die Hochschulen „besondere Anstrengungen“ erbringen, um Interessenten für ihre Angebote zu gewinnen. „Diese Zielgruppe ist kritisch, sehr gut informiert und motiviert, und sie verlangt in den Kursen nach einem starken Praxisbezug.“

Die Dozenten der Weiterbildungsangebote sollten sich sowohl in der Didaktik als auch in der Konzeption auf diese besonderen Studenten einstellen. Den Teilnehmern gehe es in erster Linie um die Praxistauglichkeit und konkrete Verwertbarkeit des vermittelten Wissens. Generell müssten sich Hochschulen noch viel stärker mit dem konkreten Bedarf der Berufstätigen auseinandersetzen – und der anspruchsvollen Kundschaft informative Kurse in gut ausgestatteten Räumlichkeiten bieten.

Einen anderen Aspekt hat Franziska Kupfer vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB) in Bonn im Blick: „Es wäre gut, wenn für Berufstätige mehr duale Studiengänge entwickelt würden.“ Diese Angebote könnten es vielen beruflich wie familiär stark beanspruchten Arbeitnehmern ermöglichen, ihren Weiterbildungswunsch tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Im Dezember hat der Hauptausschuss des BIBB weitere Forderungen zusammengestellt, die er an die Bildungsangebote der Hochschulen richtet. Mit diesem Katalog will das Institut die Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und der hochschulischen Bildung erhöhen. Es geht dabei vor allem um die Frage, welche Zugangsvoraussetzungen Bewerber ohne Abitur erfüllen müssen.

So fordert der BIBB, dass beruflich Qualifizierte, die eine Aufstiegsfortbildung – also zum Beispiel eine Ausbildung zum Meister, Techniker oder Fachwirt – absolviert haben, „verstärkt die Möglichkeit erhalten sollten, auch ohne ersten akademischen Abschluss ein Master-Studium aufzunehmen“. Wichtig seien auch „flexibel anwendbare Finanzierungskonzepte“, etwa eine Kombination aus einem Eigenanteil, einer betrieblichen Beteiligung und staatlicher Förderung. Außerdem wünscht sich das BIBB eine bessere Vernetzung zwischen den Trägern der Beruflichen Bildung und den Universitäten. Von den Hochschulen verlangt das Institut eine offensivere Informations- und Beratungspraxis.

Die berufliche und die akademische Bildung enger zusammenbringen will auch der von Bund und Ländern initiierte  Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“. Bewerben können sich Universitäten, die Konzepte für eine bessere Vereinbarkeit von Job und Studium entwickelt haben – und es damit zum Beispiel auch Berufstätigen ohne Abitur oder familiär stark eingebundenen Personen ermöglichen, sich an der Uni aus- und weiterzubilden. Damit lebenslanges Lernen nicht nur ein schönes Schlagwort bleibt, sondern tatsächlich Teil des beruflichen Alltags werden kann.

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